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Eiskalte NächteZahl der Wohnungslosen im Kreis Euskirchen auf Höchststand

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Die beiden Sozialarbeiter der Caritas stehen vor dem Gebäude der Wohnungslosenhilfe. Sie haben einen blauen Bollerwagen dabei, auf dem sich Decken, Schlafsäcke und Isomatten befinden.

Aufsuchende Sozialarbeit: An kalten Wintertagen bringen Markus Niederstein und Katharina Ihloff den Wohnungslosen in der Stadt Schlafsäcke, Isomatten, Decken und warme Getränke vorbei und weisen auf die Angebote hin.

Die derzeit eisigen Temperaturen sind lebensbedrohlich für Menschen, die draußen schlafen. Davon gibt es auch im Kreis Euskirchen immer mehr.

Der Winter ist da und hat offenbar auch vor, noch etwas zu bleiben. Die Temperaturen liegen seit Tagen unter dem Gefrierpunkt, tagsüber wie nachts. Während sich die meisten Menschen mit warmer Kleidung, heißen Bädern und behaglicher Heizungswärme dagegen rüsten, gibt es auch Menschen, die wohnungs- und schlimmstenfalls obdachlos sind und somit der Kälte regelrecht ausgeliefert.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren im Jahr 2024 in Deutschland 1.029.000 Menschen wohnungslos – Tendenz steigend. Und auch im Kreis Euskirchen sind die Zahlen auf einem Höchststand: 2002 gab es 105 Menschen im Kreis Euskirchen, die über keine eigene Meldeadresse verfügten und bei der Caritas-Fachberatungsstelle eine behördenanerkannte Kontaktanschrift hatten. 2017 hatten 318 ein Postfach dort, Ende 2025 waren es 338.

Es herrscht ein großer Mangel an bezahlbarem Wohnraum

Gefragt nach den Gründen des deutlichen Anstiegs nennt Katharina Ihloff von der Wohnungslosenhilfe der Caritas Euskirchen zuallererst den Mangel an bezahlbarem und bedarfsgerechtem Wohnraum. Auch die Stigmatisierung von Menschen, die ihre Miete über Jobcenter-Bezüge zahlen, sei auf Vermieterseite nach wie vor groß. Die vorhandene Anzahl an bezahlbarem Wohnraum kann die stetig steigende Nachfrage nicht decken. „Wir als Verband hatten noch nie so viele Wohnprojekte und Angebote, aber es reicht trotzdem nicht aus“, sagt Caritas-Mitarbeiter Markus Niederstein.

Auch die Notschlafstelle, die im gleichen Gebäude untergebracht ist wie die Tagesstätte der Wohnungslosenhilfe, ist stets gut besucht – erst recht bei den derzeitigen Temperaturen. Die Notunterkunft, die die Caritas im Auftrag der Stadt betreibt, bietet zehn Schlafplätze für Männer und ein Zweibettzimmer für Frauen. Aber selbst, wenn diese alle vergeben wären: „Wir schicken niemanden weg, der einen Platz zum Schlafen braucht, wenn die Notschlafstelle voll ist“, versichert Markus Niederstein. Eine Lösung finde sich immer.

Wir schicken niemanden weg, der einen Platz zum Schlafen braucht, wenn die Notschlafstelle voll ist. Eine Lösung findet sich immer.
Markus Niederstein von der Wohnungslosenhilfe

Was jedoch auch deutlich zunimmt, ist die Anzahl der Menschen, die das Angebot der Notschlafstelle nicht nutzen wollen – oder können. Ihre Suchterkrankung macht es unmöglich, eine Nacht ohne Konsum durchzustehen. Das jedoch ist in der Notschlafstelle strikt verboten. Ob es auch daran liegen kann, dass heutzutage andere Drogen im Umlauf sind als noch vor einigen Jahren? Niederstein und Ihlhoff nicken. Auch Fentanyl sei im Kreis Euskirchen angekommen. Ein chemisch hergestelltes Opioid, das 50 Mal stärker als Heroin und 100 Mal stärker als Morphin wirken soll.

Markus Niederstein steht vor einem der geöffneten Spinde und holt Konservendosen heraus. Auf den Türen der blauen Schränke hängen Listen, auf denen der Bestand festgehalten wird.

