230 der 580 Einwohner in Ripsdorf sind Mitglieder des Karnevalsvereins. Mit dem Zugwetter an Veilchendienstag hatten die Jecken immer Glück.
BrauchtumSeit 70 Jahren grassiert im Eifelörtchen Ripsdorf das Narrenvirus

Der Veilchendienstagzoch des KV Ripsdorf gilt als einer der schönsten im Kreisgebiet. Im Zug 2024 hatte die Freundesclique im Bild das Motto „Ripsdorf ist bunt!“ ausgewählt.
Copyright: Stefan Lieser
Im karnevalsverrückten Ripsdorf feiert der Karnevalsverein in dieser Session sein 70-jähriges Bestehen. Streng genommen ist es zwar erst das 42. Jahr seit der offiziellen Vereinsgründung im Jahr 1984. Aber wen interessiert das in Ripsdorf schon?
Wo andere Vereine ein Wappen im Logo haben, ist es beim KV Ripsdorf ein Rad. „Das bezieht sich auf die Ripsdorfer Rädchen, die mit bunten Wimpeln geschmückten Fahrräder der Kinder, die sie im Zoch mitgeführt haben.“ Martin Peetz, eines der Ripsdorfer Karnevalsurgesteine, der von 1992 bis 2022 Vorsitzender des KV war und seit 1997 mit Alois Jütten einer der beiden Literaten ist, berichtet von der tiefen Verwurzelung des organisierten Karnevals im Dorf. Bei 580 Einwohnern hat der KV heute 230 Mitglieder – knapp 40 Prozent der Bevölkerung sind also aktiv dabei.
Dabei hat es vor 70 Jahren gar keine notariell beurkundete Gründung eines eingetragenen Karnevalsvereins Ripsdorf gegeben. Die wurde erst 1984 nachgeholt. Im November 1956 habe man einfach im damaligen Friseursalon von Johann Schröder in Ripsdorf die KV-Gründung beschlossen, heißt es. Strittig ist, ob nur Männer oder nur Frauen dafür verantwortlich waren, schließlich gab es den „Möhnentreff“ im Dorf schon drei Jahre vorher.
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Vorstandsmitglieder blieben immer lange in ihren Ämtern
Der KV jedenfalls – da unterscheidet er sich nicht von anderen Karnevalsvereinen – hatte seitdem viel Glück: Präsidenten und andere Vorstandsposten wurden oft über viele Jahre von denselben Jecken besetzt, größere Krisen wurden so vermieden – auch wenn sich die Zahl der Zochteilnehmer in den 1980er Jahren im Vergleich zu früher fast halbierte.
Eine erste Kappensitzung gab es 1957, den ersten Preismaskenball im Jahr darauf. Im selben Jahr fand auch ein „erster kleiner, lockerer Zoch mit Äzebär und Musik“ statt, so Martin Peetz, dem man nicht zu nahetritt, wenn man ihn das lebende Vereinsarchiv nennt. 1960 wurde der Ripsdorfer Zoch dann auf den Veilchendienstag verlegt, „der Rosenmontag war schon mit den Zügen in Blankenheim und in Lommersdorf belegt“, so Stefan Wagener, seit 2022 Vorsitzender des KV Ripsdorf.
Bis zu 32 Gruppen nehmen am Karnevalszug in Ripsdorf teil
Bis zu 32 Gruppen – mit oder ohne Wagen – gingen seitdem jeweils mit, in dieser Session sind es 22, darunter sieben aus dem Ort selbst. „Die Nachfrage nimmt seit einigen Jahren wieder zu“, so Wagener. Vereine aus der Umgebung würden ihre eigenen Züge wegen der hohen Auflagen oder aber aufgrund von nachlassendem Interesse der Jecken absagen. Dann fahre man wenigstens mit dem Narrenwagen in Ripsdorf mit.

Die Tänzerinnen von „Em Takt“ aus Bliesheim kamen am Sonntag bei den Hebefiguren bis an die Decke.
Copyright: Stefan Lieser
Ein gutes Beispiel dafür, dass es in Ripsdorf eine offenbar unvergängliche Karnevalsbegeisterung gibt, sind private Gruppen wie die Clique um die derzeitige KV-Geschäftsführerin Desirée Cremer: „Das sind Ripsdorfer Mädels, die sich schon als Kinder bei den Majoretten kennengelernt haben. Heute leben sie beispielsweise in Stuttgart oder in Duisburg, aber zum Karneval kommen sie immer wieder zurück“, so Cremer. Zuvor werden die Kostüme für den Zoch genäht „und unser Bollerwagen schick gemacht“, sagt Cremer. Immer wieder sticht die Clique mit ihren originellen Kostümen aus dem Ripsdorfer Zoch heraus.
Bei den Herrensitzungen werden die Tische vererbt – von den Vätern auf die Söhne.
An Veilchendienstag hatten die Jecken hier immer Glück. Sogar als 1990 Orkan Wiebke wütete, habe der Sturm zwischen 13 und 17 Uhr pausiert, als der Zoch lief, erinnert sich Martin Peetz. Doch während der beiden Corona-Jahre 2021 und 2022 fiel auch hier der Karneval aus – zumindest fast. Am Veilchendienstag 2022 wurde ein kleiner Narrentreff auf dem Dorfplatz an der Pfarrkirche veranstaltet.
