Tina Nguyen bietet neurozentriertes Training an. Für Alltagsfitness und Gesundheit geht es neben Kraft und Ausdauer um Gleichgewicht – und soziale Kontakte.
Statt dicker Muskeln„Bewegung beginnt im Gehirn“ – Kölner Fitnessstudio setzt auf Neuroathletik

Sport im Team: Clemens Valentin (63) und Trainingspartnerin (39) Sabrina Gora trainieren im Kraftletics-Kurs mit Kettlebells.
Copyright: Alexander Schwaiger
„A“ ruft Clemens Valentin, während er den von der Wand abprallenden Tennisball lässig mit einer Hand auffängt und den Buchstaben zwischen seinen Fingern abliest. In krakeliger Schrift heben sich die schwarzen Zeichen vom gelben Filz ab. Ein nächster Wurf, dieses Mal hält sich der 63-Jährige ein Auge dabei zu. Wieder landet der Ball in seiner Hand: „X“, liest er mit etwas Verzögerung ab und macht dann weiter. Es ist das Warm-up in einem Kölner Fitness-Kurs mit dem Titel „Kraftletics“.
Konzipiert hat das Programm Studioleiterin Tina Nguyen, die Black Box Athletics, ein 180-Quadratmeter-Gym, erreichbar über einen Südstädter Hinterhof, 2013 gründete. „Bewegung beginnt im Gehirn“, erklärt die 37-Jährige den Ansatz. Die Einheiten basieren auf den Prinzipien der Neuroathletik: Ein Trainingskonzept, das sich nicht nur mit den muskulären, sondern auch mit den neuronalen Prozessen und der Informationsverarbeitung beim Sporttreiben beschäftigt.

Vor über zehn Jahren hat Tina Nguyen Black Box Athletics, ein Fitnessstudio im Kölner Süden eröffnet. Inzwischen bietet sie funktionales Training für Gruppen auf Grundlage von Neuroathletik an.
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Das war nicht immer so. Ursprünglich hat Nguyen Crossfit angeboten: ein kommerzielles, hochintensives und vergleichsweise anspruchsvolles Fitnesstraining. Doch die hohe Intensität habe häufig zu Verletzungen geführt und nicht wirklich auf das Ziel eingezahlt, alltagstaugliche Bewegungen zu fördern. Nguyen tauchte stattdessen in die Prinzipien der funktionellen Neurologie ein, die davon ausgeht, dass das Nervensystem die Grundlage für gesunde Bewegungen bildet.
In Deutschland prägt Lars Lienhard, Sportwissenschaftler und ehemaliger Hürdenläufer aus Bonn, den Ansatz. Er ist Gründer der NAT, der Neuro Athletic Training GmbH. Unter anderem arbeitete er mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Tennisspieler Alexander Zverev und Sprinterin Gina Lückenkemper zusammen. Das Gehirn beschreibt er als Software, die die Hardware – die Bewegung – steuert. Sie wird mit Informationen aus den Sinnesorganen gespeist, mit Eindrücken aus dem visuellen System (den Augen), dem vestibulären System (dem Gleichgewichtssinn) und dem propriozeptiven System (der Wahrnehmung des Körpers im Raum).
Trainingskonzept ist aus dem Spitzensport bekannt
Während es bei Lienhard um Leistungsoptimierung im Profisport geht, stammt das Konzept ursprünglich aus der Therapie, genauer gesagt aus der Chiropraktik. „Da wird mit Patienten gearbeitet, die ein Symptom haben: Schmerzen, Kraftverlust, Irritationen, Nervenstörungen“, erklärt Vera Abeln vom Institut für Bewegung und Neurowissenschaft der Deutschen Sporthochschule in Köln.
