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Strickcafé an der Uniklinik KölnWo Sorgen und Ängste für einen Nachmittag keinen Platz haben

5 min
17.03.2026, Köln: Das Haus Lebenswert bietet bietet Beratung für Krebskranke und deren Angehörige.
Besuch bei einer Gruppe, die sich regelmäßig zum Stricken in der Uniklinik Köln trifft.

Foto: Michael Bause

Sabine Hartmann und anderer Frauen treffen sich zum Strickkreis in der Uniklinik Köln. Der Verein Lebenswert bietet die Nachmittage für Krebskranke und deren Angehörige an.

Im Haus Lebenswert im CIO an der Uniklinik Köln bekommen Krebspatienten und ihre Angehörige mehr als nur Rat. Seit Anfang des Jahres gibt es auch ein Strickcafé, denn Handarbeit kann erstaunlich viel Kraft schenken.

Die Socken waren das erste, was er sich von ihren Nadeln wünschte. Hellgrau mit rosafarbenen Spitzen. „Früher habe ich immer nur für mich, die Töchter oder Kleinkinder aus der Familie gestrickt. Aber nach der Diagnose klagte mein Mann immer über kalte Füße, diese Socken findet er ganz toll“, sagt Sabine Hartmann. Ihre kurzen grauen Locken wippen leicht, wenn ihre Nadeln den zarten rosafarbenen Faden zu einem filigranen Netz weben. Diesmal ein Sommerpullover, am Nacken startend, an einem Stück wird sie sich in den kommenden vielen Strickstunden zum Saum hinunterarbeiten. Hartmann sitzt mit einer Handvoll anderer Frauen im Besucherzentrum der Uniklinik Köln.

Vor der Tür herrscht geschäftige Betriebsamkeit, lauter Patienten, Rollstühle, Ärzte, Besucher kreuzen hier durch Eingangshalle und Flure. Hier drinnen dagegen ein Nest der Ruhe und Gemütlichkeit. Stricknadeln liegen auf dem Tisch, Wollknäule stapeln sich neben Kaffeekannen und Limonadenflaschen. An Nurans Platz tummeln sich winzige Giraffen, Hasen, Bären – alle aus Wollresten gehäkelt. Steffi klappert an einem Spüllappen aus reiner Baumwolle, Iris lässt einen ganz dünnen Sommerschal aus weißer Glitzerwolle wachsen. Ein Strickkreis könnte man meinen. Dabei ist das, was sich hier zusammengepuzzelt hat, viel mehr als Zeitvertreib. Eher ein bisschen Licht und Zuversicht, Zusammenhalt, Ablenkung. Eine Oase, wenn eine Krebsnachricht wie ein Meteorit in das Leben einschlug und erstmal nur Wüste hinterlassen hat. Sabine Hartmann traf die Diagnose vor einem halben Jahr: Ihr Mann erkrankte an Krebs.

Anleitung im Dasein und in Selbstfürsorge

Manchmal zeigen sich die Belastungen einer Krebserkrankung in ganz alltäglichen Momenten, sagt Daniela Breitschuh. „Ein Vater erzählt auf der Station, wo seine krebskranke Frau behandelt wird, dass es morgens immer schwer sei, da er den Zopf seiner Tochter einfach nicht so flechten könne wie die Mama“, sagt Breitschuh, Diplom-Psychologin und Geschäftsführerin des Vereins Lebenswert. Andere brauchten Hilfe, die Krankheit zu verarbeiten und akzeptieren. Wieder andere unterstütze man im Erlernen einer für viele völlig neuen Fähigkeit: „Im Da-Sein, nicht Da-Tun“, sagt Breitschuh. „Wir definieren uns oft über das was wir leisten und wie aktiv wir sind – das ist auch völlig in Ordnung. Auch bei einer Krebserkrankung ist Aktiv-Sein, Bewegung und Beschäftigung hilfreich. Aber in dem Moment, in dem eine Krebsdiagnose ins eigene Leben tritt oder den engsten Kreis betrifft, verändert sich der Blick: Selbstfürsorge wird plötzlich viel wichtiger und bekommt einen neuen Stellenwert.“ sagt Breitschuh.

17.03.2026, Köln: Das Haus Lebenswert bietet bietet Beratung für Krebskranke und deren Angehörige.
Besuch bei einer Gruppe, die sich regelmäßig zum Stricken in der Uniklinik Köln trifft.
Im Bild Dipl.-Psych. Daniela Breitschuh, Psychologische Psychotherapeutin und Geschäftsführerin Haus Lebenswert.

Foto: Michael Bause

Daniela Breitschuh ist Psychologische Psychotherapeutin und Geschäftsführerin des Hauses Lebenswert.

