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Christiane OelzeVom Prosecco zum guten Rotwein

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Die Kölner Philharmonie ist für Christiane Oelze langgewohntes Terrain - wenn sie dort singt, müsste ihr eigentlich die Nostalgie kommen: 1986, im Eröffnungsjahr, war die damalige Gesangsstudentin Mitglied des blau gewandeten Foyerteams. „Die halbe Musikhochschule“, erinnert sich die gebürtige Kölnerin des Jahres 1963 (sie wohnt heute in Brauweiler) im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, „war in dem Team - wegen der tollen Konzerte“. Seit vielen Jahren steht die Sopranistin nun auf der anderen Seite, auf dem Podium - vom Publikum für Liederabende und Oratorienaufführungen gefeiert.

Erst im April hat sie mit dem Gürzenich-Orchester unter Markus

Stenz die Sopranarien in Bachs Matthäus-Passion versehen, und an diesem Sonntag, 11 Uhr, singt sie, begleitet von den nämlichen, in der Philharmonie das Sopransolo im letzten Satz von Mahlers vierter Sinfonie. Und vorweg, abwechselnd oder im Duett mit Michael Volle - etliche der „Wunderhorn“-Lieder aus der Feder desselben Komponisten.

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Auch in Gestalt von Gürzenich-Kapellmeister Markus Stenz kommt ihr die eigene Vergangenheit entgegen: Der war damals an der Musikhochschule ihr Kommilitone. Erinnerungen? „Ja, wir haben ihn dafür bewundert, wie er sich in die moderne Musik reingekniet hat.“ Und: „Der hatte immer schon einen sehr guten Schlag.“ Heute schätzt Oelze an Stenz, mit dem sie die Mahler-Sinfonie bereits in Lyon gemacht hat, vor allem, dass er seinen Stiebel nicht einfach durchzieht, sondern auch mal zuhört, andere Meinungen abwägt, auf Kooperation setzt.

Die Chemie stimmt also, wie man so schön sagt - was in diesem Fall nicht ganz unwichtig ist. Denn es geht bei dieser Mahler-„Gala“ (wieso eigentlich Gala?) nicht nur um die Saisoneröffnung, sondern auch um ein Gastspiel des Gürzenich-Orchesters in Amsterdam und vor allem um die CD-Aufnahme im Rahmen der Mahler-Gesamteinspielung beim Label Oehms, die an den Konzerten quasi dranhängt. Die Kooperation wird also verewigt.

Wie kommt Oelze mit ihrem

Mahler-Solo klar, das sie auch schon unter Gielen, Hager, Chailly, Metzmacher und Gatti gesungen hat - dank der dirigentischen Auffassung mal zu schnell, mal zu langsam, wie sie kritisch anmerkt? „Das himmlische Leben“

- auch dieses ein Lied aus der von Mahler geschätzten und oft benutzten Pseudo-Volkslieder-Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Arnim / Brentano - hat es ja „in sich“ - erst recht in Mahlers Vertonung. Wie soll man mit dem stilisierten Volksliedton umgehen, mit den kinderzimmerträchtigen Genrebildchen, mit dem christlich imprägnierten Schlaraffenland, mit der hochartifiziellen Naivität? In welchem Stil soll man das singen - Mahlers Nettigkeit ist doppelbödig, in keinem Augenblick zu trauen.

Oelze - emotional und impulsiv, wie sie ist - weigert sich freilich, über dieser Frage allzu viel zu grübeln. Dass sie eine Antenne für Mahlers Ironie habe, sagt sie immerhin. Und: „Es gibt halt diesen Mahler-Ton, den man intellektuell nicht richtig fassen kann.“ Dann ein tiefer Griff in die eigene Biografie: „Ganz früher habe ich Mahler gehört und gedacht: Wenn ich ihn singen kann, bin ich 'ne Sängerin.“ Voila!

