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Vor Ort in OuluLeverkusens Partnerstadt bleibt auch auf der großen Bühne nordisch cool

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Die Eröffnungszeremonie in der verschneiten Europäischen Kulturhauptstadt Oulu.

Die Eröffnungszeremonie in der verschneiten Europäischen Kulturhauptstadt Oulu.

Die nördlichste Großstadt Europas feiert die Kultur und den kulturellen Klimawandel.

Eine Kulturhauptstadt am Rande Europas, in der arktischen Region. Wo die Tage kurz sind und der Schnee reichlich fällt. Leverkusens Partnerstadt Oulu ist Europäische Kulturhauptstadt und feierte das an diesem Wochenende mit rund 200 Veranstaltungen. Ziel ist ein kultureller Klimawandel im Handeln und im Denken. Zum Start legte sich der finnische Wettergott so richtig ins Zeug und lieferte nordisch coole Stimmung.

Oulu, mit 220.000 Einwohnern, ist nicht nur die nördlichste Großstadt Europas, sondern auch Technologiestandort und Fahrradstadt. Selbst im tiefsten Winter werden 20 Prozent aller Fahrten mit dem Rad absolviert. Frühmorgens werden als Erstes die Radwege und dann die Straßen geräumt. Einigen Leverkusenern ist das möglicherweise bekannt, ist Oulu doch schon über 50 Jahren Partnerstadt – und ein beliebter Ausflugsort für so manchen Rheinländer. Was manche vielleicht noch nicht wissen: Oulu ist im Ranking der glücklichsten Städte weltweit auf Platz 13, hat die sauberste Luft aller Städte in Europa und ist noch dazu die drittinnovativste Stadt Europas. „Oulu2026 stärkt die Position der Stadt als ein Zentrum der Kultur, Innovation und nördlicher Vitalität“, hofft Oulus Bürgermeister Ari Alatossava.

Aktuell gibt es nur fünf Stunden Tageslicht. Doch die Stadt wirkt alles andere als dunkel. Denn Lichtinstallationen erleuchten das Zentrum und der Schnee reflektiert jeden Funken Licht. Gefeiert wurde der Start mit vielen gleichzeitigen Formaten. Warm anziehen, lautete die Devise, fanden doch die meisten Veranstaltungen draußen statt – ausdrücklich für alle, leicht zugänglich und meist kostenlos. Die Orte sind bewusst unerwartet ausgewählt: Einkaufszentren werden zu Kulturtempeln, Cafés und Schiffe zu Ausstellungsorten, Wälder, Inseln und selbst die gefrorene Ostsee zu Bühnen. So will man auch die Menschen erreichen, die sonst vielleicht nicht ins Theater oder in die Oper gehen.

Als langjährige Partnerstadt nimmt Leverkusen einen besonderen Platz in der europäischen Geschichte von Oulu ein
Samu Forsblom, Programmdirektor von „Oulu2026“

Auch Leverkusen wird im Programm vertreten sein. „Praise of Friendship!“ ist eine Hommage an die europäische Musikausbildung und Freundschaft. Dieses Konzert am 25. Mai im Musikzentrum von Oulu ist der Höhepunkt einer engen Zusammenarbeit zwischen drei Musikschulen: dem Konservatorium Oulu, der Musikschule Chemnitz und der Musikschule Leverkusen. „Als langjährige Partnerstadt nimmt Leverkusen einen besonderen Platz in der europäischen Geschichte von Oulu ein, und wir würden uns sehr freuen, viele Besucher aus Leverkusen begrüßen zu dürfen, um unser Jahr als Kulturhauptstadt Europas 2026 mitzuerleben. Oulu ist eine Stadt der Kreativität, Offenheit und nordischen Gastfreundschaft, und wir laden unsere Freunde aus Leverkusen herzlich ein, mit uns die Kultur zu feiern“, sagt Samu Forsblom, Programmdirektor von „Oulu2026“.

Eröffnet wurde das Kulturhauptstadtjahr vom finnischen Präsidenten Alexander Stubb. Er schlug für Oulu auch gleich einen neuen Slogan vor: „Oulu – cooler als du denkst.“ Denn pünktlich zur Eröffnung fing es an, heftig zu schneien, es fegte ein eisiger Wind über den Marktplatz. Was die tausenden Menschen – typisch finnisch – sehr gelassen nahmen. Was ist schon normaler als Schnee im Januar, dachte sich wohl auch der schreiende Männerchor „Mieskuoro Huutajat“ und brüllte – wie es seine Art ist – die Hymne der Europäischen Union. Und auch sonst gab sich Oulu europäisch: In Anlehnung an Turku, das 2011 Kulturhauptstadt war und jedes Jahr den Weihnachtsfrieden fürs ganze Land ausruft, wurde feierlich eine Friedenserklärung von Oulu verlesen. So wird aus Joulurauha (Weihnachtsfrieden) nur durch Weglassen des ersten Buchstabens ganz schnell Oulurauha (Oulufrieden). Ein Hinweis auf den einzigartigen Humor der Menschen in Oulu.

