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KunstrasenDer Untergrund ist bei Fußballern im Kreis Euskirchen eine Herzensangelegenheit

7 min
Das Bild zeigt einen Torwart, der einen Ball schießt.

Kunstrasen hat sich im Kreis Euskirchen größtenteils durchgesetzt. Geliebt wird er aber nicht überall.

Immer mehr Fußballer – auch im Kreis Euskirchen – tendieren zum Kunstrasenplatz. Große Umweltbelastung durch Mikroplastik.

Die einen lieben ihn, die anderen können ihn nicht ausstehen: den Kunstrasen. Wer im Kreis Euskirchen schon auf den ersten Generationen des künstlich grünen Geläufs im Erftstadion spielen durfte (oder besser gesagt: musste), erinnert sich vermutlich nur ungern daran. Eine Grätsche dort war eher ein medizinisches Risiko als ein sportlicher Einsatz. Wer sich in den Ball warf, riskierte schnell eine Verbrennung zweiten Grades. Jeder Körpereinsatz musste gut überlegt sein.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Der Kunstrasen hat sich, genau wie der Fußball selbst, weiterentwickelt. Heute führt für viele Vereine und Spieler kaum noch ein Weg daran vorbei. Aus Sicht zahlreicher Verantwortlicher gilt ein moderner Kunstrasen sogar als Voraussetzung für die Zukunft des Vereins.

Kunstrasen ist auch das schleichende Ende des Naturrasens

Gleichzeitig bedeutet der Bau eines Kunstrasens meist das schleichende Ende des klassischen Naturrasens – vor allem dort, wo zwei Plätze zur Verfügung stehen. In Stotzheim ist der einst mit viel Eigenleistung und hohen Kosten angelegte Naturrasenplatz längst zur besseren Wiese geworden. In Nierfeld erinnert neben der modernen Kloska-Arena mit ihrem Kunstrasen nur noch ein Hauch von Lost-Place-Atmosphäre an die frühere Heimspielstätte des SV Nierfeld. Und in Weilerswist oder Zülpich? Dort wird höchstens einmal im Jahr ein Spiel auf Naturrasen ausgetragen – mehr symbolischer Daseinsnachweis als sportliche Notwendigkeit. Rund 99 Prozent der Partien finden inzwischen auf Kunstrasen statt.

Doch so selbstverständlich, wie der Kunstrasen heute vielerorts geworden ist, so groß sind auch die Diskussionen, die ihn begleiten. Es geht um Kosten, um Umwelteinflüsse – und um die Frage, wie nachhaltig das künstliche Grün tatsächlich ist. Denn spätestens seit die EU strengere Vorgaben für Mikroplastik beschlossen hat, steht der Belag im Fokus: Granulat, das über Jahre auf und um die Plätze verteilt wurde, gilt als problematisch. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik aus dem Jahr 2018 gehören Sportstätten zu den größten Mikroplastikquellen Deutschlands.

Das Thema ist eine Herzensangelegenheit

Das Thema „Untergrund“ ist aber auch eine Herzensangelegenheit. Wenn Sebastian Kaiser über Fußball spricht, kommt er schnell auf das Thema „Rasen“. Genauer gesagt – den Unterschied zwischen echtem Rasen und Kunstrasen. Für den erfahrenen Fußballer aus Frauenberg ist klar: Der natürliche Untergrund ist durch nichts zu ersetzen.

„Damals, im alten Erftstadion – das war eine mittlere Katastrophe“, sagt der Fußballer, der unter anderem für den Euskirchener TSC, Erftstadt-Lechenich und den SV Frauenberg aufgelaufen ist, über den eingangs erwähnten Kunstrasen: „Da hast du besser auf Asche gespielt. Wenn du da gegrätscht bist, war direkt die erste und zweite Hautschicht mit ab. Das war wie Schmirgelpapier.“

Mit den Jahren seien die Plätze zwar besser geworden, „gar keine Frage“, sagt Kaiser, „aber ein Fan bin ich nie geworden. Die Bälle sprangen immer unnatürlich, bei Nässe waren sie kaum zu kontrollieren. Auf Rasen konnte ich viel besser einschätzen, wie der Ball aufkommt.“

Ich hatte selbst zwei Kreuzbandrisse – einen mit und einen ohne Gegnereinwirkung. Ich will das nicht wissenschaftlich beweisen, aber ich glaube schon, dass die Verletzungszahlen auf Kunstrasen höher sind.
Sebastian Kaiser, Fußballer