Mahler liegt allerdings noch in

anderer Hinsicht auf ihrer Linie: Sie ist nicht zuletzt eine der angesehenen Lied-Interpretinnen der Gegenwart, die sich gerade mit der Liedkunst der Spätromantik und der Zweiten Wiener Schule - von Wolf bis Webern - intensiv auseinander gesetzt hat. Der vierte Satz der Vierten ist im Prinzip ein Orchesterlied, Klavier-und Orchesterlied gehen ja bei Mahler - die parallelen Fassungen der „Wunderhorn“-Lieder zeigen es - eh ineinander über. Gibt es da einen Unterschied in der Performance? Nein, eigentlich nicht, sagt Oelze, vom Pianisten wie vom Orchester erwartet sie die Bereitschaft zur Klangverschmelzung, zur produktiven Symbiose. Muss sie beim Orchester nicht einfach mehr „aufdrehen“? „Nein, es geht nicht darum, bis zum Anschlag singen zu wollen. Es geht um Fülle und Raum, und das hat nichts mit Lautstärke zu tun.“

Das Lied - genauer: das Orchesterlied samt angrenzenden Genres - ist in den vergangenen Jahren wieder stärker in den Mittelpunkt von Oelzes Tätigkeit getreten. Ohne dass sie deshalb der Oper ade gesagt hätte - schließlich hat sie noch im vergangenen Jahr in Paris Mozarts Gräfin und Smetanas verkaufte Braut gesungen, auf tschechisch. Mit dem

Ruf eines überragenden Mozart-Soprans mit leichter Beweglichkeit und doch schöner Klangrundung und -erdung ist sie schließlich „groß“ geworden, nicht zuletzt bei den Salzburger Festspielen. Inzwischen sehnt sie sich, die „sehr früh sehr viel“ gesungen hat (gemeint ist auch ein großes Repertoire quer durch den Garten) nach anderen Rollen - und begründet das mit der Entwicklung ihres lyrischen Soprans: „Früher war ich ein leichter Prosecco, heute bin ein guter Rotwein.“ Stimmakrobatik will Oelze auch nicht mehr: „Ich gehe jetzt mehr in den Klang, den will ich bereichern will“. Schließlich werde man mit den Jahren auch „demütiger den Komponisten gegenüber.“

Also: Nicht mehr Susanna und Despina, sondern Gräfin, nicht mehr Sophie, sondern Marschallin, nicht mehr Ännchen, sondern Agathe. Indes ist sie skeptisch: „Das wird heute von jugendlich-dramatischen Sopranen gesungen, und man findet schwer einen Dirigenten, der das unterstützt.“ Auch glaubt sie nicht, dass eingefleischte Exponenten der historischen Aufführungspraxis wie

Ton Koopman oder Philipp Herreweghe sie heute noch für das barocke Repertoire wollen: „Denen bin ich zu romantisch, habe zu viel Vibrato.“

Besonders traurig scheint Christiane Oelze darüber nicht zu sein - sie

geht halt ihren Weg und lässt sich auch nicht reinreden: „Das muss man in die eigene Verantwortung nehmen.“ Eine Sache der Eigenverantwortung ist auch die Sorge um das, was man sich selbst zumuten kann. Dass der Stress des Betriebs gerade unter Sängern Opfer fordert, weiß auch Oelze angesichts der Stimmkrisen von Kollegen. Sie ist indes stolz darauf ist, nach 22 Jahren Karriere immer noch mit unverminderter Leistungsfähigkeit „da“ zu sein - und rechnet dass dem Umstand zu, dass sie es wohl im Großen und Ganzen richtig gemacht hat.

Dazu gehört auch die Fähigkeit, die Reißleine zu ziehen, wenn es mal ganz dicke kommt. So wie jetzt: Gala in der Kölner Philharmonie, Proben in Berlin, dann Konzert in Amsterdam und am folgenden Morgen der Weg nach Salzburg, wo sie unter Simon Rattle in Haydns „Jahreszeiten“ singen wird. Ein dazwischen angesetztes Konzert in Brauweiler war zu viel - „da habe ich schweren Herzens absagen müssen“.

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