Die szenische Lesung „Empfänger unbekannt“ verwandelt einen historischen Briefroman „Adressat unbekannt“ in einen hochaktuellen Abend über Sprache, Macht und das Zerbrechen von Freundschaft.
„Empfänger unbekannt“Briefe als Resonanzraum der Geschichte im Studio des Forums

Michael Meierjohann und Wolfgang Müller-Schlesinger bei der szenischen Lesung „Empfänger unbekannt“ – ein konzentriertes Spiel mit Stimme, Text und Zeitgeschichte.
Copyright: Timon Brombach
Schon die ersten Sätze von „Empfänger unbekannt“ geben einen Einblick, wie die szenische Lesung verlaufen wird: ruhig, kontrolliert, beinahe beiläufig. Doch Kathrine Kressmann Taylors Text arbeitet wie eine Partitur, in der sich Motive langsam verschieben. Der Briefwechsel zwischen Martin Schulse und dem Juden Max Eisenstein beginnt als vertraute Korrespondenz zweier Geschäftspartner, die einst gemeinsam eine Kunstgalerie in San Francisco führten. Mit Schulses Rückkehr nach Deutschland 1932 dringt die Politik in diese private Welt ein, zunächst als Hintergrundrauschen, dann als bestimmender Rhythmus.
Die szenische Lesung macht diesen Wandel hörbar. Worte werden schwerer, der Ton selbstsicherer, die Sätze enger geführt. Aus Freundschaft wird Haltung, aus Haltung Ideologie. Taylors Roman, 1938 als frühe literarische Warnung vor dem Nationalsozialismus erschienen, entfaltet auf der Studiobühne seine ganze Klarheit: Geschichte ereignet sich nicht nur in Parolen und Gesetzen, sondern im Alltäglichen, im Brief, im scheinbar harmlosen Satz.
Stimmen im Widerhall
Michael Meierjohann und Wolfgang Müller-Schlesinger tragen diesen Abend allein, doch nie isoliert. Ihre Stimmen stehen in einem ständigen Widerhall zueinander, mal harmonisch, mal spannungsgeladen. Geboren wurde das Ganze im Opladener KAW, als dann doch noch zu dem Buch gegriffen wurde. Seit 20 Jahren spielen die beiden vor allem an Schulen: „Da wird plötzlich zugehört.“
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Meierjohann zeichnet Schulse als Mann, der sich zunehmend im Klang der neuen Zeit einrichtet. Seine Sprache gewinnt an Überzeugung, an einer gefährlichen Klarheit. Müller-Schlesinger setzt dem die ruhige Wachsamkeit des Eisenstein entgegen, dessen Briefe lange von Vertrauen und Vernunft getragen sind, bevor sie sich schärfen und verdichten. Musik- und Propagandaeinspielungen strukturieren den Abend wie Zwischenspiele, sie geben Atem und verstärken die emotionale Spannung.
Ein Text von 1938 im Licht der Gegenwart
Unter der Regie von Petra Clemens, die beim ersten Lesen direkt die Vision für das Projekt hatte, vertraut die Inszenierung auf Reduktion. Gerade durch die Einfachheit, öffnet sich der Raum für die Gegenwart. Taylors Text beschreibt keinen plötzlichen Fanatismus, sondern einen schleichenden Prozess. Schulse radikalisiert sich nicht über Nacht, er gewöhnt sich. Seine Briefe spiegeln, wie Begriffe ihre Bedeutung verschieben und wie Zugehörigkeit zur Währung wird.
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten wieder schärfer geführt werden und Freundschaften an politischen Überzeugungen zerbrechen, wirkt „Empfänger unbekannt“ wie ein Seismograf. „An den Schulen diskutieren wir nach der Vorstellung natürlich mit den Kindern“, erklärt Meierjohann. Die Inszenierung verzichtet auf Aktualisierungen, sie braucht sie nicht. Die Fragen nach Verantwortung, nach Mitläufertum und nach der Macht der Sprache stellen sich von selbst. Gibt es am Ende Rache? Und was bedeuten Briefe, die mit „Adressat unbekannt“ zurückkommen?

