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Invasion im VorgartenWie die Asiatische Hornisse das Rheinland erobert

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Ein Räuber der Tierwelt: Die Asiatische Hornisse bedroht den Bienenbestand in NRW.

Ein Räuber der Tierwelt: Die Asiatische Hornisse bedroht den Bienenbestand in NRW. 

In Köln wird ein Nest zur Gefahrenlage. Die Asiatische Hornisse breitet sich aus – und verschiebt Verantwortung, Kosten und Ökologie.

Das Gift hängt als feiner Sprühnebel in der Luft, kein Nieselregen, keine Feuchtigkeit eines schwülen Tages – sondern die Markierung: ein Signal, das aus einem Menschen ein Ziel macht. In Köln, Porz-Wahnheide, steht Imker und Wespenberater Thomas Beissel in voller Schutzausrüstung vor einem Primärnest der Asiatischen Hornisse, unter dem Dach einer Terrasse, in etwa 2,10 Metern Höhe. Auf seinem Anzug, markiert durch die Alarmpheromone der Tiere, sitzen bereits „unzählige“ Exemplare. Der Garten summt nicht mehr, er dröhnt. Und während ein Nachbar noch glaubt, aus sicherer Entfernung filmen zu können, wird in Sekunden klar, dass „Abstand“ hier ein dehnbarer Begriff ist.

Beissel brüllt: „Gehen Sie weg, jetzt sofort! Egal wohin, Hauptsache weit!“ Dann holt er eine zusätzliche Schutzjacke aus dem Auto und wirft sie dem Mann zu. Das ist der Moment, in dem die Szene ihren Charakter wechselt: vom neugierigen Nachbarschaftstheater zur Gefahrenlage. Denn die Wolke aus Hornissen, hunderte Tiere in der Luft, ist nicht zufällig da; sie ist die Antwort eines verteidigungsbereiten Volkes. Was eben noch wie ein „hübsches Nest“ wirkte – so hatte es der 80-jährige Hauseigentümer genannt, der beim Versuch, ein Foto zu machen, zweimal gestochen wurde –, ist jetzt ein System, das auf Störung reagiert, koordiniert, nachsetzt.

Wenn ein Nest zum Einsatz wird

Was in Porz-Wahnheide wie ein Ausnahmezustand wirkt, ist im Rheinland längst mehr als eine Anekdote. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) betont zwar, dass die Tiere nicht angreifen, solange man dem Nest nicht zu nahekommt. Das Problem sei also weniger die einzelne Hornisse als die Wucht der kollektiven Verteidigung.

Doch egal, wie man es dreht und wendet: Die Einwanderin aus Südostasien hat sich in Nordrhein-Westfalen in wenigen Jahren von vereinzelten Nachweisen zu einem Phänomen entwickelt, das ganze Regionen beschäftigt: Imkerinnen und Imker, Naturschutz, Ordnungsämter – und immer häufiger ganz gewöhnliche Hauseigentümer, die plötzlich mit einem Nest unter dem Dachüberstand leben müssen.

Einwanderin aus Südostasien

Vespa velutina nigrithorax stammt ursprünglich aus Südostasien. 2004 wurde in Südwestfrankreich erstmals eine Unterart in Europa nachgewiesen, zehn Jahre später war sie auch in Deutschland angekommen. Die Tiere wirken auf den ersten Blick dunkler und „schlanker“ als die heimische Europäische Hornisse. Ihr Körper ist überwiegend dunkelbraun bis schwarz, am Hinterleib sieht man eher schmale gelbliche Binden, und auffällig sind oft die gelb gefärbten Beinenden. Die Europäische Hornisse dagegen erscheint insgesamt wärmer gefärbt: deutlich gelb-orange, mit kräftigerer Zeichnung am Hinterleib.

Ein Nest von Asiatischen Hornissen an einer Birke.

Ein Nest von asiatischen Hornissen an einer Birke. Forscher haben Mini-Sender an Asiatischen Hornissen befestigt und so ihre Nester entdeckt.

Frühstart ins Jahr

Die Meldungen in NRW steigen rasant, und auffällig ist nicht nur die Menge, sondern auch der Zeitpunkt: Schon sehr früh in diesem Jahr wurden Tiere beobachtet, früher als in den Jahren zuvor. Das ist kein Detail für Statistikfreunde, sondern ein praktisches Problem. Wer früher startet, hat mehr Zeit, Nester zu gründen, Völker aufzubauen und sich im Sommer in die Höhe der Baumkronen zu verlagern, in der man sie erst erkennt, wenn die Blätter im Herbst wieder fallen.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima NRW (Lanuk) bestätigt die massive Ausbreitung. 2025 seien mehr als 7300 Exemplare gemeldet worden – im Jahr zuvor knapp 1400. Und 2023 seien es knapp 400 und 2022 nur neun Sichtungen gewesen. In diesem Frühjahr seien bisher bereits mehr als 120 Beobachtungen bestätigt worden. Besonders häufig finde sich die invasive Art im Rheinland und im Ruhrgebiet, doch auch in die östlichen Landesteile dringe sie immer weiter vor.

Köln als Korridor und Brennpunkt der Invasion

Köln ist dabei ein Brennpunkt, weil hier die Geografie der Stadt – Gärten, Kleingartenanlagen, Bahntrassen, Brachflächen, Baumreihen entlang von Straßen – ideale Korridore bildet. Die Stadt berichtet für das vergangene Jahr von Hunderten gemeldeten Nestern im Stadtgebiet: auf privaten Flächen mehr als hundert, auf städtischen Flächen eine geringe dreistellige Zahl.