Auch die Verletzungsgefahr beschäftigt ihn. „Ich hatte selbst zwei Kreuzbandrisse – einen mit und einen ohne Gegnereinwirkung. Ich will das nicht wissenschaftlich beweisen, aber ich glaube schon, dass die Verletzungszahlen auf Kunstrasen höher sind.“ Früher, sagt er, habe in jeder Mannschaft kaum jemand solche Verletzungen gehabt. „Heute hat fast jede Truppe mindestens einen, der schon ein Kreuzband gerissen hat – viele davon auf Kunstrasen.“ Sein Erklärungsansatz: „Kunstrasen sind stumpfer. Man rutscht weniger, bleibt schneller hängen – und genau das sind die Bewegungen, bei denen es dann das Knie oder die Bänder erwischt.“

„Gute Fußballer kommen auf jedem Untergrund klar“

Für Kaiser ist klar: „Ein guter Fußballer muss auf jedem Platz spielen können – Rasen, Asche oder Kunstrasen. Wenn jemand sagt, er spielt schlecht, weil er heute auf Rasen spielt – dann ist das für mich kein kompletter Fußballer.“

Das Bild zeigt den von der Flut zerstörten Sportplatz in Stotzheim.

Bei der Flut ist der Kunstrasen auf dem Stotzheimer Sportplatz stark beschädigt worden.

Auch wirtschaftlich sieht Kaiser das Thema kritisch. „Viele sagen, Kunstrasen sei günstiger, weil man weniger pflegen muss. Das stimmt so nicht. Der Bau kostet schnell eine halbe Million Euro – und wenn man ihn nicht regelmäßig pflegt, ist er nach zehn Jahren fertig.“ In vielen Vereinen würden das Bürsten und Verteilen des Granulats vernachlässigt. „Die Halme liegen flach, der Platz wird stumpf. Und dann muss wieder neu investiert werden.“ Für ihn steht fest: „Da gebe ich lieber Geld für einen guten Greenkeeper aus, der den Rasenplatz in Schuss hält. Das lohnt sich langfristig mehr.“ In Frauenberg habe man die Rasenpflege in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.

„Die automatische Bewässerungsanlage war eine der besten Entscheidungen, die wir getroffen haben. Früher mussten wir den Wagen morgens, mittags und abends umstellen – das war viel Arbeit.“ Heute erledigt das System vieles selbst. „Wir haben jetzt sogar einen Rasenmähroboter, der richtig gut arbeitet. Wenn wir davon noch einen zweiten bekommen, wird's perfekt. Klar, ein bisschen Handarbeit bleibt – aber das ist auch gut so.“

Ich spiele lieber auf einem schlechten Rasenplatz als auf einem guten Kunstrasen. Das ist einfach echter Fußball.
Sebastian Kaiser, Fußballer

Der Erfolg zeigt sich: Im Sommer sei der Platz in hervorragendem Zustand gewesen, und das mit überschaubarem Aufwand. Kaisers Fazit fällt eindeutig aus: „Ich bleibe voll im Team ‚Rasen‘. Ich spiele lieber auf einem schlechten Rasenplatz als auf einem guten Kunstrasen. Das ist einfach echter Fußball.“

Thema Mikroplastik: Kunstrasen aus ökologischer Sicht problematisch

Auch aus ökologischer Sicht wird das Thema „Kunstrasen“ intensiver diskutiert. Bei Kunstrasenplätzen wird in der Regel Kunststoffgranulat zwischen die Plastikhalme gestreut. Es sorgt für Elastizität und ein natürlicheres Ballverhalten – doch ein Teil des Materials gelangt unweigerlich in die Umwelt: durch Schuhsohlen, beim Schneeräumen oder durch Wind und Regen.

Das Bild zeigt den ehemaligen Rasenplatz in Nierfeld.

Auf dieser Wiese in Nierfeld wurde mal Mittelrheinliga-Fußball gespielt. Seitdem der Kunstrasenplatz da ist, wird der Naturrasen nicht mehr gebraucht.

Um genau das zu vermeiden, setzt man in neuen Projekten zunehmend auf nachhaltigere Lösungen. So ist nach Angaben von Projektleiter Michel Schirmer vom Landschaftsarchitekturbüro Reepel Schirmer der Kunstrasen in Mutscheid mit Sand verfüllt worden, um das Risiko einer Einleitung von Mikroplastik in angrenzende Gewässer wie den Buchholzbach zu minimieren.