Wofür der vom KV Ripsdorf organisierte Karneval aber vor allem bekannt ist, sind die Sitzungen für jecke Herren und Damen: 1987 gab es zunächst eine, ab 1991 zwei Herrensitzungen. 1993 wurde die Veranstaltung für die Frauen aus der Taufe gehoben. Alle drei sind immer Monate im Voraus ausgebucht. Im Vergleich dazu geht es auf der eigentlichen Kappensitzung des KV ruhig zu. Seit 1978 wird zudem eine Kindersitzung angeboten, der Rekordhalter aber ist der Preismaskenball, der in dieser Session zum 68. Mal stattfindet.
Kleine, gemütliche Säle und Ripsdorfer Eigengewächse
Was den Erfolg der Saalveranstaltungen für Herren und Damen ausmacht, ist eigentlich einfach zu erklären: kleine Säle, in denen es gemütlich zugeht, und auch immer wieder Ripsdorfer Eigengewächse auf den Bühnen. Zwischen 1978 und 1998 amüsierten der damalige Sitzungspräsident Alfred Vogelsberg und Wirt Wilfried Hammes als „Zwei Tuppesse“ die Narren. Zwischen 1983 und 2007 trat Alois Pohe mit der ZB-Truppe auf, Peter Peetz und Christa Reetz waren von 1986 bis 1991 das „Verrückte Paar“, „Die Sprittköpp“ unter der Leitung von Helmut Reetz sorgten von 1994 bis 2010 für Stimmung. Auch Mathias Schoenen stand für einige Jahre als Redner in der Bütt.
Fragt man die auftretenden Aktiven von außerhalb, sind die Urteile immer ähnlich: In den beiden Ripsdorfer Sälen werde Karneval gefeiert, wie er früher war: intensiv und hausgemacht, und ohnehin sei das Publikum aufmerksam und begeisterungsfähig.
Die meisten anderen Vereine in Ripsdorf sind viel älter
Im Vergleich zu anderen Vereinen in Ripsdorf ist der Karnevalsverein relativ jung. Der Junggesellenverein besteht seit 1906, der Kirchenchor sogar seit 1859. Der als Saalkapelle alle Sitzungen begleitende Musikverein existiert seit 1928.
Im Jubiläumsjahr ist im KV-Vorstand der Generationenwechsel mit einer Altersspanne zwischen 34 und 54 Jahren umgesetzt. Stefan Wagener ist erster Vorsitzender, Leander Meyering-Schnichels der zweite. Desirée Cremer ist Geschäftsführerin, Stephan Gier Schatzmeister. Cremer ist zudem nach Rita Pfeil-Schoenen die zweite Frau im KV-Vorstand. Dass da noch mehr drin sei, sei klar, sagt Geschäftsführerin Cremer.
Bei den Saalsitzungen, die die Haupteinnahmequelle des Karnevalsvereins darstellen, ist die Nachfrage stabil. „Bei den Herrensitzungen werden die Tische vererbt – von den Vätern auf die Söhne“, erklärt Präsident Stefan Wagener. Nimmt man dies und die eher steigende Teilnehmerzahl am Veilchendienstagszug als Indizien, dann ist klar: Viel kann der Karnevalsverein Ripsdorf in den vergangenen 70 Jahren seit der legendären Versammlung im Friseursalon Schröder nicht falsch gemacht haben.
Der Auftritt in Ripsdorf ist der Ritterschlag für den „Jeck im Rään“
Wie gewohnt ausverkauft waren die beiden Herrensitzungen des KV Ripsdorf am vergangenen Sonntag. Mit dabei war einer, der schon vor 39 Jahren in den Ripsdorfer Kneipensälen Hammes und Breuer auf der Bühne stand: Edgar Andres aus Ostbelgien, der die gut gelaunten Herren sofort im Griff hatte.
Die Musikband „De Schlingele“ aus Wollenberg und die Showtanzgruppe„Em Takt“ aus Bliesheim waren zum ersten Mal dabei. Er habe bisher immer als Besucher im Saal gesessen, nun stehe er hier auf der Bühne, so Björn Wassong aus Weyer, der als „Ne Jeck im Rään“ durch die Säle zieht. Wassong: „Ich habe gedacht, wenn du es auf die Mädchensitzung der Prinzengarde Mechernich schaffst, ist das das Größte. Ich habe gedacht, wenn du es in den Gürzenich schaffst, ist es das Größte. Hat beides nicht gestimmt. Der wahre Ritterschlag ist der Auftritt bei den Herrensitzungen in Ripsdorf!“
Die Show Fanfares und die Showtanzgruppe aus Ripsdorf beendeten das Programm, das musikalisch von den Musikvereinen Ripsdorf und Waldorf begleitet wurde. Am kommenden Sonntag, 25. Januar, steht dann die ebenfalls ausverkaufte Mädchensitzung im Saal Hammes auf dem Programm.

