Abo

DrogenkonsumEine Tiefgarage in der Euskirchener City, die viele möglichst meiden

6 min
Eine Frau aus der Eigentümergemeinschaft steht im Parkhaus und blickt auf den Boden.

Urin und Exkremente haben über die Jahre an manchen Stellen der Tiefgarage den Bodenbelag angegriffen.

Das Cityparken wird von einigen suchtkranken Wohnungslosen als Schlaf- und Konsumort genutzt. Die Eigentümer fühlen sich alleingelassen.

„Dieses Parkhaus ist der Hammer. Wer Kot, Pippi und Müll liebt, wird sich hier wohlfühlen. Für alle anderen: Nicht das Treppenhaus benutzen!“, schreibt Jürgen H. in seiner Google-Bewertung zur Tiefgarage an der Baumstraße 25. „Eins der dreckigsten Parkhäuser, die ich kenne. Es stinkt nur nach Urin. Für Frauen nicht zu empfehlen!“, urteilt Brigitte P. Und Harmut M. schreibt: „Wirklich ein ganz übler Ort.“ Dass Beurteilungen in der Anonymität des Internets oftmals drastischer ausfallen als im persönlichen Gespräch, ist bekannt. Doch in diesem Fall bilden die Bewertungen die Realität in der Tiefgarage Cityparken durchaus realistisch ab.

94 Parkplätze, davon 55 öffentliche, bietet die Tiefgarage im Zentrum von Euskirchen. Beim Ortstermin mit Lena Classen und Doris Sülzen, Beirätinnen der Eigentümergemeinschaft, sowie Hausmeister Markus Stammel wird deutlich, wie groß der Frust auf deren Seite ist und wie vergeblich sie seit Jahren versuchen, der Situation Herr zu werden: Die Parkgarage ist ein unter suchtkranken Wohnungslosen beliebter Ort, um trocken und geschützt zu übernachten und zu konsumieren.

Die Hinterlassenschaften sind neben Spritzen, Müll und leeren Flaschen leider auch menschlicher Natur: Urin und Kot, teilweise auch an den Wänden, sorgen für strenge Gerüche. In Ecken, in denen besonders häufig uriniert wird, hat sich auf der Oberfläche Urinstein abgesetzt, der laut Hausmeister Stammel nicht mehr zu beseitigen ist.

Die Folie um die Rohre wird oft abgerissen, um damit zu konsumieren

Auf den Lüftungsrohren, die entlang der Decke verlaufen, sind Taschen und Tüten deponiert, in denen die Habseligkeiten der obdachlosen Menschen auf die Rückkehr ihrer Besitzer warten. Die mit Metallfolie ummantelte Dämmung der Rohre werde immer wieder abgerissen: Alufolie wird von Suchtkranken zum Rauchen von Heroin oder Crack verwendet.

„Vier bis sieben Personen übernachten hier regelmäßig“, sagt Stammel. Er schicke sie zwar weg und spreche Hausverbote aus, nur nutze das nichts. An diesem Morgen pellt sich gerade ein Mann aus seinem Schlafsack und reibt sich die Augen. Warum er hier übernachte und nicht in der Notschlafstelle der Caritas, fragt die Reporterin. Er habe es versucht, erklärt der 36-Jährige. In der Notschlafstelle dürfe man nicht konsumieren und muss am Morgen zeitig wieder raus. „Alkohol ist ein elendiger Sog“, sagt er und betont, dass er immer vor die Tür gehe, wenn die Blase drückt. „Ich sage das auch den anderen, ich finde es selber schlimm, wie es stinkt.“

Was nützen denn öffentliche Parkplätze, wenn sie nur auf dem Papier stehen und die Bürgerinnen und Bürger Angst haben, die Garage anzusteuern?
Aus einem Schreiben der Eigentümergemeinschaft

Die Eigentümergemeinschaft spricht von katastrophalen Zuständen. Nach und nach wurden Eingänge und Fenster zugemauert und vergittert, Nischen mit Metallabsperrungen versehen. Es wurden Kameras angeschafft, die in kürzester Zeit zerstört wurden, und verschiedene Einfahrtslösungen probiert. Laut Hausmeister Stammel habe man in den zurückliegenden Jahren unzählige Vandalismus- und Einbruchsschäden bei der Polizei zur Anzeige gebracht.

„Erst kürzlich stand ich hier unten mit einem Polizisten, als sich eine Person oben am Tor mit einem großen Schraubenzieher Zutritt verschafft hat und sich von uns dabei nicht stören ließ. Da es ein vollendeter Einbruch war, wurde der Mann gleich mit zur Wache genommen.“

Zwei blaue Korbstühle stehen nebeneinander, der Boden davor ist fleckig und voller Abfälle.

Auch Möbel, Matratzen oder Kommoden werden von Wohnungslosen, die in der Tiefgarage schlafen, mitgebracht.

Ein Blick an die Decke der Garage, an der Rohrleitungen verlaufen. An einem Rohr ist die Isolierung beschädigt.

Die Alufolierung der Rohrisolierungen wird von den Abhängigen oft zum Rauchen der Drogen genutzt.

Und vor zwei Wochen wurden bei sieben Autos die Seitenscheiben zertrümmert. „Ich parke hier nicht mehr“, sagt Doris Sülzen. „Hier unten allein zu sein, ist furchtbar. Ich habe Angst vor einer möglichen Konfrontation.“

Lena Classen erzählt, dass sie und ihr Mann vor neun Jahren eine der Wohnungen in dem Neubau erworben haben. „Diese Probleme gab es anfangs noch nicht, erst in den letzten Jahren sind sie zunehmend eskaliert.“ Es entständen immense Kosten für Reparaturen, Neuanschaffungen und Reinigung, die auf die Eigentümergemeinschaft zurückfallen.

