Gerd Hövel lebt im Johannes Hospiz Oberberg und spricht nüchtern über den Tod, seine Krankheit und die Hoffnung auf ein friedliches Ende.
Hospiz – die letzte Station„Hier kümmert man sich um mich“ – warum Gerd Hövel ins Hospiz ging

Gerd Hövel sitzt am liebsten im Garten des Hospiz. Bei der Sitzecke unter den großen Bäumen ist es meistens schön schattig.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Gerd Hövel: „Mein Bruder hatte ziemlich dieselbe Krankheit wie ich und war in einem Hospiz in Köln. Da haben die Leute im Bett gelegen, dreimal am Tag ihre Medikamente bekommen, und das war es. Da hat sich keiner mal bemüht, hat gesagt: Steh mal auf, geh mal raus in den Garten. Verglichen damit sind das hier fünf Sterne. Da waren es vielleicht drei, wenn es hochkommt.
Seit vier Monaten wohne ich jetzt hier im Johannes Hospiz Oberberg. Was mich hierhergebracht hat, war ein ganz praktischer Gedanke. Wenn ich zu Hause alleine war und abends ins Bett gegangen bin, habe ich mir manchmal gedacht: Wenn du hier umfällst, fällt das den Leuten erst auf, wenn du im Hausflur anfängst zu stinken. Hier kümmert man sich um mich. Das war mir wichtig.
Mein Alltag hier: Ich gehe raus, rauche eine, sitze draußen, unterhalte mich. Ansonsten Fernsehen, Nachrichten. Ich nehme die Angebote wahr, die das Haus macht. Das Grillfest zum Beispiel. Ich war immer schon der Einzelgänger, das war schon so, als ich noch arbeiten gegangen bin. Aber Freunde habe ich noch. Der Markus zum Beispiel, der wohnt hier in der Nähe. Mit dem war ich schon mal draußen, ein bisschen in Wiehl unterwegs, Kaffee trinken.
Ich habe lebenslang bei einer Spedition gearbeitet. Durch meine Erkrankung musste ich den Job leider aufgeben. Ich bin immer gerne arbeiten gegangen und war nie von irgendjemandem abhängig. Darauf bin ich stolz.
Eine andere Station, auf die ich mit Stolz blicke, war die Zeit, in der ich verheiratet war und Kinder hatte. Zwei Söhne. Dann ist ein herber Schicksalsschlag passiert: Ich habe beide 1995 verloren. Das war das Schlimmste in meinem Leben, was mir je passiert ist. Ich habe mir für meine Kinder ein Bein ausgerissen. Und dann war das von heute auf morgen vorbei.
Mein Traum war immer, bis zur Rente durchzuhalten und dann meinen Koffer zu packen und irgendwo auf der Welt zu leben, wo ein menschenwürdiges Klima herrscht, wo die Temperatur nie unter 25 Grad fällt. Wütend bin ich nicht, dass es nicht geklappt hat. Vielleicht ein bisschen enttäuscht. Aber ich habe das Thema schnell aufgegeben, weil dort keine vernünftige ärztliche Versorgung gewährleistet wäre.
„Mittlerweile versuchen wir, bei Themen zu bleiben, die Freude machen“
Angst vor dem Sterben habe ich nicht. Ich hatte einmal eine Nahtoderfahrung. Einen Verkehrsunfall, dabei ist mir im Kopf ein Äderchen geplatzt. Am Unfallort war ich kurz klinisch tot. Ein Sanitäter, der zufällig vorbeikam, hat mich wiederbelebt. Danach lag ich eine Woche im Koma. Als ich wieder aufgewacht bin, wusste ich nichts mehr. Nicht mal meinen eigenen Namen. Meinen eigenen Bruder habe ich nicht wiedererkannt, als er ins Zimmer kam. Die Erinnerungen sind nach und nach zurückgekommen.
Was ich von diesem Moment in Erinnerung habe: Ich kann nicht sagen, was wirklich passiert ist, als ich dem Tod so nah war. Aber das Gefühl danach, als ich wieder wach wurde. Ich habe das als unendlich schön empfunden. Das hat mir, glaube ich, ein wenig die Angst genommen, vor dem, was jetzt kommt.
Wünsche habe ich keine mehr. Das hat aufgehört, als ich von meiner Krankheit erfahren habe. Was ich mir wünsche: abends ins Bett legen, einschlafen und tot sein. Nicht an Schläuchen hängen, nicht im Krankenhaus liegen. In Frieden sterben. Ich glaube, wenn wir tot sind, sind wir einfach weg. Wünschen täte ich mir natürlich, dass danach noch etwas kommt, dass ich meine verstorbenen Menschen wiedersehe. Aber daran glaube ich nicht.
Mit dem Markus, meinem Kumpel, unterhalte ich mich über den Tod kaum noch. Am Anfang schon, als es akut wurde. Aber mittlerweile versuchen wir, bei Themen zu bleiben, die Freude machen: dass er Urlaub macht, was wir unternehmen können, dass ich mich noch bewegen kann und nicht im Rollstuhl geschoben werden muss. Ich möchte bei ihm und meinen Freunden als ein guter Mensch in Erinnerung bleiben. Dass ich ein guter Mensch war, immer hilfsbereit, und kein Charakterschwein.“
Zur Person: Gerd Hövel, 63, lebt im Johannes Hospiz Oberberg. Der frühere Speditionsmitarbeiter schätzt dort vor allem die Fürsorge. Geprägt haben ihn schwere persönliche Verluste. Zugleich spricht er nüchtern und ohne große Angst über das Sterben.
