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Zeitgenössische KunstPflanzenmusik und Stallgeruch zum Jubiläum im Leverkusener Museum Morsbroich

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Rubin Henkel, Niklas Bolten und Maiella Di Donato (hinten) machen Natur zu Musik. Im Museum Morsbroich läuft ab Sonntag die Ausstellung „Chained to the Rhythm, Von Mensch und Natur“.

Rubin Henkel, Niklas Bolten und Maiella Di Donato (hinten) machen Natur zu Musik. Im Museum Morsbroich läuft ab Sonntag die Ausstellung „Chained to the Rhythm, Von Mensch und Natur“.

Die Ausstellung öffnet am Sonntag, 1. März, um 12 Uhr.

Ausstellungstitel von Kunstmuseen müssen heute in Englisch daherkommen, die neue im Museum Morsbroich heißt „Chained to the Rhythm“, Untertitel „Von Mensch und Natur“, damit ist das Thema umrissen. Der Titel kommt nicht von ungefähr, denn Natur hat schon in den früheren Jahren des Jagdschlosses eine wichtige Rolle gespielt: Im Schloss konnten die Inhaber ihrem städtischen Alltag entfliehen, sich vielleicht erden, wie man sagt.

Das Leverkusener Museum wurde vor 75 Jahren gegründet und es hat immer zeitgenössischen Künstlern Raum gegeben. So auch jetzt: Die meisten der 14 in der Ausstellung vertretenen Künstler leben und haben ganz neue Kunstwerke aufgebaut oder fotografiert. Licht, Luft, Wetter und Natur sollen ins Museum kommen. Ob man sich heute im Schloss-Museum erden kann, wie die Erbauer, muss jeder selbst erfahren.

Wahrhaft erdige Kunst ist aber zu sehen: zum Beispiel ein Bechstein-Flügel, der dünn mit Lehm verputzt wurde. Die drei Beine wurden entfernt, das Instrument liegt auf drei bergischen Wackersteinen. Der Flügel hat eine selbstspielende Tastatur bekommen. Ein Computer lässt darauf eine einstündige Komposition spielen, die die Natur im Prinzip selbst komponiert hat: Niklas Bolten und Rubin Henkel haben übers Jahr den elektrischen Widerstand in Pflanzen vor der Tür gemessen. Quasi Bäumen und dem Gras beim Wachsen zugehört, bei Kälte und Hitze. Diese Daten haben sie in ein Pflanzen-Musikstück gewandelt, das der Flügel im Eckzimmer im Schloss alleine vor sich hinklimpert, mal mit mehr Noten, mal mit weniger. Interessant wird sein, ob der Öko-Lehmputz hält oder ob er bis zur Finissage im Juni vom Flügel heruntergebröselt ist.

Museum Morsbroich Ausstellung Chained to the Rhythm, Von Mensch und Natur Bild: Ralf Krieger

Enya Burger lässt im Museum ihr Bild mithilfe von UV-Licht verblassen.

Das 75 Jahre alte Museum hat immer auch durch Skandale gelebt, die es zum Stadtgespräch machten. Wenn zum Beispiel monochrome Bilder ausgestellt wurden, oder wenn eine rote Stange als Kunst gezeigt wurde. Dann echauffierten sich Leute: „Das soll Kunst sein?“

Heute regt sich niemand mehr über sowas auf. Aber ein Bild ohne etwas drauf, wird auch in der aktuellen Ausstellung gezeigt. Johanna von Motkiewitsch hat eine Leinwand mit einer teilweisen Abdeckung über sechs Monate auf dem Südbalkon am Schloss in die gleißende Sonne gestellt, damit das UV-Licht seine Spur hinterlässt. Die ausgeblichene Fläche ist sichtbar, sie ist etwas weißer als der Rest – es ist also streng genommen doch etwas auf dem Bild zu sehen.