Sie hat einen wissenschaftlichen Blick auf die Methode geworfen: „In der Therapie und im leistungssteigernden Training konzentrieren wir uns häufig auf den Output. Zum Beispiel: Ist die Technik sauber? Und dann wird an Bewegungsabläufen gefeilt. Das neurobasierte Training setzt im Gehirn an – dort, wo der Output entsteht, wo motorische Befehle in Auftrag gegeben werden.“ Neuroathletik sei eine Suche nach dem Fehler im System: Welche Informationen fehlen? Welche werden fehlinterpretiert? „Und dann versucht man, das Programm durch gezielte Übungen zu überschreiben“, erklärt sie.
Auf Basis dessen hat Tina Nguyen ihr Kursprogramm vor einigen Jahren auf links gedreht und die neuroathletischen Bausteine zu einem gruppengeeigneten Training zusammengesetzt. Ihre Kundschaft sind weder Spitzensportler noch Reha-Patienten, sondern „Normalos“: Freizeitsportler jeglichen Alters, die nach einem ganzheitlichen und funktionalen Training suchen.
Es gibt diese Fehlannahme, dass lediglich der Muskelaufbau zählt. Aber wenn die Balance nicht funktioniert, hilft dir ein dicker Bizeps auf der Leiter im Garten wenig
Typischerweise sieht eine Einheit in den bunt gestrichenen Räumen, in denen man sich zuallererst seiner Schuhe entledigt – „weil unsere Füße für Bewegungen und Belastungen gemacht sind“, sagt Nguyen – so aus. Erstens: neurozentriertes Aufwärmen. Da kommen die Bälle mit den Buchstaben zum Einsatz, aber zum Beispiel auch Laufaufgaben und Gleichgewichtsübungen. Zweitens: Ganzkörper-Krafttraining mit koordinativen Elementen. Drittens: Der Ausdauerpart, ebenfalls gespickt mit Aufgaben für den Kopf, etwa Reaktionsübungen. „Wenn du spielerische Elemente ins Training einbaust, lernst du schneller“, sagt Nguyen. Viertens: Cooldown, „Highfive nicht vergessen. Und danach wird gemeinsam aufgeräumt“, sagt die Kanadierin mit vietnamesischen Wurzeln. Die Putzsequenz habe sie sich aus der japanischen Kultur abgeguckt. In Schulen und Kampfsportdojos ist das Aufräumritual „Soji no jikan“ eine feste Tradition, die nicht nur Ordnung, sondern auch Teamgeist fördern soll.
Denn neben Kraft, Beweglichkeit und Koordination ist Nguyen die Gemeinschaft wichtig. „Ein riesiger Teil von Longevity (Anm. d. Red.: Langlebigkeit) und Gesundheit besteht in der sozialen Komponente, im Zusammensein mit anderen Menschen“, sagt sie. Deshalb lässt sie die Leute in Teams trainieren. Clemens Valentin und die 24 Jahre jüngere Sabrina Gora sind heute Partner, geben sich Kommandos, helfen, lachen, feuern sich an. „Wir wären uns in unserem Alltag nicht über den Weg gelaufen. Hier lernt man sich kennen und vertrauen“, sagt die 39-Jährige.

Krafttraining ist ebenso Teil des Trainings, wie koordinative Übungen, Balanceaufgaben, Beweglichkeit und Ausdauer.
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Auch Clemens Valentin gefalle diese Art des Trainings besser, als „anonyme Fitnessstudios und Übungen an geführten Geräten“. Gerade mit Blick auf die Alltagsfitness: „Es gibt diese Fehlannahme, dass lediglich der Muskelaufbau zählt. Aber wenn die Balance nicht funktioniert, hilft dir ein dicker Bizeps auf der Leiter im Garten wenig“, sagt er. Valentin ist ohnehin ein athletischer Typ, das zeigen nicht nur seine Beweglichkeit, sondern auch die sehnigen Arme und Beine. Kraftletics sei nicht das einzige Training, das er betreibt, aber doch ein wichtiger Termin in seiner Woche.