Parallel zur Ausbreitung hat sich die Strategie verändert. Die Asiatische Hornisse gilt in Deutschland als etabliert – und damit endet in der Praxis die Idee, jede einzelne Ansiedlung auslöschen zu können. „Der Drops ist gelutscht“, drückt Hornissen-Experte Beissel das aus: „Die Tiere sind hier, wir werden sie nicht mehr vertreiben können und sie werden für immer bleiben.“

Verantwortung, Kosten, Einzelfälle

Durch die neue Einstufung sind die Behörden nicht mehr verpflichtet, jede Meldung zu berücksichtigen. Entfernt wird nur noch im Einzelfall, etwa wenn der Bevölkerungsschutz es verlangt. Auch in Köln wird das so gehandhabt: Auf städtischen Flächen ließ die Stadt einen Großteil der Nester stehen; entfernt wurde nur ein Teil – aus Schutzgründen. Auf privatem Grund liegt die Entscheidung und damit oft auch die Rechnung beim Eigentümer. Eine Bekämpfung im Herbst koste bei ihm – je nach Methode – „350 Euro zuzüglich Anfahrt“ oder „420 Euro pro Nest“, wenn er mit einem Absaugsystem arbeite, das er „bis auf 36 Meter Höhe“ einsetzen könne, sagt Hornissen-Experte Beissel.

Auch an Überhängen von Hausdächern befestigen die Tiere ihre Nester.

Auch an Überhängen von Hausdächern befestigen die Tiere ihre Nester.

Und weil diese Summen in vielen Haushalten erst einmal wie ein unerwarteter Reparaturposten wirken, verweist er auf eine pragmatische Option: „Viele Gebäudeversicherungen“ übernähmen mitunter die Kosten, teils „bis zu 500 Euro“ pro Jahr – allerdings nicht automatisch, man müsse es im Einzelfall klären.

Das Massaker am Bienenstock

Und dann ist da das eigentliche Drama aus Sicht vieler Imker und das Dilemma für das Ökosystem: die Jagd vor den Bienenstöcken. Vor dem Flugloch im Kölner Süden wirkt alles wie immer: ein steter Verkehr, Anflug, Abflug, Routine.

Dann steht plötzlich etwas in der Luft, als hätte es dort ein Recht zu schweben. Die Asiatische Hornisse verharrt im Schwebeflug direkt vor dem Eingang des Stocks. Sie wartet nicht im Gebüsch, sie patrouilliert vor der Tür. Jede heimkehrende Flugbiene muss durch diesen Korridor – beladen, zielstrebig, vorhersehbar. Der Zugriff passiert im Bruchteil einer Sekunde. Und die Tötung ist ebenso nüchtern wie brutal: Mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen, den Mandibeln, köpft die Hornisse ihre Beute und behält vor allem das eiweißhaltige Bruststück. Eine kann, so heißt es, bis zu sechs Bienen pro Stunde schlagen. Die Bienen registrieren die Angriffe – und stellen bei starker Jagd ihren Flugbetrieb ein. Was wie Ruhe aussieht, ist bereits Schaden: weniger Sammelflüge, weniger Eintrag, mehr Stress. Und wenn die Verteidigung am Flugloch schwächelt – etwa wenn weniger Wächter da sind oder bei ungünstigen Bedingungen – dringen Hornissen gelegentlich auch in den Stock ein und richten dort Schaden an.

Wenn die Bienen knapp werden, frisst die Hornisse die Insekten

Die Asiatische Hornisse gilt als Allesfresser. Einer französischen Studie zufolge besteht ihre Nahrung in urbanen Bereichen jedoch zu 66 Prozent aus Honigbienen. Das ist ökologisch relevant, weil Honigbienen zwar nicht die einzigen Bestäuber sind, aber in Landwirtschaft und Stadtökologie eine große Rolle spielen – auch für „Wildpflanzen“, die Insekten, Vögel und schließlich ganze Lebensräume mittragen.

Thomas Beissel sieht in der Asiatische Hornisse deshalb nicht nur einen Räuber, sondern auch den Kostentreiber, der sich durch ein ganzes System frisst: vom Bienenstand über die Bestäubung bis in die Preise an der Ladentheke. „Und wenn die Honigbienen knapper werden, sind die Insekten an der Reihe.“ Die Folgen für die Ökologie sind schwer abzuschätzen. Sicher ist nur, dass die Hornissen einen gigantischen Hunger haben. Ein durchschnittliches Nest verzehrt in einer Saison rund 11,3 Kilogramm Insekten und Spinnen, was etwa 97.000 Beutetieren entspricht, berichten Experten.

Zurück in Porz-Wahnheide

All dies spielt keine Rolle, als Beissel bei seinem Einsatz in Porz-Wahnheide mit dem Absaugen des angreifenden Schwarms beginnt. Seine Hände sind „binnen Sekunden schwarz bedeckt“ von den Tieren, die Saugleistung seiner Spezialmaschine lässt nach, der Ansturm nicht. Dann rasen seine Gedanken: „Hör auf! Geh… Die bringen dich um!“ Beissel zwingt sich zur Ruhe, atmet, vertraut der Ausrüstung – und arbeitet weiter, bis die Verteidigungswelle bricht. Danach kann er das Einflugloch versiegeln; erst so stoppt der Nachschub aus dem Nestinneren.

Imker und Wespenberater Thomas Beissel beim Aufstellen von Lockstoff

Imker und Wespenberater Thomas Beissel beim Aufstellen von Lockstoff

Als er später nachschaut, stellt sich heraus, dass nur noch rund zwanzig Arbeiterinnen und die Königin übrig waren. Nahezu das gesamte Volk hatte sich in die Verteidigung gestürzt.