- 10.000 Euro an eine Adresse in Thailand, sonst bleiben die Computer im ganzen Unternehmen lahmgelegt: Angriffe und Erpressungsversuche wie dieser häufen sich.
- Die Schadenssumme durch Angriffe in Deutschland liegt bei rund 100 Milliarden Euro.
- Genau auf solche Fälle ist eine Kölner Behörde spezialisiert.
Köln – Justizzentrum, Luxemburger Straße, Staatsanwaltschaft, vierter Stock. Die heiligen Hallen der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime in NRW (ZAC) in Köln wirken so nüchtern wie der sperrige Name der Spezialabteilung gegen das rasant wachsende Verbrechen im Netz. Waffen- und Drogenhandel im Darknet, Erpressung durch Sabotageangriffe auf Unternehmensnetzwerke, Schutz kritischer Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Hasskriminalität im Internet, klandestine Tauschbörsen für Kinderporno-Dateien – hier laufen die Stränge der großen Cyber-Verfahren an Rhein und Ruhr zusammen, hier werden auch virtuell erzielte Vermögenswerte abgeschöpft.
Erste Bitcoin-Versteigerung
Und so versteigert zum ersten Mal eine deutsche Anklagebehörde Bitcoins, die bei Cyberkriminellen sichergestellt wurden. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ erfuhr, soll die konfiszierte Kryptowährung im Wert von etwa 600 000 Euro über das NRW-Portal justiz-auktion.de in Kürze an den Meistbietenden abgegeben werden. Die Auktion ähnele dem Prozedere bei ebay. „Da der Bitcoin-Kurs täglich schwankt, wird der Zeitraum für die Bieter wahrscheinlich auf einen Tag begrenzt sein“, erläutert ZAC-Chef Markus Hartmann. An diesem Dienstag lag der Kurs eines Bitcoin bei gut sieben Euro.
Die ZAC-Zentrale wird von anderen Abteilungen abgeschottet. Auf den Fluren mit ihren ausgetretenen Teppichläufern stapeln sich die Kartons beschlagnahmter Beweismittel. Mitte Oktober erst hatten die Ankläger im Raum Aachen, in den Niederlanden und in Frankreich die Büros und Privatwohnungen der Betreiber des größten deutschen File-Hosting-Dienstes Share-Online.biz durchsucht und die Plattform abgeschaltet. Gegen die drei Hauptbeschuldigten aus der Region Aachen ermitteln die Staatsanwälte wegen gewerblicher Beihilfe zu Urheberrechtsverstößen.
Seit 2008 konnten Nutzer Raubkopien von Kinofilmen, Pornostreifen oder Musik hochladen, um sie als Download anzubieten. Dafür honorierten die Plattformbetreiber die Lieferanten entsprechend eines Punktesystems. Die Macher von Share-Online.biz verdienten vor allem durch Abonnements enorme Summen. Kunden, die schnell ihren neuen Film herunterladen wollten, mussten einen Extra-Bonus zahlen. Zwischen 2008 und 2017 erwirtschafteten die Betreiber 50 Millionen Euro Umsatz.
Der Mittelstand ist noch nicht gewappnet
Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, 46, sitzt am kleinen Konferenztisch in seinem Büro und nippt aus seiner Cola-Flasche, ehe er loslegt. Hartmann ist alles andere als ein IT-Nerd. Beredt referiert der Chef der ZAC-Abteilung über die digitale Verbrechensmoderne.
Gruppen aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität greifen hiesige Unternehmen an. Beinahe jeden Tag melden sich betroffene Firmen in der rheinischen Cybercrime-Zentrale. „Ein weit verbreitetes Problem“, berichtet Hartmann, „inzwischen haben die großen Firmen sich entsprechend gegen solche Attacken gewappnet.“ Da hinke der Mittelstand noch hinterher.
Laut dem Branchenverband Bitkom verdoppelte sich im Vergleich zu 2017 die Schadenssumme durch digitale und analoge Angriffe auf Unternehmen hierzulande auf gut 100 Milliarden Euro. Versteckt in einer harmlosen Mail schleichen sich die IT-Gangster häufig per Trojaner in das Betriebsnetz ein und legen den gesamten Geschäftsverkehr lahm.
Walter Pauli (Name geändert) setzte sich an einem Maiwochenende 2018 an einen Rechner in seinem Kölner Betrieb für Sanitär und Heizung und fuhr ihn hoch. Was dann geschah, bezeichnete er im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ als „größten Horror in meiner Laufbahn als Unternehmer“. Seine PC’s reagierten nicht. Hacker hatten das firmeninterne Netzwerk des Mittelständlers per E-Mail mit einem Virus infiziert.