„Da auch die Kunstrasenhalme für Abrieb sorgen können, werden wir ein Netz am Einfluss installieren“, hatte Schirmer beim Spatenstich gesagt. Die Halme selbst seien CO2-neutral und aus Rohrzucker hergestellt. „Viel ökologischer kann ein Kunstrasen aktuell wohl nicht sein.“ Auch beim neuen Platz in Arloff liegt Sand zwischen den Kunsthalmen – genau wie auf dem neuen Kunstrasenplatz am Schulzentrum in Mechernich.

Der Einfüllsand in Mechernich muss nicht erneuert werden

„Der Einfüllsand – etwa 140 Tonnen – muss nicht erneuert werden. Es gibt entsprechende Reinigungs- und Pflegegeräte, um Fremdeinträge aus dem Sand zu entfernen“, sagt Christof Marx von der Stadt Mechernich. Die Umwelteinwirkungen eines Kunstrasenplatzes hängen Marx zufolge von der Materialwahl, der baulichen Integration und dem Recycling am Ende des Lebenszyklus ab. Naturrasenplätze mit einer Auslastung von etwa 480 Nutzungsstunden pro Jahr bieten laut Marx zwar den Vorteil der geringeren Emissionen und die Fähigkeit, CO2 zu speichern, „sind jedoch sehr unterhaltungsintensiv bei Pflege- und Renovationsmaßnahmen“.

Der Kunstrasenplatz mit einer deutlich höheren Auslastung (bis zu 1600 Nutzungsstunden pro Jahr) sei langlebig und pflegeleicht und habe wesentlich höhere Nutzungszeiten als Naturrasen. „Von daher ist ein sehr gut auslastbarer Standort wie der am Schulzentrum sicher von Vorteil, da letztlich die Klimabilanz pro Nutzungsstunde als entscheidender Faktor für einen optimiert genutzten Kunstrasenplatz anzusehen ist“, so Marx.

Doch eines zeigt die Diskussion deutlich: Der Kunstrasen ist längst mehr als nur eine Spielfläche. Er steht für den Spagat zwischen Moderne und Tradition, Komfort und Verantwortung. Und vielleicht auch für die Frage, was Fußball eigentlich ausmacht: die Technik unter den Füßen oder das Gefühl, wenn echter Rasen unter den Stollen nachgibt.


Das ist bei der Pflege von Kunstrasen wichtig

Die Diskussion über Natur- oder Kunstrasen wird mittlerweile genauso leidenschaftlich geführt wie die über den VAR. „Kunstrasensysteme werden in Deutschland nahezu ausschließlich mit organischer Verfüllung oder unverfüllt verbaut“, sagt Tobias Müller, Director Marketing bei der Sport Group Holding GmbH, zu der auch der Kunstrasenhersteller Polytan gehört.

Kunstrasen haben laut Müller entweder keinerlei Füllmaterial oder teilweise nur Sand oder Sand plus ein organisches Füllmaterial wie beispielsweise Kork oder Holzschnipsel. „Kunstrasensysteme mit Gummigranulatverfüllung sind gemäß EU-Beschluss ab 2031 verboten, werden aber bereits seit Jahren nicht mehr verbaut. Daher entsteht hier auch kein Mikroplastik durch eine Kunstrasenverfüllung“, so Müller: „Wir empfehlen, den Kunstrasen in einer routinemäßigen Unterhaltspflege regelmäßig aufzubürsten und die Füllstoffe zu egalisieren und zu lockern (mindestens einmal pro Woche).

Diese Pflege erfolgt in der Regel durch den Platzwart. Mindestens einmal pro Jahr empfehlen wir eine intensive Tiefenreinigung.“ Kunstrasensysteme haben sich Müller zufolge in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt. „Wir bieten Rasentypen, die aus bis zu 80 Prozent biobasierten Materialien bestehen. Viele unserer Rasenprodukte haben außerdem Recyclinganteile im Fasermaterial. Einige Hersteller setzen verstärkt auf unverfüllte Rasensysteme, wir empfehlen eher Systeme mit Sand- beziehungsweise Sand- und Performance-Infill, da sie aus unserer Sicht über den gesamten Produktlebenszyklus bessere Spieleigenschaften bieten“, sagt Müller. Während früher hauptsächlich Kunstrasen mit glatten, geraden Fasern angeboten worden seien, habe sich mittlerweile im gesamten Markt Kunstrasen mit kombinierten Fasern etabliert.