Eine kleine Sammlung von Briefen von der Familie Kaufmann aus Brasilien wurde nun vom Geschichtsforum Schleiden an das Archiv der Stadt übergeben.
Einblicke in die NS-ZeitJüdische Familie schrieb einer früheren Nachbarin in Gemünd

Die Briefe der Familie Kaufmann übergab Dr. Norbert Toporowski (v.r.) an Ingo Pfennings und Nicole Gutmann von der Stadt Schleiden.
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Wenn eines fernen Tages Historiker die heutigen Zeiten aufarbeiten, werden sie auf eine wesentliche Informationsquelle verzichten müssen, die bis vor kurzem noch unverzichtbar erschien: Briefe. Für frühere Generationen war es aufregend, Nachrichten aus dem eigenen Leben zu verfassen und an einen weit entfernten Empfänger zu versenden, vielleicht noch als Luftpost auf einem besonders leichten Spezialpapier. Heute reicht dazu ein Knopfdruck. E-Mails und Messenger, Sprachnachrichten und Bildtelefonie haben eine komplette Kultur so an den Rand gedrängt, dass die Post die garantierten Zustellzeiten verlängern will.
Briefe waren auch immer Zeitdokumente und erzählten oft mehr über Adressaten und Verfasser, als in den Zeilen zu lesen war. Daher sind in den Bibliotheken auch bändeweise Sammlungen von Briefwechseln bedeutender Persönlichkeiten zu finden.
Eine der wenigen jüdischen Familien, denen die Flucht gelang
Eine kleine Sammlung von Briefen aus Brasilien wurde nun vom Geschichtsforum Schleiden an das Archiv der Stadt übergeben. Denn sie werfen ein besonderes Licht auf eine der dunkelsten Perioden der Stadtgeschichte, die Zeit der Naziherrschaft und Judenverfolgung im Schleidener Tal. Doch bevor der NS-Terror begann, waren Christen und Juden einfach nur Nachbarn. „Die Briefe sind ein Dokument dafür, wie eng, freundschaftlich und unkompliziert das Verhältnis zwischen der jüdischen Bevölkerung in Gemünd und den Menschen der christlichen Konfessionen vor der NS-Zeit gewesen ist“, sagte Dr. Norbert Toporowski vom Geschichtsforum bei der Übergabe der Briefe.
Die Familie Kaufmann ist eine der wenigen jüdischen Familien, denen die Flucht aus Nazi-Deutschland in den 1930er-Jahren gelang. Während allerdings Mutter Helene und die Söhne Emil, der älteste, und Oskar, der jüngste, nach Brasilien auswanderten, wählte der mittlere Sohn Richard, der bereits 1934 Deutschland verlies, Amsterdam als Zufluchtsort. Was ihm zum Verhängnis werden sollte: Nach der deutschen Besetzung der Niederlande wurden er, seine Frau und sein junger Sohn Leo nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Neun Briefe der nach Brasilien geflohenen Familie Kaufmann aus Gemünd wurden nun dem Stadtarchiv übergeben.
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Dass die Briefe von Helene Kaufmann an Hedwig Knott aus Brasilien heute noch existieren, sei der Gemünderin Ulrike Konrads zu verdanken, berichtete Klaus Stüber vom Geschichtsforum. Sie habe die Dokumente gefunden, als sie 2013 den Haushalt einer Verwandten von Knott auflöste und ihn kontaktierte, ob er Interesse an Unterlagen über die Familie Knott habe. Der Name Knott war Stüber geläufig, und so wurde er hellhörig. „Knotte Wilhelm war ein Gemünder Original, der sehr viel im und nach dem Krieg gemacht hat. Wer irgendetwas brauchte, wandte sich an Knotte Wilhelm, und der organisierte das“, so Stüber. So gelangten das Konvolut aus Orden und Urkunden aus dem Ersten Weltkrieg und eben diese Briefe zum Geschichtsforum.
