Dieter F. lebte im Johannes Hospiz Oberberg. Er erzählte, warum ihm Bewegung, Freiheit und klare Entscheidungen am Lebensende wichtig sind.
Hospiz – die letzte StationWeshalb Dieter F. auch im Hospiz noch unterwegs sein wollte

Im Hospiz liegen Leben und Sterben nah beieinander. Zugleich prägen Fürsorge, Gespräche und Alltag die Zeit der Gäste.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Dieter F.: „Mit 20 bin ich aus Frankfurt weg. Gelernt habe ich eigentlich nichts, ich habe mir alles autodidaktisch beigebracht. Eine Zeit lang habe ich bei einer NGO gearbeitet, biologische Kläranlagen in Ungarn gebaut, und war viel im Ausland. Dann bin ich irgendwann im Oberbergischen gelandet, habe hier als Hausmeister gearbeitet, bis zur Rente. Seit fünf Jahren bin ich Rentner.
Seit gut vier Wochen wohne ich jetzt hier im Johannes Hospiz Oberberg. Vorher war ich im Krankenhaus, musste an die Dialyse. Das hat nicht gut ausgesehen. Dann wollte ich nach Hause, und musste feststellen, dass es allein nicht mehr geht. Ich bin zweimal gestürzt. Irgendwann muss die Vernunft siegen.
Jemand vom Hospiz hat mich im Krankenhaus besucht und mir erklärt, wie das hier läuft. Er hat gesagt: „Sie sind der Chef im Ring. Wir machen nichts, was Sie nicht wollen.“ Mir ging es psychisch nicht gut, körperlich auch nicht. Der Weg zur Entscheidung ins Hospiz war dann naheliegend.
Als ich hier ankam, war mein erster Gedanke: Hospiz verbindest du mit Sterben. Hier liegen Leben und Sterben sehr nah beieinander. Das stimmt, und das war gewöhnungsbedürftig. Was mich aber überrascht hat, war, dass hier auch viel gelacht wird. Hier herrscht ein unheimlich schöner Umgang. Das Lachen verbinde ich mit Lebendigkeit. Der Tod wird nicht ständig thematisiert, er drückt nicht auf alles.
Einen typischen Tag gibt es für mich hier kaum. Es gibt morgens ein zauberhaftes Frühstück, Spiegelei mit Speck zum Beispiel. Dann lese ich Zeitung. Ich habe das Glück, gute Freunde zu haben. Die kommen zwei-, drei-, manchmal viermal die Woche. Dann gehen wir mal ein Eis essen, Hauptsache raus. Ich versuche, in Bewegung zu bleiben. Den Flur laufe ich rauf und runter, 20-mal, wenn es sein muss. Ich weiß nicht, wie lange ich noch beweglich bin. Das kann schnell gehen, das kann länger dauern. Und deshalb will ich jetzt noch, solange ich kann, mit Freunden wegfahren. Die Tür ist hier im Haus immer auf. Ich bin ja nicht festgebunden.
„Ich habe festgestellt, dass es für mich helle Tage und dunkle Tage gibt“
Im Februar waren wir noch in Rimini, zwei Freunde und ich. Ins Fellini-Museum sind wir gefahren. Wer fährt schon im Winter nach Rimini? Wir. Im Sommer ist es dort zu voll. Das war noch einmal ein schöner Trip. Jetzt überlegen wir, ob wir nach Belgien oder Holland fahren. Muss nichts Großes sein. Einfach mal wieder Abstand gewinnen.
Meine engsten Bezugspersonen wohnen nur ein paar Minuten weg von hier. Die kenne ich seit 30 Jahren. Die wissen, wie es in mir aussieht. Seitdem ich hier bin, führen wir andere Gespräche, intensivere Gespräche. Nicht mehr so flapsig. Und doch thematisieren wir nicht jeden Tag den Tod. Das wäre Unfug. Aber die Gespräche sind inniger geworden.
Die Beziehung hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Ich bin gelassener geworden. Früher bin ich ratzfatz an die Decke gegangen wegen völligem Blödsinn. Ich versuche, mich zurückzunehmen. Und meistens gelingt es.
Ich habe festgestellt, dass es für mich helle Tage und dunkle Tage gibt. An einem hellen Tag ist es so wie heute. Die Sonne scheint, ich unterhalte mich nett. An einem dunklen gehe ich abends mit dunklen Gedanken ins Bett und stehe morgens mit dunklen Gedanken wieder auf. Das kann ich nicht verhindern. Aber ich versuche, mich nicht zu oft davon auffressen zu lassen.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke: In 70 Jahren macht man ziemlich viel, Gutes und Schlechtes. Es gab Zeiten, da war ich ein unruhiger Geist. Ich bin viel gereist, war immer wieder im Ausland. Eine der schönsten Zeiten war, als ich mit Anfang 30 in Südfrankreich gelebt habe, oben in den Pyrenäen, nahe Andorra. In alten Bergdörfern, mit Menschen, die ihr Leben lang Bergbauern waren. Da habe ich auch Ziegenkäse gemacht, obwohl Käse eigentlich nicht meins ist. Aber Ziegen mag ich. Materiell gab es weniger, aber besser war die Lebensqualität.
Ich habe entschieden, keine Chemotherapie zu machen. Mir geht es jetzt gut, ich bin schmerzfrei. Bei einer Chemo kann mir keiner sagen, wie die Nebenwirkungen ausgehen. Das war für mich keine Option. Die Angst vor dem Sterben ist, glaube ich, vor allem die Angst vor dem Unbekannten. Was passiert da? Der Moment selbst, der kommt unausweichlich. Ich habe für mich abgeklärt: Ich will keine Schmerzen haben. Das ist verbrieft und besiegelt.
Danach werde ich eingeäschert und in den Rhein gestreut. Die Nordsee wäre zu teuer und zu weit. Ich war früher gerne auf dem Wasser, bin gesegelt. Das ist das Element, das ich mag. Da will ich bleiben.“
Zur Person: Dieter F., 70 Jahre alt, war gebürtiger Frankfurter. Er arbeitete unter anderem im Ausland, später viele Jahre als Hausmeister im Oberbergischen. Das Gespräch wurde bereits Ende Mai aufgezeichnet. Zu dem Zeitpunkt lebte er seit vier Wochen im Johannes Hospiz Oberberg. Dieter F. ist inzwischen verstorben.