Die Anstrengung ist anpassbar. „Es ist kein hochintensives Intervalltraining, bei dem man jegliche Energiereserven aufbraucht“, sagt Sabrina Gora, der nach der Einheit trotzdem ein paar Schweißtropfen an der Stirn hinablaufen. „Wir machen hier auch Bewegungen, die Kinder automatisch können, wir Erwachsenen aber verlernt haben.“ Das liegt auch am langen Sitzen vor den Bildschirmen.
Wissenschaftlich umstritten
Nguyen erklärt: „Schon wenn Babys vor sich hinwippen, sich drehen, ihren Kopf in die verschiedensten Winkel bewegen, trainieren sie ganz automatisch ihr Gleichgewicht. Im Alter, und wenn man keinen Sport, insbesondere keine Ball- oder Mannschaftssportarten macht, nimmt diese Fähigkeit wieder ab, auch die Reflexe werden langsamer oder sind nicht optimal entwickelt.“ Das zeige sich selbst in alltäglichen Situationen, zum Beispiel im Straßenverkehr, wenn verschiedenste Reize auf den Menschen einwirken: Autos, Fahrräder, Ampeln, unterschiedliche Untergründe, Bordsteine. „Dann wird man, meist ganz unbewusst, unsicher, ängstlich, verkrampft – und ist unzufrieden.“
Im Sinne der Neuroathletik sei klassisches Balancetraining, auch zur Sturzprophylaxe, nicht ganz zu Ende gedacht. „Vieles ist nicht realistisch. Selten stehen wir auf einem Bein irgendwo rum oder auf einer weichen Wackelmatte.“ Deshalb baut die Trainerin auch Bälle, Kopfdrehungen und Blickwechsel ins Programm ein: „Um zu lernen, verschiedene Informationen aus der Umgebung wahrzunehmen, sie zu integrieren und das Bewegungsproblem zu lösen.“ Nguyen sagt: „Ältere Menschen sollten auf jeden Fall Krafttraining machen. Aber super wichtig ist auch der Gleichgewichtssinn. Am besten fängt man schon in den 20ern, 30ern oder 40ern damit an. Das legt eine Grundlage und macht einen langfristig widerstandsfähiger.“

Diese Übung ist ein Mix aus Teamwork, Rumpftraining und Hand-Auge-Koordination: Während ein Partner den Ball zuwirft, hält der andere die Bootspose, fängt den Ball und liest den Buchstaben zwischen den Fingern ab.
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Doch was passiert dabei im Körper, wenn es nicht nur um Muskelwachstum geht? „Im Gehirn kann es neuroplastische Veränderungen geben, die erlernte Muster überschreiben. Vielleicht finden neue Verbindungen von Neuronen statt oder die bestehenden Verbindungen werden in ihrer Aktivität optimiert“, erklärt Spoho-Dozentin Vera Abeln. Sie gibt aber zu Bedenken, dass es mit einer Einheit nicht getan sei: „Für Langzeiteffekte braucht es stete Wiederholung über einen längeren Zeitraum.“
Und noch einen Haken hat die Neuroathletik aus wissenschaftlicher Perspektive. „Die Evidenz fehlt noch“, sagt Abeln. Die Effekte der Methode werden kontrovers diskutiert. Zum einen lassen sich standardisierte Forschungsdesigns nur schwer erstellen. Zum anderen wird ein sehr vereinfachtes zugrundeliegendes Modell der Informationsverarbeitung kritisiert. „Es ist aber nicht untypisch für relativ neue Ansätze im Sport oder in der Therapie, dass es am Anfang keine Forschungsliteratur dazu gibt. Außerdem ist das neurozentrierte Training sehr komplex, weshalb es aufwendig ist, es zu untersuchen“, lenkt Abeln ein.
Dass das Gehirn neuroplastisch, sprich anpassbar, ist, das stehe aber fest. Einige Paper liefern positive Ergebnisse, die sich in der Bewegung spiegeln. „Von daher würde ich als Neurowissenschaftlerin sagen, dass das Konzept per se erst einmal den richtigen Ansatz verfolgt. Da liegen Chancen, tatsächlich Verbesserungen zu bewirken.“