Daniela Breitschuh sitzt im sechsten Stock des Centrums für Integrierte Onkologie der Uniklinik Köln. Von hier oben hat man Ausblick auf die ganze Stadt: Der Campus der Uniklinik, die roten Dächer von Lindenthal, irgendwo nahe des Horizonts auch Dom und Colonius. Über den Dächern des Klinikbetriebs ist ein Ort der Ruhe entstanden – ein Raum, in dem Zeit eine andere Qualität bekommt.

Der Verein Lebenswert e.V. versorgt Patientinnen, Patienten und deren Angehörige psychoonkologisch und berät sie beim Umgang mit der Diagnose, bei Ängsten, aber auch in sozialrechtlichen Fragen. Seit fast 30 Jahren gibt es das Angebot an der Kölner Uniklinik, gefördert wird es durch Sponsoren, aber auch Spenden, seit sechs Jahren finden Betroffene hier im obersten Stock des CIO eine Anlaufstelle. Es gibt Schminkkurse für Patientinnen, die eine Chemotherapie hinter sich gebracht haben, Musikgruppen, einen Chor, Werkräume mit Kunstangeboten. Alles dienlich der Antwort auf die Frage, die für Patienten und Angehörige nach einer Diagnose so zentral ist, wie Breitschuh weiß: „Wo sind die Kräfte? Wo sind die Ressourcen? Wer braucht noch Hilfe?“

17.03.2026, Köln: Das Haus Lebenswert bietet bietet Beratung für Krebskranke und deren Angehörige.
Besuch bei einer Gruppe, die sich regelmäßig zum Stricken in der Uniklinik Köln trifft.

Foto: Michael Bause

Maschen zählen, Wollqualität vergleichen, Muster austauschen: Stricken senkt den Blutdruck und hält vom Grübeln ab.

Fragt man Sabine Hartmann nach ihrer Kraftquelle, dann stößt man relativ schnell auf ihre handarbeitlichen Fähigkeiten. „Ich habe schon immer gestrickt und genäht, ich bin so großgeworden“, sagt sie. „Eigentlich bin ich ein Unruhegeist“, sagt Hartmann. Keine, die sich einfach so aufs Sofa setze. Der Weg der Entspannung hangle sich in ihrem Fall an einem Wollfaden entlang. Denn Handarbeit verbindet zwei eigentlich gegensätzliche Dinge miteinander: Stillstand und Wachstum. Es gibt sogar eine ganze Reihe wissenschaftlicher Studien dazu, die den therapeutischen Wert der Nadelarbeit erklären. So senken die sich immer wiederholenden Bewegungen den Spiegel des Stresshormons Cortisol und beruhigen den Puls. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass Stricken Ängste mildern, die Konzentration fördern und durch das Erfolgserlebnis das Wohlbefinden steigern kann. Ein bisschen wie Meditation – nur dass man am Ende mindestens ein Paar Socken vorzeigen kann. Und kommunikationsfördernd ist so ein gemeinsames Nadelklappern eben auch, das hat auch Daniela Breitschuh schon erlebt: „Ich habe dabei schon Therapiegespräche geführt. Da geriet das Gespräch viel besser in Bewegung. Es ist uns gelungen, Belastendes wegzustricken.“

Kein Wunder, dass Krebspatienten und deren Angehörige intuitiv die Kraft der Nadeln nutzten. „Wir haben festgestellt, dass in den Wartebereichen viel gestrickt wurde, das hat uns auf die Idee gebracht, ein Strickcafé anzubieten“, sagt Breitschuh.

Seit Anfang des Jahres treffen sich also Sabine, Iris, Steffi und die anderen. Sie alle verbindet ein Gegner, der aber oft gar keinen allzu großen Raum am gemütlichen Tisch bekommt. Natürlich gäbe es da viel zu besprechen. „Da strömen ja so viele Dinge auf einen ein. Ängste, aber auch all das Organisatorische, die Fragen nach der richtigen Ernährung“, sagt Hartmann. Aber manchmal machen die Strickerinnen einfach die Tür zu, ehe das lästige Thema mit reinschlüpfen und sich mal wieder breit machen kann. „Ich weiß, dass alle Bescheid wissen, dass wir alle ähnliches durchmachen. Aber eigentlich reden wir tatsächlich meistens über andere Sachen. Der Tumor bestimmt ja schon mein ganzes restliches Leben. Da ist es gut, hier einen Raum für anderes zu haben“, sagt Hartmann.

Für den Austausch über Wollqualitäten zum Beispiel. „Probier mal halb Wolle, halb Baumwolle aus. Das ist erstens weicher, zweitens leiert es nicht aus“, sagt Steffi zum Beispiel. „Guck mal, wenn ich diesen Schal trage, dann sieht man meine Falten am Hals gar nicht mehr“, sagt Iris. Und Nuran: „Ich werfe keine Wolle weg, wenn der Rest auch noch so klein ist: Eine Blume lässt sich immer noch draus häkeln.“