Ein 19-Jähriger steht vor Gericht. Über seinen Anteil an der perfiden Betrugsmasche besteht noch Unklarheit.
ProzessRentner aus Burscheid sollte gleich zweimal um 20.000 Euro gebracht werden

Amtsgericht Leverkusen Opladen Bild: Ralf Krieger
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Er ist noch keine 20 Jahre alt – aber längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Die Frage ist, wie tief der junge Mann, der am Dienstag von zwei Wachtmeistern in den Opladener Gerichtssaal geführt wird, in einen üblen Betrug verstrickt ist. Am 30. Oktober 2025 war er zumindest an einem zweiten Betrug beteiligt, mit dem ein 83 Jahre alter Mann aus der Ortschaft Blasberg um 20.000 Euro gebracht werden sollte. Was am Ende misslang.
Tags zuvor hatte die Masche Erfolg: Der Rentner holte laut Anklage ebenfalls 20.000 Euro von der Bank, packte sie in eine Tüte und ließ das Geld vermeintlich „in Sicherheit bringen“. So hatten es ihm zwei falsche Kriminalkommissare am Telefon erzählt. Denn in der kleinen Burscheider Ortschaft seien Einbrecher unterwegs. Vor ihnen sollte der 83-Jährige „geschützt“ werden.
Nächster Versuch am nächsten Tag
Einen Tag später wollten eine junge Polizeibeamtin und ein erfahrener Kollege eigentlich nur ein Beratungsgespräch in Blasberg führen. Aber als sie dort ankamen, gab es etwas Anderes zu tun: „Hier geht’s gleich zur Sache“, habe sie der Senior begrüßt, erinnert sich der inzwischen pensionierte Polizist von der Bergisch Gladbacher Wache: „Die haben sich schon wieder gemeldet.“ Tatsächlich habe es dann ein überaus langes Telefonat mit einem offenkundig falschen Kommissar gegeben. Das Opfer habe dem Mann die Seriennummern von Banknoten aufgesagt – vorgeblich, weil die Scheine von den Behörden registriert werden sollten. Der Blasberger habe bereitwillig mitgemacht und dem Anrufer am Ende irgendwelche Phantasiezahlen diktiert. Ziemlich cool, fanden die beiden echten Polizisten.
Cool sei auch gewesen, dass der alte Mann Zeitungspapier und Prospekte in einen Stoffbeutel gepackt habe. Denn ganz plötzlich sei ein zweiter falscher Kommissar am Telefon gewesen. Das konnten die echten Beamten mithören, weil inzwischen der Lautsprecher angeschaltet war. Ein „Hauptkommissar Roth“ habe Druck gemacht: Die Einbrecher seien schon in Blasberg, ein Spezialeinsatzkommando der Polizei müsse die 20.000 Euro sofort abholen, um den Einbrechern noch zuvorzukommen.
Zeitungspapier im Stoffbeutel
Tatsächlich habe der Rentner den Stoffbeutel mit den Papierschnipseln vor der Haustür abgestellt – und in dem Moment sei auch schon der Angeklagte auf der Treppe erschienen, habe den Beutel an sich gerafft und sei losgesprintet. Die echten Polizisten nahmen die Verfolgung auf, nach ein paar hundert Metern hatten sie den 19-Jährigen eingeholt. Der junge Mann habe keinen Widerstand mehr geleistet, die vermeintliche Beute hatte er schon vorher weggeworfen.
Was die Beamten fanden, als sie ihn durchsuchten, machte die Sache allerdings viel schlimmer: rund 40 Gramm weiche Drogen, vor allem aber eine Reizgaspistole, die man nicht einfach so mitführen darf. Sonderlich gesprächig sei der junge Mann nicht gewesen, heißt es am Dienstag: „Das war nicht viel, was er erzählt hat.“
Nur Läufer oder tief verstrickt?
Auch vor Gericht überlässt der 19-Jährige, dessen Eltern aus Bangladesch geflohen sind, der aber in Griechenland geboren wurde, vor allem seinem Anwalt das Reden. Natürlich, den Beutel habe er in Blasberg abgeholt – womit er der Läufer in der Betrugsmethode wäre. Einen Tag vorher habe ihn jemand in seiner Düsseldorfer Heimat angesprochen und ihm 500 Euro für den Job in dem Dorf bei Burscheid geboten. Der Mann habe ihn auch mit dem Auto nach Blasberg gebracht. Wer das ist? Keine Antwort.
Von daher ist dem Angeklagten auch nicht nachzuweisen, dass er Teil einer organisierten Betrügerbande ist, die am Telefon alte Leute um ihre Ersparnisse bringt. Klar ist aber, dass er im vorigen März, April und Mai nicht nur leichte Drogen vertickt hat, sondern auch Kokain. Das gibt der 19-Jährige zu. Die Deals wurden über Snapchat und den sicheren schweizerischen Messenger Threema abgewickelt – weshalb die Empfänger der Drogen bislang nicht identifiziert sind.
Allein die Sache in Blasberg reicht aber, den jungen Mann in Untersuchungshaft zu nehmen und zu behalten. Seit fünfeinhalb Monaten sitzt er im Gefängnis, und daran wird sich zunächst nichts ändern. Das Opfer soll noch gehört werden. Erst dann wird ein Urteil gesprochen.