Briefe und Geschichte der Kaufmanns wurden aufgearbeitet
Über Stüber kamen die Briefe zu Heike Schumacher, Lehrerin des Johannes-Sturmius-Gymnasiums. In mehreren Schüler-AGs betrieb sie seitdem erfolgreich die Aufarbeitung der Briefe und der Geschichte der Familie Kaufmann in Gemünd. „Als ich die Briefe gesehen habe, war ich sowas von erstaunt, denn das passte genau zu der Forschung über die jüdischen Schüler unserer Schule, die wir gerade im Projektkurs 2012 gemacht hatten“, sagte sie. Denn alle drei Söhne der Familie Kaufmann seien auch Schüler des damaligen Städtischen Gymnasiums Schleiden gewesen.
Dr. Toni Offermann habe die Briefe transkribiert und auch mit Anmerkungen versehen. Im Laufe der Recherchen, die in den vergangenen Jahren auch von Schülern durchgeführt worden seien, seien noch weitere Informationen hinzugekommen. Denn manches sei noch immer nicht hundertprozentig geklärt. Bemerkenswert aber sei der Satz, den Helene Kaufmann 1953 aus Brasilien geschrieben habe und der so etwas wie ein Motto der Recherchen zu der Familie geworden sei: „Vergeben, aber nicht vergessen, das kann man nicht. Auch wenn man 100 Jahre alt wird.“
1901 wurde Erich als ältester Sohn der Familie geboren. Sein Vater Lazarus betrieb ein Textilgeschäft auf der Neustraße in Gemünd, starb aber bereits 1912. 1903 wurde Richard und 1909 Oskar geboren, die jeweils zehn Jahre später im Schleidener Gymnasium eingeschult wurden. Ab 1935 wirkten sich die NS-Judengesetze auf das Leben der drei Brüder aus. Emil war Arzt in Grevenbroich mit eigener Praxis, Richard ein erfolgreicher Kaufmann in Köln und Oskar arbeitete in Dresden im jüdischen Kaufhaus Arberg, das später „arisiert“ wurde.
Manche Fotos sind erst seit anderthalb Jahren bekannt
Nur wenige Fotos existieren von der Familie Kaufmann während ihrer Gemünder Zeit. Manche davon sind erst seit anderthalb Jahren bekannt. Auch das Haus in der Neustraße, in dem Lazarus Kaufmann sein Textilgeschäft führte, ist nicht genau dokumentiert. So wird angenommen, dass Hedwig Knott eine Nachbarin der Familie gewesen ist.
Immer wieder schickt sie Ansichtskarten aus Gemünd nach Brasilien, um zu zeigen, wie der ehemalige Wohnort der Kaufmanns aussah. Auch Emil und seine Frau Millie, die er in Deutschland geheiratet und bei seiner Flucht aus Deutschland 1936 mitgenommen hat, schrieben an Knott. Allerdings, so informierte Schumacher, seien die Briefe, die aus Gemünd nach Brasilien geschickt worden seien, nicht mehr erhalten, wie ein Kontakt mit den Nachfahren der Familie Kaufmann ergeben habe.
„Ich bin zutiefst dankbar, dass die Originalbriefe von Helene Kaufmann und ihrem Sohn Erich heute übergeben werden“, sagte Nicole Gutmann. Es sei ungewöhnlich, denn normalerweise bewahre das Stadtarchiv eher Ratsprotokolle und amtlichen Schriftverkehr auf. „Was uns oft fehlt, ist die sogenannte nichtamtliche Überlieferung, also Tagebücher, Briefe, Vereins- und Firmenunterlagen. „Nur diese geben der Geschichte ein menschliches Gesicht und eine persönliche Stimme“, wies die Archivarin auf den Wert derartiger Schriften hin.
Gerade für die Zeit des Nationalsozialismus habe das eine besondere Bedeutung. „Die amtliche Überlieferung aus der NS-Zeit ist äußerst dürftig“, bedauert sie. Denn ein Großteil der Unterlagen sei in den Kriegswirren unwiederbringlich verloren gegangen oder gezielt vernichtet worden. Aus den Beständen des Archivs hatte Gutmann zwei Dokumente mitgebracht, die die Briefe direkt ergänzten. So zeigte sie die originale Geburtsanzeige des ältesten Sohns Erich und seinen Eintrag im Schülerregister des Schleidener Gymnasiums.
