Der Friedhof Scherfenbrand strahlt die Atmosphäre eines Parks aus. Unter den hohen Eichen und Fichten erinnern Gräber an Tragödien.
Friedhöfe in LeverkusenScherfenbrand wirkt wie ein Park – Gräber erinnern an Tragödien

Außer Dienst gestellt: Am östlichen Ende des Friedhofs wird niemand mehr begraben. Das Gelände wirkt wie ein Park.
Copyright: Peter Seidel
Bei einem Besuch auf dem Friedhof Scherfenbrand am östlichen Rand von Schlebusch fallen als erstes die vielen alten und hochgewachsenen Bäume auf dem Gelände auf. Etliche Eichen stehen hier, dazu Fichten, Kiefern, manche Zeder und auch ein paar hoch aufgeschossene Birken. Dazwischen etwas niedriger und für einen Friedhof typisch: Eiben, Ilex, Lebensbäume. Der alte Baumbestand hat mit der Genese dieses Gottesackers zu tun.
Bevor das 77.142 Quadratmeter große Areal – mehr als 7,7 Hektar Land – in städtischen Besitz überging, gehörte es der Familie von Diergardt und war Teil des Waldes, der sich zwischen Schlebusch und dem Bergisch Gladbacher Stadtteil Nittum erstreckt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, so erläutert Stadtführerin Angela Breitrück bei einem Rundgang, schenkten Friedrich Leopold Freiherr von Diergardt und seine Frau Hertha Anna der Stadt das große Waldstück. Die Stadt richtete es für seine Nutzung als Friedhof her, baute auch eine erste kleine Trauerhalle und ließ natürlich viel des alten Baumbestandes stehen. Seit 1947 werden hier auf diesem parkähnlichen Friedhof Menschen begraben.

Das Grab des Schenkers Friedrich Leopold Freiherr von Diergardt und seiner Frau Hertha Anna
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An den Schenker Freiherr von Diergardt und seine Frau erinnert ihre Grabstelle. Auf einem schlichten Stein sind ihre Lebensdaten vermerkt. von Diergardt starb bereits 1958, seine 14 Jahre jüngere Frau starb hochbetagt mit beinahe 95 Jahren 1988.
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Der Friedhof war gerade gut zwei Jahre in Betrieb, da ereignete sich der schlimmste Verkehrsunfall der Leverkusener Stadtgeschichte. Am 8. August 1949 erfasste der Schnellzug D99 am Bahnübergang nahe dem damaligen Bahnhof Schlebusch (heute: Manfort) einen Lastzug mit zwei Anhängern. Auf dem hinteren Anhänger saßen Jungen, die von einem Ausflug der Pfarrgemeinde St. Andreas auf dem Heimweg waren. 18 Jungen starben sofort, einer erlag später seinen Verletzungen. 17 Jungen wurden am Scherfenbrand beerdigt, einer auf dem Friedhof Manforter Straße.

Ein Stein mit Inschrift erinnert an das Zugunglück, bei dem 1949 am damaligen Bahnhof Schlebusch 19 Schüler getötet wurden. 18 sind am Scherfenbrand bestattet worden.
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Am 13. August 1949 setzte sich der Trauerzug von der Sankt-Andreas-Kirche mit 17 weißen Särgen in Bewegung in Richtung Friedhof Scherfenbrand. Die Fläche, auf der die Jungen beerdigt wurden, ist nicht wieder für Bestattungen freigegeben worden. Sie ist mit Naturstein gepflastert und von Efeu Rhododendron umwachsen. Ein Gedenkstein mit ihren Namen erinnert an die Tragödie.
Mit Efeu überwachsen ist auch ein Grab etwas tiefer im Friedhofsgelände, das an eine weitere Tragödie erinnert. Was damals im Jahr 1996 passierte, teilt bereits der Grabstein mit. Unter einem schlichten Kreuz steht dort in bronzenen Lettern: „Auf dem Weg zur Schule brutal ermordet“. Auf dem Grab selbst liegt in Form eines aufgeschlagenen Buches gestalteter Marmor, das links ein ernst dreinblickendes blondes Mädchen zeigt und rechts ihren Namen: Sabine Wojdylo.