Der letzte Versuch, eine Verbesserung herzustellen, sei die Anschaffung eines Rolltors gewesen, das bei jedem Auto, das hinein- oder hinausfährt, automatisch hoch- und runterfährt. Trotzdem habe man „ungebetene Gäste“, so Stammel. Demnächst wolle man noch einmal in neue Kamera-Technik investieren.

55 öffentliche Stellplätze waren  seinerzeit Bedingung für den Neubau

Die Vertreter der Hausgemeinschaft und Hausmeister Markus Stammel wurden in der Vergangenheit nicht müde, Stadt und Kreis Euskirchen sowie den Caritasverband Euskirchen als Träger der Wohnungslosenhilfe und der Notschlafstelle in Form von Mails, Fotos und persönlichen Gesprächen in Kenntnis zu setzen und Unterstützung einzufordern.

„Gebetsmühlenartig“ habe man von Seiten der Stadt Euskirchen erklärt bekommen, dass sie für die Tiefgarage an der Baumstraße nicht zuständig sei, sondern die Baugesellschaft G&S als privater Betreiber der öffentlichen Stellflächen. Diese 55 Plätze mussten auf Betreiben der Stadt Euskirchen seinerzeit eingerichtet werden, da mit dem Neubau eine große Stellfläche weggefallen war und fehlender Parkraum in der City so kompensiert werden sollte.

Diese Probleme gab es anfangs noch nicht, erst in den letzten Jahren sind sie zunehmend eskaliert.
Lena Classen von der Eigentümergemeinschaft

In einem Schreiben der Eigentümergemeinschaft an das Ordnungsamt der Stadt Euskirchen heißt es: „Man muss sich die Frage stellen, ob juristisch richtig auch gesellschaftspolitisch richtig heißt.“ Das offensichtlich falsche Konzept der Tiefgarage an der Baumstraße müsse überdacht werden, damit man gemeinsam mit allen Beteiligten zu einer besseren Lösung zu gelange. „Was nützen denn öffentliche Parkplätze, wenn sie nur auf dem Papier stehen und die Bürgerinnen und Bürger Angst haben, die Garage anzusteuern?“

Auf Anfrage dieser Zeitung teilt die Stadtverwaltung Euskirchen mit, dass sie sich bereits seit längerem mit dem Eigentümer des Gebäudes im beratendem Austausch über mögliche Lösungen befinde, „obwohl es sich bei dieser Garage um eine private Einrichtung handelt, deren Betriebsbelastungen nicht dem öffentlichen Steuerzahler angelastet werden sollen“. Die letzte umgesetzte Maßnahme, ein Schnellrolltor am Eingang der Tiefgarage, habe noch nicht den gewünschten Effekt gebracht, da immer wieder „Umgehungslösungen“ gefunden werden.

Die beiden Frauen von der Eigentümergemeinschaft und der Hausmeister stehen nebeneinander in der Tiefgarage und blicken in die Kamera.

Fühlen sich alleingelassen: Lena Classen (v.l.) und Doris Sülzen von der Eigentümergemeinschaft mit Hausmeister Markus Stammel.

Ein Handwerker steht vor einer zugemauwerten Wandöffnung, in der Hand hält er eine Bohrmaschine.

Abschottung: Fenster und Türen wurden zugemauert, Nischen und Eingänge vergittert.

Weiter heißt es aus dem Rathaus: „Hier gilt es aus unserer Sicht, diesen und andere Ansätze weiterzuverfolgen und gegebenenfalls zu optimieren. Die Stadt Euskirchen wird den Eigentümer weiterhin im Rahmen der Möglichkeiten unterstützen, um eine Verbesserung zu schaffen.“

Auch beim Caritasverband Euskirchen ist die Situation in der Tiefgarage an der Baumstraße bekannt. „Ich kann die Anliegen und die Verärgerung der Eigentümer sehr gut verstehen“, versichert Maria Surges-Brilon, Vorständin des Caritasverbandes Euskirchen und zuständig für den Bereich der Wohnungslosenhilfe. Deren Streetworker würden täglich Orte ansteuern, an denen sich Suchtkranke und Wohnungslose bekanntermaßen aufhalten, „dazu gehört auch die Tiefgarage an der Baumstraße“.

Die Aufgabe dabei sei primär, die Menschen nach Möglichkeit in das bestehende Hilfesystem zu bringen, ihnen immer wieder dahingehend Angebote zu machen. „Mehr können die Streetworker nicht machen. Unsere Aufgabe ist es, Menschen in Not zu helfen, nicht sie zu vertreiben“, betont Surges-Brilon. Wenn die betreffenden Personen den Wunsch nach Veränderung und Verbesserung ihrer Lebensumstände äußern, sei man jederzeit für sie da.

Letztlich gehe es um ein gesamtgesellschaftliches Thema, das sehr komplex sei und nur gemeinschaftlich angegangen werden kann, so die Caritas-Vorständin. Die Aufgabe der Sucht- und Wohnungslosenhilfe in diesem Kontext sei klar: „Wir sind da, weil diese Menschen – in der Regel schwer Suchterkrankte – Probleme haben, nicht weil sie welche machen.“