Es versteckt sich meist jahrzehntelang in den Nervenzellen. Wenn es ausbricht, sind die Schmerzen stark. Beim Medizintalk im Kölner Domforum beantworteten zwei Kölner Experten die wichtigsten Fragen zum Varizella Zoster Virus.
Medizintalk GürtelroseVarizella zoster - ein stiller, gefährlicher Mitbewohner auf Lebenszeit

Medizintalk zum Thema Gürtelrose im Domforum mit Professor Beate Müller von der Uniklinik Köln und Hausarzt Dr. Nils Vogel. Moderation: Claudia Lehnen.
Copyright: Alexander Schwaiger
Was ist Gürtelrose und woher kommt sie?
Gürtelrose – medizinisch Herpes Zoster – ist keine neue Infektion, sondern eine Reaktivierung eines alten Bekannten: des Varizella-Zoster-Virus, das bereits die Windpocken ausgelöst hat. „Gerade für Kinder sind Windpocken eigentlich gar nicht so gefährlich", sagt Professor Dr. Beate Müller, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Köln. „Aber diese Viren ziehen sich in die Nervenzellen zurück, dort verstecken sie sich, sodass unser Immunsystem sie nicht mehr findet." Das Tückische: In mehr als 95 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland schlummert das Virus, ohne dass sie es ahnen – ein stiller Mitbewohner auf Lebenszeit.
Bricht das Virus irgendwann bei allen aus?
Nein. „Von 100 Personen in Deutschland bekommen ungefähr 20 bis 30 Prozent irgendwann im Laufe des Lebens einen Herpes Zoster", so Müller. Das Virus trügen zwar sehr viele in sich – doch nur bei einem Teil wird es wieder aktiv. Entscheidend ist dabei der Zustand des Immunsystems. „Man weiß, dass das Immunsystem mit dem Alter schwächer wird. Unsere Fähigkeit, Infekte abzuwehren, wird schlechter, je älter wir werden. Und bei Herpes Zoster sieht man so ab 70, 75, 80, dass da die Kurve der Häufigkeit ansteigt." Auch schwere Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, Krebs oder eine Chemotherapie können das Risiko erhöhen.
Warum erkranken heute auch jüngere Menschen häufiger?
Eine interessante Beobachtung aus der Praxis bestätigt Dr. Nils Vogel, Hausarzt in Frechen: „Es betrifft bei mir in der Praxis immer mal wieder auch jüngere Menschen." Eine mögliche Erklärung liefert die sogenannte Booster-Theorie. Seit 2004 werden Kinder in Deutschland gegen Windpocken geimpft – mit großem Erfolg: Die Fallzahlen sanken von rund 750.000 im Jahr 2003 auf etwa 18.000 im Jahr 2018. Doch dieser Erfolg könnte einen Nebeneffekt haben. Vogel sagt: „Ich bin ein Anhänger dieser Booster-Theorie." Die Idee dahinter: Früher kamen Erwachsene durch den Kontakt mit erkrankten Kindern immer wieder unbewusst mit dem Virus in Berührung – eine Art natürliche Auffrischung für das Immunsystem. „Das hat den Körper daran erinnerte: Da ist was, vergiss das nicht." Dieser Effekt fehlt heute weitgehend.

„Der wesentliche Unterschied zu den Windpocken ist, dass die Nerven betroffen sind. Das kann einfach sehr schmerzhaft sein“, sagt Professor Dr. Beate Müller.
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Wie äußert sich Gürtelrose – und warum ist sie so schmerzhaft?
„Der wesentliche Unterschied zu den Windpocken ist, dass die Nerven betroffen sind", sagt Müller. Kurz: „Das kann einfach sehr schmerzhaft sein." Typisch ist ein halbseitiger, gürtelförmiger Ausschlag mit Bläschen, der von brennenden, stechenden oder einschießenden Schmerzen begleitet werden kann. Manchmal kündigt sich die Erkrankung durch Jucken, Brennen oder ein allgemeines Unwohlsein an, bevor die Bläschen sichtbar werden. Das führt oft zu privaten Fehldiagnosen, berichtet Vogel aus seiner Praxis: „Ein Patient, der unter einem chronischen Rückenschmerz leidet, behandelt das erstmal selber – und sitzt dann irgendwann in der Sprechstunde und sagt: Heute Morgen hat meine Frau gesagt: Was hast du denn da hinten?"
Was ist die Post-Zoster-Neuralgie – und wie häufig tritt sie auf?