Das Grab der ermordeten Schülerin Sabine Wojdylo
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Die Schülerin der Gesamtschule war am 11. Oktober 1996 auf dem Fußweg zur Schule von Mathildenhof am Oulusee entlang in der Nähe des Sees vergewaltigt und ermordet worden. Eine Woche später wurde die 14-Jährige unter großer Anteilnahme ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler am Scherfenbrand zu Grabe getragen. Dass die Erinnerung an sie immer noch wach ist, zeigen viele kleine Grableuchten, Blumen und Pflanztöpfchen.
Solche Mitbringsel, mit denen Freunde und Angehörige ihre Verbundenheit mit dem oder der Bestatteten ausdrücken und das Grab selbst auch etwas verzieren, persönlicher gestalten wollen, sind auf Reihen- oder Familiengräbern erlaubt. Andernorts am Scherfenbrand hingegen nicht. An den Kolumbarien zum Beispiel: Von denen steht eine ganze Reihe in Form von Betonwürfeln auf dem Friedhof, daneben ein warnendes Schild der Friedhofsverwaltung: „Das Ablegen persönlicher Andenken jeglicher Art ist auf dieser Allgemeinfläche nicht gestattet!“
Auch auf den Ruhegärten sind Pflanzen, Blumen, Ziersteine, Grableuchten und Ähnliches nicht willkommen. Mittlerweile ziehen offenbar recht viele Leverkusenerinnen und Leverkusener diese Form der Bestattung einem traditionellen Grab vor. In der südwestlichen Ecke des Friedhofs sind recht große Flächen dafür freigehalten. Dort werden Urnen bestattet, ohne dass die individuelle Bestattungsstelle kenntlich gemacht ist, etwa mit einer Umfassung.
Wer dort begraben liegt, kann auf Glas-Schildern am Rand des Ruhegartens identifiziert werden. Die Namen der Toten sind in das Glas eingraviert. Und auf den Glasflächen sieht der Betrachter dann, dass Angehörige sehr findig darin sind, ihrem geliebten Toten auch im Ruhegarten mit etwas „Grabschmuck“ zu gedenken. Denn neben so manchem Namen im Glas kleben Schmetterlinge, rote Herzen oder andere kleine Bildchen.

Bereit für die Aufnahme der Urne: Eine für eine Beerdigung geöffnete Urnengrabstelle im Naturruhgarten Hastrich.
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Das Bedürfnis nach individueller Gestaltung eines Grabes auch im Ruhegarten hat die Beerdigungsunternehmerin Nicole Hastrich erkannt. Hastrich bietet an der Nordseite des Friedhofs auf einer naturnah gestalteten Fläche Urnen- oder Sargbestattungen an und übernimmt auch die Grabpflege. Im Schatten alter Bäume können Angehörige dort ihre Toten bestatten lassen. Stühle auf dem Areal laden zum Verweilen am Grab ein, genauso wie zwei von Weißbuchenhecken umstandene Schaukeln.
Die sich wandelnde Begräbniskultur macht sich auch darin bemerkbar, dass viel Begräbnisfläche auf dem Scherfenbrand mittlerweile nicht mehr gebraucht wird. Am östlichen Rand des Friedhofs sind etliche Grabfelder inzwischen außer Dienst gestellt, die Umfassungen entfernt. Der städtische Friedhofsverwalter Thomas Bappert sagt dazu: „Auf den großen Flächenfriedhöfen der Stadt versuchen wir die Randbereiche freizuziehen und die Grabbelegung zu zentralisieren.“ Wenn diese Randbereiche außer Dienst gestellt seien, könne man sie extensiver pflegen. Weniger Pflegeaufwand bedeutet auch, dass das Personal auf den Friedhöfen dann mehr Zeit für die Pflege der verbleibenden Flächen hat und andere wichtige Aufgaben.
Wie auf dem alten Schlebuscher Friedhof an der Mülheimer Straße ist natürlich auch ein Spaziergang über den Gottesacker am Scherfenbrand ein Gang durch Schlebuscher Geschichte. Da wäre zum Beispiel das Grab von Hans und Else Runte zu nennen. Hans' Bruder Heinrich war ein Kleinkrimineller, der unmittelbar nach dem Krieg kurzzeitig zu Prominenz gelangte. Die amerikanischen Besatzungstruppen machten ihn, der damals in der örtlichen Strafanstalt einsaß, 1945 kurzerhand zum Bürgermeister von Ingolstadt – in der Annahme, dass alle Häftlinge der Nazis politische Strafgefangene waren. Runte blieb, obwohl seit 1933 Mitglied der NSDAP, im Amt, bis im Mai 1946 Kommunalwahlen abgehalten wurden.
Den Schlebuschern hatte der gelernte Journalist Heinrich Runte dagegen etwas Bleibendes hinterlassen: den Text des Schlebusch-Liedes „Jo mir sin Schliebijer, mer sin von jode Aat“, das in der fünften Session gerne gesungen wird. Beerdigt wurde der Schlebuscher Heinrich Runte freilich nicht in Leverkusen, sondern in Frankfurt.
Auch Horst Schäperclaus, letzter Besitzer des Freudenthaler Sensenhammers, liegt am Scherfenbrand begraben. Und Maria Dresen: Sie läutete gewissermaßen die Nachkriegszeit in Schlebusch ein, als sie am 15. April 1945 den heranrückenden Amerikanern mit einem Tuch in der Hand auf der Mülheimer Straße entgegenlief und rief: „I surrender Schlebusch!“