Spenden ermöglichen es, die Vorratsschränke der Wohnungslosenhilfe zu befüllen – mit Lebensmitteln, Knabbereien und Hygieneartikeln.

Leider werde Fentanyl von den Dealern gerne unter andere Drogen gemischt, sodass manch einer ihrer Klienten damit ungewollt Erfahrung gemacht hat. Im Sommer habe man eigens ein Flugblatt ausgegeben, um die in der Drogenszene verkehrenden Männer und Frauen vor dieser Gefahr zu warnen und dafür zu sensibilisieren, besser auf sich aufzupassen.

Die Sozialarbeiter in Euskirchen kennen viele Aufenthaltsorte

Wie immer, wenn das Thermometer unter Null fällt, machen sich die Mitarbeitenden der Wohnungslosenhilfe auf den Weg zu den Klientinnen und Klienten, die sich an einschlägigen Plätzen in der Stadt aufhalten. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter kennen viele der Aufenthaltsorte, wenn auch nicht alle Schlafplätze derjenigen, die lieber draußenbleiben. Im Bollerwagen, den sie hinter sich herziehen, liegen Schlafsäcke, Decken, Isomatten und heiße Getränke.

Viele der Sachen würden von Kreisbürgerinnen und -bürgern gespendet, freut sich Markus Niederstein. Außerdem bekomme man auch Mittel vom Land NRW, die sogenannte Kältehilfe, die „wohnungs- und obdachlose Menschen dabei unterstützt, sich in den Wintermonaten bestmöglich vor den gesundheitlichen Risiken der sinkenden Temperaturen schützen zu können“, wie es auf der Seite der Homepage des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales heißt.

Vor ein paar Jahren hatte der Caritasverband Euskirchen auch sogenannte Kälte-Iglus angeschafft, mobile Schlafkammern aus dickem, isoliertem Schaumstoff, die sich leicht aufbauen lassen. Diese kommen zwar immer noch zum Einsatz, aber als Lösung aller Probleme haben sie sich nicht erwiesen: „Die Standortfrage ist bei den Iglus immer schwierig“, erklärt Markus Niederstein. Die meisten Wohnungslosen halten sich innerstädtisch auf. Problematisch sei auch, dass der Unterschlupf nur warmhalten könne, wenn der vordere Deckel des Iglus geschlossen sei, was häufig nicht gemacht werde.

Seit November hat die Caritas auch an Sonntagen die Tagesstätte an der Kommerner Straße geöffnet, als Wärmestube werde sie sehr gut angenommen, sagt Niederstein. Vor allem von jenen Menschen, die dieser Tage nicht bei Bekannten oder Freunden unterkommen, sondern wirklich ohne ein Dach über dem Kopf sind.


Nicht wegschauen, sondern handeln

Wer an eisigen Wintertagen eine wohnungslose Person unter freiem Himmel sieht, sollte nicht wegschauen. Die niedrigen Temperaturen werden für diese Menschen schnell zur Lebensgefahr. Wer also jemanden sieht, der draußen schläft, sollte nachschauen, wie es der Person geht. Reagiert sie auf Ansprache? Ist sie kältestarr oder hat sie blaue Finger?

Dann sollte man den Notruf 112 wählen, damit der Zustand der Person medizinisch abgeklärt werden kann. Katharina Ihloff von der Caritas-Wohnungslosenhilfe erinnert sich an einen Klienten, der im Winter mit einer lebensbedrohlichen Unterkühlung ins Krankenhaus musste: „Er hatte nur noch eine Körpertemperatur von 29,5 Grad.“

Während der Öffnungszeiten der Wohnungslosenhilfe (montags bis donnerstags, 9 bis 16 Uhr, sowie freitags, 9 bis 15 Uhr) können Bürgerinnen und Bürger telefonisch unter 0 22 51/94 18 17 Mitarbeitende der Wohnungslosenhilfe informieren, die sich dann um die Person kümmern. Die Tagesstätte der Caritas-Wohnungslosenhilfe hat bei den derzeitigen Temperaturen auch an den Sonntagen von 11 bis 14 Uhr geöffnet.