Köln – An schlimmen Tagen ist für Tina sogar der Griff zur Wasserflasche neben ihrem Bett eine Qual. „Du liegst da und hoffst, dass dieses Gefühl einfach aufhört“, sagt sie. Tina ist 23, Bachelor-Studentin an der Uni Köln und depressiv. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. „Man wird schnell als faul oder Drückeberger abgestempelt“, sagt sie. Dabei hat Tina ein Einserabitur, gehört in ihrem Studiengang zu den Besten, hat lange neben dem Studium in einer Bäckerei gearbeitet und mehrere Praktika absolviert. Tina hat einen festen Freundeskreis, sieht gut aus und ist seit fünf Jahren mit ihrem Freund zusammen.
Ein perfektes Leben – von außen gesehen. In ihrem Innern sieht es seit Monaten anders aus. Tina saß in Seminaren, konnte den Worten der Dozenten nicht mehr folgen, las Texte, deren Sinn sie nicht mehr erfassen konnte. Ihr Kopf dröhnte vor Schmerzen, ihr Magen streikte und oft blieb sie den ganzen Tag einfach im Bett. Manchmal wollte Tina einfach sterben, um diese Schwere in ihrem Inneren loszuwerden.
Probleme, Uni und Privat zu vereinbaren
Viele Studierende haben Probleme, Uni und Privatleben miteinander zu vereinbaren. Eine im April veröffentlichte Studie des Instituts für Hochschulforschung (HIS) ergab, dass 68 Prozent der Bachelor-Studenten ihr Studium als stressig empfinden. „Früher kamen die Studenten zu uns, weil sie nach 20 Semestern immer noch nicht fertig waren. Mit dem Bachelor hat sich das Problem verschoben“, sagt Gabriele Jungnickel von der Psycho-Sozialen Beratung des Kölner Studentenwerks. „Der Bachelor ist sehr klar strukturiert, deshalb stößt man schon mit einem Nebenjob schnell an seine Belastungsgrenze.“ Der Leistungsdruck der modernen Arbeitswelt sei zwar nur ein Aspekt, der Menschen mit depressiven oder zwanghaften Eigenschaften an den Rand ihrer Kräfte bringen könne, er begünstige das Phänomen aber.
Als Tina im vergangenen Sommer von ihrem Auslandsjahr in Frankreich zurückkehrte, wollte sie ihr Leben ruhiger gestalten. Weniger Uni, mehr Freizeit, mehr Sport und gute Ernährung – zu spät. Sie fühlte sich nicht mehr in der Lage, ihre Wohnung zu verlassen, einzukaufen oder Auto zu fahren. Jede Bewegung, jeder Gedanke kostete viel Kraft. Ihr Freund überredete sie schließlich, zum Arzt zu gehen. Depressive Episode lautete die Diagnose des Neurologen. „Vorher hatte ich nie an eine Depression gedacht“, so Tina.
Es folgten viele Untersuchungen, sie nimmt nun Antidepressiva und macht seit Januar eine Verhaltenstherapie. „Es ist ein langsamer Prozess mit vielen Fort- und Rückschritten“, sagt sie heute. Familie und Freunde geben ihr Kraft, besonders an schlechten Tagen. „Ich versuche mir dann vor Augen zu halten, was das Leben lebenswert macht.“ Außerdem beruhigt es Tina zu wissen, wo sie sich ärztliche Hilfe holen kann, wenn Suizidgedanken sie überkommen.
Aufs Wesentliche konzentrieren
In diesem Semester hat sie drei Veranstaltungen belegt und will langsam wieder zurück ins Leben finden. Einmal in der Woche geht sie zur Therapie. Zusätzlich hat sie mit einer Physiotherapie begonnen. Um ihre Kopfschmerzen zu dämpfen, macht sie Entspannungsübungen.
Die Ursachen für ihre Depression sieht Tina bei sich selbst, sie seien aber auch dem gesellschaftlichen Leistungsdruck geschuldet. Der eigene Anspruch an das Studium, die umfangreiche Studienordnung und der damit verbundene Zeitdruck habe sie krank gemacht. „Es geht oft nur um die zu bewältigende Masse. Man vergisst schließlich, warum man eigentlich studiert“, sagt sie. In Zukunft will sich Tina wieder mehr auf das Wesentliche wie Freunde, Familie und Hobbys konzentrieren und gelassener an die Uni-Anforderungen herangehen.