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Steigende Schülerzahl
So reagieren Köln und die Region auf die Bertelsmann-Studie

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Als ob die NRW-Schulpolitik nicht schon Baustellen genug hätte: Zu große Klassen, zu wenige Lehrer, Unterrichtsausfall, Integration von jährlich Zehntausenden Flüchtlingskindern, Inklusion, Rückkehr zu G9, desolater baulicher Zustand vieler Schulgebäude, vom Stand der technischen Ausstattung ganz zu schweigen. Und nun warnt die Bertelsmann-Stiftung mit einer Schulprognose: Es wird noch enger, bisherige Berechnungen müssten korrigiert werden.

Bis 2030 werden NRW-Schulen rund 113.680 Kinder zusätzlich verkraften müssen. Dazu brauche man 5158 zusätzliche Klassen, ein Plus von 7237 Lehrern und einen zusätzlichen Finanzbedarf von 843 Millionen Euro, so die Prognose.

Dabei hatte es doch ein wenig Licht am Ende des Tunnels gegeben: Seit 2010 erhöhte sich die Zahl der Lehrerstellen leicht. Nach Angaben der alten Landesregierung wurden in den vergangenen beiden Jahren mehr als 7300 Stellen geschaffen. Und die Schülerzahlen gingen zurück, und sollten nach einer Prognose des Schulministeriums bis 2034 auf 2,49 Millionen Schüler sinken – außer in Düsseldorf, Köln und Bonn. Die Bertelsmann-Prognose sagt: Die Schülerzahlen steigen. Und damit verschärfen sich alte Probleme neu. Die Schere zwischen Lehrermangel und Schülerschwemme geht demnach viel weiter auseinander.

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Politik nicht überrascht

Doch die Politik gibt sich angesichts der Bertelsmann-Zahlen nicht wirklich überrascht. Der Landesbetrieb Information und Technik (IT NRW) hatte schon vor zwei Jahren eine Bevölkerungsprognose bis ins Jahr 2040 vorgelegt. Allein in Köln würde danach die Bevölkerung um 19 Prozent auf 1,23 Millionen Menschen ansteigen – die Zahl der drei bis 19 jährigen soll hier um durchschnittlich 22 Prozent höher liegen als heute. Aus diesen Zahlen konnte bereits 2015 jede Kommunen ihren Bedarf an Schulen und Lehrern selbst berechnen.

Womit IT NRW allerdings nicht kalkulieren konnte: mit dem rasanten Zuzug von Migranten und Flüchtlinge. Genau dies hat die Bertelsmann-Studie getan. Als erste Reaktion regt das NRW-Schulministerium nun an, dass die Kultusministerkonferenz noch vor dem Ende des neuen Schuljahres neue Vorausberechnungen der Schüler- und Absolventenzahlen vorzulegen. Sollten die Bertelsmann-Zahlen stimmen, kommen auf NRW-Kommunen hohe Investitionen zu. Viele Grundschulen müssten konsequenterweise reaktiviert werden. Landesweit wurden in den vergangenen Jahren rund 630 Einrichtungen geschlossen.

Die neue schwarz-gelbe Landesregierung will als „wegfallend“ markierte Lehrerstellen nicht streichen und die Lehrerversorgung der Schulen auf 105 Prozent steigern, um Unterrichtsausfall zu vermeiden. Bildungsforscher Klaus Klemm fordert eine Werbekampagnen fürs Lehramtsstudium. Bernd Jürgen Schneider, Chef des Städte- und Gemeindebundes, mahnt die Hilfe des Landes für die Kommunen beim Ausbau der Schulen an. Die Städte im Verbreitungsgebiet des „Kölner Stadt-Anzeiger“ geben sich angesichts der neuen Prognose gelassen. (hch)

So reagieren Köln und die Region auf die Prognosen

Die Stadt Köln weiß seit langem, dass die Schülerzahlen deutlich steigen werden. Die Stadt müsse ihre Bauvorhaben beschleunigen, so Schuldezernentin Agnes Klein. Die Stadt ist Trägerin von 261 Schulen. 141 davon sind Grundschulen. Ihre Zahl muss deutlich steigen, schon in fünf Jahren fehlen rein rechnerisch weit über 1500 Plätze. Bleibt es bei den bisherigen Prozentzahlen, fehlen an Gymnasien und Gesamtschulen in fünf bis acht Jahren mehrere Tausend Plätze. Bernd Petelkau, Fraktionschef der Kölner CDU, die im Rathaus zusammen mit den Grünen den Ton angibt, glaubt, dass Verwaltung und Politik die Herausforderung erkannt haben, die sich durch das Bevölkerungswachstum ergibt, und man in der Lage sei, sie zu schultern. Über Ankündigungen ist der Versuch, den Schulbau in Köln zu beschleunigen, allerdings bislang noch nicht hinaus gekommen. (fra)

Leverkusen weiß nicht erst seit gestern, dass die Zahlenangaben ihres Schulentwicklungsplanes überholt sind, sagt Dezernent Marc Adomat. In der Planung aus dem Jahr 2014 war die Flüchtlingszuwanderung noch nicht enthalten. „Aber solche Prognosen, wie die Studie sie jetzt trifft, sind schwierig und gewagt“, so Adomat. „Hier ist immerhin die Rede von Kindern, die noch nicht geboren sind.“ In jedem Fall stellt sich die Stadt Leverkusen darauf ein, weiter in den Schulbereich investieren zu müssen. „Wenn wir reagieren müssen, werden wir reagieren“, verspricht Adomat. (ger)

Siegburg hat in Kindertagesstätten wie auch in den Schulen noch „räumliche Kapazitäten“. Die steigenden Kinderzahlen würden in den Planungen berücksichtigt. „Wir verzeichnen neben der bekannten Zuwanderung im Zuge der Flüchtlingswelle auch einen merklichen Geburtenanstieg der Jahrgänge 2015/16“, so Pressesprecher Jan Gerull. In Siegburg werden derzeit 1750 Grundschüler in sechs Schulen unterrichtet.

Troisdorf: Die Verwaltung geht davon aus, dass im kommenden Schuljahr die Zahl von 2885 Schülern an den zwölf Grundschulen bis 2025/26 auf 3334 steigen wird. Troisdorf rechnet nicht mit Raumproblemen. (ah)

Mechernich sieht sich für den prognostizierten Zuwachs gerüstet. „Wir werden eine Zunahme von Schülern ja zuerst in den Grundschulen merken“, erklärt Bürgermeister Hans-Peter Schick. Man sei gut aufgestellt. (hoc)

Lindlar beobachtet schon jetzt steigende Schülerzahlen vor allem aufgrund vieler Neubaugebiete. „Wir bereiten uns auf die Entwicklung vor, indem wir ein Maßnahmenkonzept aufstellen, das erhebliche Investitionen in Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen vorsehen wird“ , so Bürgermeister Georg Ludwig. Den Schulentwicklungsplan werde angepasst. (cor)

Wesseling stellt einen größeren Andrang auf die Kindergärten fest. Der Schulentwicklungsplan, der erst vor zweieinhalb Jahren aktualisiert wurde, stimme schon nicht mehr mit der Realität überein und soll deshalb überarbeitet werden. „Ein paar Reserven haben wir noch“, heißt es. (lm)

Gummersbach freut sich auf den leichten Aufwärtstrend. Kapazitäten gibt es an allen Gummersbacher Grundschulen. Auch das Lindengymnasium und die Gesamtschule könnten noch einen Zug mehr aufnehmen. (kno)