Für die meisten Patienten ist Gürtelrose ein vorübergehendes Leiden von ein bis drei Wochen. Doch für einen Teil bleibt ein chronischer Nervenschmerz zurück, der die Lebensqualität massiv einschränkt. „Etwa zehn Prozent der Herpes-Zoster-Ausbrüche leidet unter längerfristigen Schmerzen, noch mal jeder Zehnte davon hat länger als ein halbes Jahr damit zu tun", sagt Vogel. Besonders häufig treten langanhaltende Schmerzen auf, wenn das Gesicht betroffen ist oder größere Körperbereiche. Wichtig ist daher: „Von Anfang an mit konsequenter Schmerzmedikation gegensteuern."
Wie wird Gürtelrose behandelt – und warum muss man schnell handeln?
Die Behandlung besteht aus zwei Säulen: antivirale Medikamente (sogenannte Virostatika wie Aciclovir) sowie Schmerzmitteln. Das Entscheidende ist der Zeitfaktor. „Diese Medikamente töten keine Viren, sie hemmen die Replikation der Viren. Je früher man das unterbricht, desto besser", sagt Vogel. Bei Befall des Auges ist besondere Eile geboten: „Im schlimmsten Fall droht die Erblindung – da muss man wirklich so schnell wie möglich mit einer Infusion gegensteuern", sagt Müller. Bei schweren Verläufen oder anhaltenden Nervenschmerzen kämen zusätzliche Therapien infrage: spezielle Schmerzmittel wie Gabapentin oder Pregabalin, in hartnäckigen Fällen auch Opiate, Elektrostimulation (TENS), Botox-Injektionen oder Capsaicin-Pflaster.
Ist Gürtelrose ansteckend?
Ja – aber mit wichtiger Einschränkung. Anders als Windpocken, die sich über die Luft verbreiten, überträgt sich Gürtelrose nur über die Flüssigkeit in den Bläschen. „Sobald die Bläschen abgekrustet sind, besteht keine Ansteckungsgefahr mehr", sagt Müller. Wer bereits Windpocken hatte – und das sind in Deutschland fast alle Erwachsenen – ist zudem weitgehend geschützt. Vorsicht ist jedoch geboten gegenüber Säuglingen ohne Immunschutz oder Menschen mit Immunschwäche. Praktische Empfehlung: „Solange die Bläschen offen sind, macht es Sinn, in einem Haushalt unterschiedliche Handtücher zu benutzen."
Stimmt es, dass Gürtelrose Herzinfarkt, Schlaganfall oder Demenz begünstigen kann?
Diese Zusammenhänge werden tatsächlich in der Forschung diskutiert – sind aber noch nicht abschließend belegt. „Man beobachtet das, aber der genaue biologische Mechanismus ist noch nicht hundertprozentig klar", sagt Müller. Grundsätzlich gilt: Jede schwere Viruserkrankung belastet Nerven und Gefäße. Umgekehrt zeigt die Forschung auch: Impfungen gegen Infektionskrankheiten können das Herzinfarktrisiko senken.
Kann man sich gegen Gürtelrose impfen lassen – und für wen lohnt es sich?
Ja. Seit einigen Jahren steht der Totimpfstoff Shingrix zur Verfügung, der in zwei Dosen verabreicht wird und deutlich besser wirkt als der frühere Lebendimpfstoff. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung ab 60 Jahren für alle sowie ab 18 Jahren für Menschen mit relevanten Grunderkrankungen oder Immunschwäche. „Der Impfschutz hält wahrscheinlich etwa zehn Jahre gut", sagt Vogel – weshalb der Impfzeitpunkt gut gewählt sein sollte: nicht zu früh, damit der Schutz im hohen Alter noch greift. Auch wer bereits an Gürtelrose erkrankt war, kann und sollte sich impfen lassen: „Man sollte drei bis sechs Monate Abstand halten und dann impfen lassen", so Müller. Wichtig zu wissen: Die Impfung schützt nicht vollständig vor einem Ausbruch, reduziert aber das Risiko und vor allem die Schwere des Verlaufs erheblich.
Warum ist die Impfquote trotzdem so niedrig?
Shingrix hat in der Verträglichkeit nicht den allerbesten Ruf. „Der Grippeimpfstoff ist angenehmer als Shingrix – zumindest sagen das die Patienten", sagt Vogel. Hinzu kommt der Preis, der allerdings von der Krankenkasse übernommen wird: Pro Dosis kostet Shingrix rund 290 Euro – bei zwei erforderlichen Injektionen eine erhebliche Summe. „Es gibt nur einen Hersteller – ein Monopol. Und Impfstoffpreise sind in Deutschland nicht reguliert", kritisiert Prof. Müller, die selbst Mitglied der STIKO ist. Shingrix zählt mittlerweile zum elftgrößten umsatzstärksten Arzneimittel in Deutschland. Dennoch lohnt sich die Impfung: Die Nebenwirkungen seien „manchmal unangenehm, aber nicht schwerwiegend", und ließen sich gut einplanen. „Man muss sich einfach zwei bis drei Tage danach freihalten", empfiehlt die Expertin.