Der Blick auf ein farbenfroh beleuchtetes Gebäude in Oulu.

Bei nur fünf Stunden Tageslicht im Winter weiß sich Oulu mit farbenfroher Beleuchtung zu helfen.

Die Menschen in Oulu sind voller Vorfreude auf das Kulturjahr, nur ihre finnische Zurückhaltung verbietet es, es offen und laut zu zeigen. Also bleibt der Stolz auf ihre Stadt ein wenig finnisch unterkühlt. „Es ist schön, dass es jetzt mehr Kultur, mehr Konzerte geben wird“, sagt etwa Juha, der sich als Freiwilliger engagiert und mithilft, dass die Menschenmassen sicher über die teils eisglatten Straßen geleitet werden.

Oulu – mutig am Rande von Europa und doch mittendrin. Eine Stadt, die nicht glänzen, sondern wirken will. Natur, Technik und Kultur werden neu verwoben, als Video- oder Lichtkunst, immersive oder KI-unterstützte Kunst. Gemeinsam mit 39 umliegenden Orten sind rund 3000 Veranstaltungen geplant. Oulus Kulturverständnis geht jedoch noch weiter: Auch Bewegungs-, Ess- und Sauna-Kultur gehören ganz selbstverständlich dazu.

Ein Männerchor trat auf der Bühne in Oulu auf.

Auch beim Auftritt des Männerchors blieb das Schneetreiben nicht aus.

Viel Aufmerksamkeit bekommt die Sámi-Kultur, die Kultur eines indigenen Volkes in Skandinavien. Am Freitagabend feierte die Sámi-Oper Ovlla Weltpremiere. Dabei wird auf Nordsamisch die Geschichte des Jungen Ovlla erzählt, der von seinen Eltern getrennt ins Internat gesteckt und zum Finnen umerzogen wird. Es geht um Zwangsassimilierung und die Suche nach Identität. Zur Premiere kamen viele Sámi ins Theater, in Oulu leben die meisten Sámi außerhalb von Lappland. Gefeiert wurde die Produktion mit minutenlangen Ovationen.

Oulu hat sich nichts weniger als einen kulturellen Klimawandel vorgenommen. Gemeint ist nicht nur der ökologische Klimawandel, schließlich erwärmt sich das Klima in der arktischen Region viermal schneller als anderswo. Das ambitionierte Ziel: Wie können wir mithilfe der Kultur gemeinsam Antworten auf den Wandel und die globalen Herausforderungen finden?

Doch es wäre nicht Oulu, wenn es nicht auch Skurriles und Rekordverdächtiges gäbe: So will Oulu zur lesefreudigsten Kulturhauptstadt werden, indem möglichst viele Bewohner ihre gelesenen Bücher melden. Im Sommer wird wieder die Luftgitarre bei der alljährlichen WM geschwungen. Außerdem will man den Weltrekord brechen, wie viele Menschen sich gleichzeitig in einer Sauna befinden, und die Winterschwimm-Weltmeisterschaft wird im Februar in der kalten Ostsee vor Oulu ausgetragen. Nordisch cool eben.


Die seit 1968 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Leverkusen und Oulu 2026 mit mehreren Zusammenkünften zelebriert. Bereits Ende Januar begrüßt Oberbürgermeister Stefan Hebbel eine rund 60-köpfige Delegation aus Finnland in Leverkusen. Personen aus der Wirtschaft und dem Sport, des achtfachen finnischen Eishockeymeisters Oulun Kärpät, reisen ins Rheinland – und werden unter anderem mit Hebbel und weiteren Stadtvertretern das Bayer-04-Heimspiel gegen Werder Bremen am 24. Januar begrüßen.

Neben der Reise der Musikschule Leverkusens für einen Auftritt in Oulu im Mai wird auch der Opladener Geschichtsverein vom 31. August bis zum 6. September in Finnland sein. „Das Kulturhauptstadtjahr ist auch für uns ein besonderer Höhepunkt der langjährigen Freundschaft mit Oulu“, erklärt Leverkusens Oberbürgermeister. Bernhard Marewski, ehemaliger Bürgermeister der Stadt, und langjähriger Vorsitzender der Deutsch-Finnischen Gesellschaft Leverkusen, ergänzt: „Der ‚kulturelle Klimawandel‘, den Oulu ausruft, ist ein starkes Signal aus dem Norden Europas und es ist ein inspirierendes Signal für ganz Europa.“