Ferienende, Gamescom, Bauarbeiten, Stellwerk-Störungen: Tausende Reisende im Rheinland mussten am Sonntag viel Geduld aufbringen. Bahnsteige in Köln gesperrt. Chaotische Zustände im Neusser Hauptbahnhof.
Horror-Sonntag auf der Schiene im RheinlandDie Bahn bleibt auf der Strecke

Gedränge auf dem S-Bahnsteig im Kölner Hauptbahnhof. Am Sonntag mussten die Bahnsteige wegen des Andrangs zeitweise gesperrt werden. Archivfoto: dpa
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Im Rheinland hat die Deutsche Bahn am vergangenen Wochenende erneut erfahren, wie riskant es sein kann, besonders wichtige Strecken wie die rechtsrheinische Verbindung zwischen Köln und Düsseldorf über Wochen für Bauarbeiten komplett zu sperren. Dort fährt seit dem 21. August nichts mehr. Und das noch bis zum kommenden Freitag.
Die ersten Hinweise, dass das schiefgehen könnte, gibt es schon am vergangenen Donnerstag, dem ersten Besuchertag auf der Gamescom in der Köln-Messe, der weltweit größten Schau für Computerspiele, die 370.000 Besucher anziehen wird. Der S-Bahnverkehr zwischen Düren und Köln bricht am Morgen zusammen, nur einer von sechs Zügen ist zwischen acht und neun Uhr unterwegs. Am Bahnhof Ehrenfeld ist kein Zustieg zur Messe mehr möglich.
Überfüllte Gamescom-Sonderzüge
Die Sonderzüge zwischen Düsseldorf und Köln, die über Opladen oder Dormagen umgeleitet werden müssen, sind ebenfalls überfüllt. Das ganze System läuft auf der letzten Rille, auch weil auf der frisch generalsanierten Umleitung über Opladen schon wieder eine Brücke kaputt ist.
Markus Kaupper, seit April neuer Chef bei DB Regio NRW, hat sich am Mittwoch noch selbst ein Bild über die Lage auf dem Deutzer Bahnhof verschafft.
Am Sonntag bricht der Verkehr dann endgültig zusammen. Aus Sicherheitsgründen sieht sich die Bahn gezwungen, einzelne Bahnsteige im Kölner Hauptbahnhof und im Bahnhof Messe/Deutz wegen des großen Andrangs zu sperren.
Störung auf der Schnellfahrstrecke Köln-Rhein/Main
Ursache sind gleich mehrere Störungen im Großraum Köln: Erst fällt das Stellwerk Willroth an der Schnellfahrstrecke Rhein/Main aus, so dass der gesamte Fernverkehr über die linke Rheinstrecke umgeleitet werden muss.
Am Abend kommt eine technische Störung im Stellwerk von Köln-Nippes dazu, so dass die Umleitung für den Regionalverkehr zwischen Köln und Düsseldorf über Dormagen und Neuss nicht mehr genutzt werden kann. Jetzt bleibt nur noch die Ausweichroute über Grevenbroich und Mönchengladbach übrig. Und das mitten im Ferien-Rückreiseverkehr.
Hohenzollernbrücke zeitweise gesperrt
Die Hohenzollernbrücke muss zeitweise wegen einer Suizid-Ankündigung gesperrt werden. Weitere liegengebliebene Züge an Rhein und Ruhr und Polizeieinsätze, darunter eine S-Bahn im Deutzer Bahnhof, verschärfen die Lage zusätzlich.
„Wir haben an Reisende mit eingeschränkter Mobilität oder mit kleinen Kindern am Abend Taxi-Gutscheine ausgegeben“, sagt ein Bahnsprecher.
Chaotische Zustände im Neusser Hauptbahnhof
Chaotische Zustände herrschen am Sonntagabend gegen 19.30 Uhr auf dem Neusser Hauptbahnhof, der auch wegen des Schützenfestes besonders stark besucht ist.
Hartmut Junker, der am Mittag schon 90 Minuten gebraucht hat, um von Köln nach Neuss zu kommen, hat so etwas noch nicht erlebt. „Ich hatte über Jahrzehnte ein Bahncard 100, war bundesweit unterwegs. Aber diese Zustände dürfen sich nicht wiederholen.“
Der Regional-Express nach Köln steht knapp eineinhalb Stunden am Bahnsteig. „Dann hieß es, wir müssen alle aussteigen, weil der Zug jetzt über Nebenstrecken nach Münster umgeleitet wird und nicht mehr über Köln fährt“, sagt Junker.
„Menschenmassen quollen aus dem Zug, inklusive Müttern mit Kleinkindern und Kinderwagen, und standen nun hilflos auf dem Bahnsteig“, so Junker. „Irgendwelche Infos der Bahn: Fehlanzeige! Ich sah dann auf einem Nachbargleis einen Zug nach Köln-Bonn Flughafen stehen und habe mich in diesen übervollen Zug reingequetscht und hörte dort vom Lokführer die gleiche Durchsage. Eine Fahrt nach Köln sei wegen fehlender Infos auf unbestimmte Zeit nicht möglich.“
Da stehen Hunderte Menschen auf dem Bahnsteig und wissen nicht mehr weiter. Da sind Tränen geflossen
Es ist 23 Uhr, als die Bahn auch diesen Zug aufgibt. „Wann und wie es weitergeht, könne er nicht sagen, hat der Lokführer durchgegeben. Da stehen Hunderte Menschen, darunter Mütter mit kleinen Kindern und Reisende, die zum Flughafen Köln/Bonn wollen und wissen nicht mehr weiter. Da sind Tränen geflossen.“
Junker spricht von einem „Totalversagen“ der Bahn. „Von der Bahn war nichts zu sehen und zu hören, kein Schienenersatzverkehr, kein Personal, einfach nichts. Technische Störungen können vorkommen, aber in dieser Häufung sind sie für mich unerklärlich“, sagt Junker.
Er habe großes Glück gehabt und ein Taxi erwischt, mit dem er von Neuss nach Köln-Dellbrück gefahren sei. Zusammen mit einer Krankenschwester, die zum Nachtdienst in die Kinderklinik an der Amsterdamer Straße musste. „Ich habe sie nach Mitternacht mit meinem Wagen von Dellbrück noch zur Arbeit gefahren. Um diese Zeit fährt sonntags keine Bahn mehr.“
Am Neusser Bahnhof seien Servicekräfte im Einsatz gewesen, um die Reisenden über die Lage zu informieren, sagt ein Bahnsprecher auf Anfrage.
Unsere Teams an den Bahnhöfen haben getan, was sie konnten. Wir bedauern sehr, dass viele Fahrgäste auch am späten Abend noch warten mussten
Auf die Gamescom in Köln und das hohe Fahrgastaufkommen habe man sich gut vorbereitet. „Wir setzen jedes Jahr eine große Zahl zusätzlicher Kräfte an den für die Messe relevanten Kölner Bahnhöfen ein. Auch um darüber zu informieren, wie man zügig zum Messegelände oder zum nächsten Zug gelangt.“
Im Kölner Hauptbahnhof habe die betriebliche Lage dazu geführt, dass vermehrt Züge des Regional- und Fernverkehrs am Sonntag dort enden mussten. „Dadurch waren die Bahnsteige und Züge noch einmal deutlich voller“, sagte der Sprecher.
„Unsere Teams an den Bahnhöfen haben getan, was sie konnten, um zusätzlich zu den digitalen Auskunftsmedien Reisende stets auf dem Laufenden zu halten. Wir bedauern sehr, dass trotzdem viele Fahrgäste noch am späten Abend länger an den Bahnhöfen warten mussten.“