Geister, Astralleiber und Visionen: Das Kunstmuseum Bonn stellt die Rorschach-Malerei von Kerstin Brätsch vor.
Kerstin Brätsch in BonnWas den Augen sonst verborgen bleibt

So sah die Ausstellung von Kerstin Brätsch in Oslo aus. Jetzt ist sie im Kunstmuseum Bonn zu sehen.
Copyright: Ove Kvavik
Totgesagte leben zwar bekanntlich länger, aber von Zeit zu Zeit kann es nicht schaden, eine Messe für die leichenblasse Malerei zu lesen, oder deren Lebensgeister auf etwas weniger konventionelle Weise zu beschwören. Kerstin Brätsch entschied sich dafür, in das Kostüm einer Hauptstadtbärin zu schlüpfen und dem von ihrem Künstlerpartner Debo Eilers verkörperten „kranken Gemälde“ als Krafttier beizustehen. Die spirituelle Heilungszeremonie zog sich über mehrere Stunden und verband Schlammpackungen mit Berliner Szene-Voodoo; assistieren ließ sich Brätsch von einer Hexe in Krankenschwesterntracht.
Die Fortsetzung dieser im Jahr 2018 abgehaltenen Geisterbeschwörung führte Brätsch und Eilers fünf Jahre später nach Köln. Unter dem Titel „Höllekölle“ machte sich die Bärin erneut über die Malerei in Menschengestalt her, doch dieses Mal stieg der geheilte Eilers in eine Dusche, reinigte sich und kam als kerngesunder Auktionator wieder heraus. In Anzug und Krawatte bot er 19 Gemälde an, auf denen Brätsch die unendlich vervielfachten Gesichter rheinischer Kunstgrößen mit abstrakten Kringeln teilweise übermalt hatte: Gerhard Richter, Sigmar Polke, Isa Genzken, Katharina Sieverding…
Eine Kölner Performance bildet den Kern der Bonner Ausstellung
Jetzt sind die Requisiten des Kölner Rituals sowie einige der Übermalungen im Bonner Kunstmuseum zu sehen. Sie bilden den heimlichen Kern der ersten großen Kerstin-Brätsch-Ausstellung in Deutschland, weil man vor ihnen versteht, dass sich die im Jahr 1979 geborene Brätsch in der Rolle der Epigonin sieht, als Malerin, deren Karriere begann, als scheinbar alles schon gemalt war. Und was bleibt einem übrig, wenn die Tradition so erdrückend wirkt, dass es einem den Atem raubt? Man löscht sie symbolisch aus, um sich selbst und die Malerei vor dem Erstickungstod zu retten.
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Kerstin Brätsch ist nicht die erste Künstlerin, die ihr gefühltes Epigonentum als Antrieb nimmt, noch einmal neu anzufangen. Selbst darin steht sie in einer langen Tradition, die in Deutschland spätestens bei Richter und Polke beginnt. Interessant ist, worauf sie zurückgreift, um sich gegen das übermächtige Erbe zu behaupten: die esoterischen und parapsychologischen Quellen der abstrakten Malerei.

Kerstin Brätsch taucht auf ihren Bildern in die Tiefen des Unbewussten.
Copyright: Andrea Rossetti
Bei Wassily Kandinsky, Hilma af Klint und anderen Pionieren der abstrakten Kunst soll man sehen können, was den Augen sonst verborgen bleibt. Oft genug waren dies Geister, wolkige Astralleiber, Träume, Visionen oder „Gedankenformen“. Bei Brätsch ist die reale Welt ähnlich ungreifbar, und die Bilder führen scheinbar ein Eigenleben. „Ich begreife Malerei als lebendigen Organismus“, schreibt sie, „die Werke befinden sich im ständigen Fluss, als besäßen sie einen eigenen Stoffwechsel.“
Den großen Ausstellungssaal im Bonner Kunstmuseum hat Brätsch buchstäblich mit abstrakten Kompositionen tapeziert, die jeweils entlang einer zentralen Achse gespiegelt sind – genau wie beim psychologischen Rorschach-Test. Der lädt die Betrachter zum freien Assoziieren ein, in der trügerischen Hoffnung, wir würden untrügliche Hinweise auf unser Persönlichkeitsbild in die Leerstellen projizieren. Heute ist das eher ein Partyspiel, aber für Brätsch scheint es eine tiefere Wahrheit zu besitzen: In den Fantastereien der abstrakten Malerei liegt die absolute Freiheit der Kunst. Und wer völlig frei ist, steht in keiner Tradition.
Man könnte die Ausstellung einen feinen Selbstbetrug nennen
Man könnte die Ausstellung daher einen feinen Selbstbetrug nennen, von dem alle profitieren. Allerdings sehen beinahe alle Motive faszinierend aus, wenn man sie an ihrer Mittelachse spiegelt; das scheint in der menschlichen Natur zu liegen. Betrachtet man Brätschs Ausgangsmaterial, stellt sich eine leichte Enttäuschung ein. Und das gilt leider für den größeren Teil ihres in Bonn gezeigten Werks.
Dabei lässt sich Kerstin Brätsch einiges einfallen, um das bunte Farben- und Formenchaos der mittlerweile auch schon uralten abstrakten Kunst nicht einfach zu wiederholen. Sie greift etwa auf eine traditionelle chinesische Maltechnik zurück, bei der Farbtropfen nebeneinander auf die Leinwand gesetzt und anschließend mit einem breiten Pinsel vermalt werden; der Strich ähnelt digitalen Wischeffekten. Oder sie verteilt mit feinem Pinsel wässrige Farbflecken über die Leinwand, ein schönes Motiv, das man so ähnlich und vor allem mit weit weniger Aufwand durch Schütten erreichen könnte. Aber Brätsch möchte sich nicht dem Zufall überlassen, sondern die Kontrolle über das Bild behalten.
In diesen aquarellhaften Aufnahmen des Unbewussten nimmt Brätsch einmal Abstand von der monströsen Anmutung des Rorschachtests. Auf vielen anderen Bildern scheinen uns Augen anzublicken. Aber der menschliche Automatismus, überall, wo es nichts zu sehen gibt, Gesichter und (finstere) Gestalten zu erkennen, kann auf die Dauer auch ermüden.
Technisch ähnlich anspruchsvoll, aber ebensowenig überzeugend sind Brätschs Erweiterungen der Malerei in die dritte Dimension. In Bonn hat sie vergrößerte Ausschnitte ihrer Gemälde auf organisch zugeschnittene Kartonagen verteilt, die mal als Wandschmuck und mal als Raumteiler dienen. Mithilfe eines professionellen Stuckateurs lässt sie zudem ihre Bildmotive auf falschen Marmorobjekten „versteinern“. Das hat seinen Reiz. Aber letztlich braucht es mehr als das, um uns von der Auferstehung der Malerei in ihrem Werk zu überzeugen.
„Kerstin Brätsch – Meta Atem“, Kunstmuseum Bonn, Museumsmeile, Di.–So. 11–18 Uhr, Mi. 11–19 Uhr, bis 12. April 2026. Der Katalog kostet im Museum 17 Euro.