Eine Arbeit mit Licht kommt von Enya Burger, die ein Aquarellpapier mit grünem Blatt-Farbstoff Chlorophyll gestalötet hat, das sie mit einer UV-Lampe bestrahlt. Die Abbildung soll im Laufe der Ausstellung verschwinden. Wie sich zeigt, verblasst die Naturfarbe ziemlich schnell, so dass die Künstlerin die Bestrahlung reduziert hat, damit zur Ausstellungseröffnung am Sonntag noch etwas zu sehen ist.

Museum Morsbroich Ausstellung Chained to the Rhythm, Von Mensch und Natur Bild: Ralf Krieger

In diesem Raum im Museum Morsbroich lebten offenbar echte Kaninchen.

Nebenan riecht es nach Kaninchenstall, in einem ganzen Raum sollen tagelang Kaninchen gelebt haben. Ihre Hinterlassenschaften, zum Teil schon auf dem edlen Parkett festgetreten, erzeugen den authentischen Geruch. Stroh, Heu und ein Fressnapf sind noch da, nur die Hoppler sind verschwunden.

Es gibt einen Ruheraum: Dort wird der legendäre Schwarzweißfilm „Sleep“ von 1963 gezeigt. Fast sechs Stunden hatte Warhol einen Mann beim Schlafen gefilmt. Der inhaltlich eigentlich wenig ergiebige Film lief sogar in Kinos, erklärt Fritz Emslander, der die Ausstellung gemeinsam mit Thekla Zell kuratiert hat. Nur wenige Menschen sollen Sleep ganz gesehen haben. Er reizt allerdings zum Einschlafen, weshalb Emslander ein riesiges bequemes Sofa fürs Museum gekauft hat. Darauf könne man gerne ein Nickerchen machen, das sei vollkommen in Ordnung, sagt er: Zum Film-Raum gehören eine reihe Fotos von schlafenden Menschen in anderen Museen. Den Film hat Emslander im Warhol-Museum in Amerika leihen müssen. Gezeigt wird nur ein 55-minütiger Ausschnitt des sechsstündigen Werks, aber in Endlosschleife.

Geweckt würde man spätestens von einer Frauenstimme, einer durchdringenden Wetter-Durchsage, die alle zwei Stunden über die Lautsprecher-Anlage im ganzen Schloss ertönt: „ … Hamburg, 13 Grad…“ Die gehört zu einer Installation von Sebastian Gräfe, der einen ganzen Raum zur Wetterstation gemacht hat und in dem die Museumsmitarbeiter gefordert sind, die Installation immer dem aktuellen Leverkusener Wetter anzupassen: Sieben Schirme im Ständer bedeuten 70-prozentige Regenwahrscheinlichkeit, die Jacke des Künstlers hängt am 13. Kleiderhaken, bedeutet, es ist 13 Grad warm. Die alte Jacke muss am Tag vom Personal mehrfach umgehängt werden. Und wehe, der rote Schirm ist ausgestellt, dann herrscht Unwetterwarnung.


In der Ausstellung „Chained to the Rhythm“ sind Kunstwerke von Enya Burger, Jason Dodge, Stefan Draschan, Sebastian Gräfe, Rubin Henkel & Niklas Bolten, Dieter Kiessling, Timo Klos, Herlinde Koelbl, Johanna von Monkiewitsch, Gabriela Oberkofler, Bill Viola, Andy Warhol und Lois Weinberger zu sehen. Eröffnung ist am Sonntag, 1. März um 12 mittags.

Das Museum Morsbroich feiert 2026 sein 75-jähriges Bestehen. Das junge Leverkusen besaß ab 1951 lange, neben Krefeld, eines der ersten Museen für zeitgenössische Kunst. Beuys, Richter, Baselitz, Uecker, Vostell: In Leverkusen haben die meisten Künstler ausgestellt, die Rang und Namen haben oder die später berühmt wurden. Erst in den 1980er-Jahren öffneten weitere Museen für zeitgenössische Kunst in den Metropolen und machten Leverkusen Konkurrenz. Vom 8. bis zum 10. Mai 2026 soll das Jubiläum im Museum gefeiert werden. (rar)