Jede vierte Firma wird attackiert
Einzig eine unheilvolle Botschaft flimmerte über den Bildschirm: Pauli sollte 10.000 Euro in Bitcoins an eine Adresse in Thailand zahlen, dann werde man das System wieder auf Normalmodus stellen. Jedes vierte Unternehmen in Deutschland wird täglich von Cyber-Gangstern attackiert. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage der Wirtschaftsprüfungs-gesellschaft Deloitte aus dem Herbst 2018 hervor. So greifen die Hacker etwa durch sogenannte Ransomware verstärkt kleine und mittelständische Betriebe hierzulande an.
So wie im Fall des rheinischen Sanitärmeisters Pauli. Der reagierte besonnen auf die Erpresser. Zunächst rief er seinen Systemtechniker an, der ihm empfahl: „Alles abschalten, sonst geht das ganze System den Bach runter.“ Eine Woche brauchte der IT-Spezialist, um das Netzwerk wieder zum Laufen zu bringen. In der Zeit habe er „Kaffee gekocht und gebetet“, erinnert sich Walter Pauli heute. Eine Woche ohne E-Mails, ohne die Rechnungs-Aus- und -eingänge, ohne Auftragslisten, Warenregister und Kundendateien. Nur das Online-Banking funktionierte noch. „Da merkst du, dass ohne Computer dein ganzes Geschäft zusammenbricht“, erzählt Pauli.
Durch ein älteres Backup konnte der Systemtechniker das Netzwerk neu starten. Der Firmeninhaber atmete auf: Zwar musste er alle PCs erneuern, auch dauerte es Wochen, bis er und seine Mitarbeiter die gesamten Geschäftsvorgänge wieder auf den aktuellen Stand bringen konnten. Am Ende aber war er glücklich, dass er den Erpressern nicht nachgegeben hatte. „Solchen Drecksäcken auch noch unser sauer verdientes Geld nachzuwerfen“, das habe er nicht eingesehen.
Oberstaatsanwalt Hartmann kennt solche Geschichten zu Genüge. Anders als Walter Pauli knickten viele Selbstständige schnell ein und zahlten, „anstatt uns einzuschalten“, weiß der Strafverfolger. Dies gilt auch für die häufigen Versuche, bei Nutzern von Pornoseiten im Netz abzukassieren. Plötzlich tauchen auf dem Bildschirm der Opfer Geldforderungen nebst folgendem Hinweis: Sollte nicht gezahlt werden, so werde man den Nutzer im Netz outen. „Nur ja nicht auf die Drohung eingehen“, rät Hartmann. „In allen Fällen, die wir untersucht haben, handelte es sich um einen Fake.“ Durch ein Datenleck seien diese Erpresser an die Nutzeradressen gelangt, um dort ihre Botschaft abzusetzen. „Mehr aber auch nicht.“
Internet-Kriminalität steigt rasant
Verbrechen im Internet nehmen rasant zu. Die ZAC wird demnächst auf 21 Staatsanwälte aufgestockt. Eine der Abteilungen kümmert sich um Hasstiraden („Hate speech“) im Netz. Volksverhetzung und Beleidigung gehören zu den üblichen Tatbeständen. „Dabei ist die Grenze zwischen einer Meinungsäußerung bis hin zum strafbaren Delikt fließend“, erklärt ZAC-Sprecher Christoph Hebbecker. Der Staatsanwalt klickt sich durch ein paar typische Beispiele: Ein Hakenkreuz am Arm hält Adolf Hitler in einer unseligen Collage den Kopf der Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die offene Tür eines Verbrennungsofens aus den Konzentrationslagern. Zeile: „You have to go back“. Aus Sicht Hebbeckers „ist der Fall klar: Mit dem Hakenkreuz wird ein verfassungsfeindliches Symbol gezeigt, das ist strafbar.“
Dann scrollt der Strafverfolger weiter herunter zu einer Karikatur, die einen Muslim mit Schweinsnase zeigt, der mit dem Teppich in den Himmel fliegt. „Die rechtliche Einordnung des Bildes mit dem verunstalteten Muslim gestaltet sich da schon etwas komplexer“, führt der Staatsanwalt aus, „hier kommt aber möglicherweise eine Volksverhetzung in Betracht.“
Facebook hilft den Ermittlern kaum
Dann aber wird es schwierig. Weder Twitter noch Facebook, noch andere soziale Netzwerkbetreiber, über die eine Flut von Hate-Speech-Postings verbreitet wird, helfen den deutschen Strafverfolgern, die Urheber zu finden. „Bisher war es so, dass Facebook vielleicht in zehn Prozent aller Fälle uns auf der Suche nach den Tätern weitergeholfen hat. Bei Twitter und Co. lief gar nichts“, beschreibt Oberstaatsanwalt Hartmann den Alltag der Cyberfahnder.
Meist heißt es in der Antwort, man solle es doch in den Konzernzentralen in Irland oder den USA versuchen. „Dann ist die Spur kalt, weil die Provider wie die Telekom alle IP-Adressen der User, die älter als einige Tage sind, nicht mehr speichern“, berichtet der ZAC-Chef.

