Was ist wirklich passiert an diesem Samstagabend im Juli in Wiesdorf? Angeklagt sind eine räuberische Erpressung und schwere Körperverletzung, es gibt vier Beklagte. Drei von ihnen stehen seit Dienstag vor dem Kölner Landgericht. Das Problem: Am ersten Verhandlungstag hat das Opfer die Sache extrem heruntergespielt, den drei Angeklagten auch jede Beteiligung abgesprochen. Am späten Abend des 18. Juli hatte das noch ganz anders ausgesehen. Gegenüber der Polizei hatte er Namen, Telefonnummern, Instagram- und Snapchat-Konten genannt. Er sei nicht nur mit Pfefferspray traktiert worden, sondern geschlagen und mit dem Tode bedroht. Außerdem seien 1000 Euro weggekommen und eine Uhr.
Am Freitag befragt daher die 3. Große Strafkammer unter Stephan Kloke die Zeugen der Tat. Zunächst die beiden jungen Leute, die im Stadtpark unterwegs waren, und den 24 Jahre alten Mann als Erste nach der Tat angetroffen hatten. Auf dem Fußweg neben den Bahngleisen sei ihnen ungefähr in Höhe der Dhünn jemand „stolpernd“ entgegengekommen, berichtet ein 22 Jahre alter Student.
Er wäre „überfallen und gesprayt“ worden, habe dringend Wasser haben wollen, um sich die Augen auszuwaschen. Der Fremde sei außer sich gewesen, Polizei und Rettung habe man dann mit dessen Handy alarmiert, so der Zeuge: „Es war spät am Abend, mein Akku war leer.“ Dann sei noch die Rede von einer Plastiktüte gewesen. Die habe er weggeworfen und wollte sie suchen. „Snipes“ stehe drauf. Sehr schnell seien die ersten Polizisten da gewesen. Der Rettungswagen habe etwas länger gebraucht, erinnert sich der junge Mann.
Die Polizei kannte das Opfer schon
Auch einer der Polizisten spricht am Freitag vor Gericht von einem Mann „mit triefender Nase“, den man in Höhe des Forums angetroffen habe. Der Mann habe immer wieder auf Türkisch geflucht und sei zunächst „nicht gerade kooperativ“ gewesen. Besonders gewundert habe er sich darüber nicht: „Der Mann war polizeibekannt.“ Dass der Geschädigte schließlich doch einiges berichtet, schreibt der Beamte einem Kollegen zu, der türkische Wurzeln hat. Der habe einen Draht zu dem Mann bekommen.
Demnach habe er sich zunächst mit Bekannten im Akdeniz-Grill am Wiesdorfer Bahnhof getroffen. Später sei er unter einem Vorwand in eine dunkle Ecke hinter dem Forum gelockt worden. Dort habe es dann die Attacke gegeben, mit einem Totschläger, einem Messer und dem Spray. „Wir töten dich jetzt für Taylan“, habe einer gesagt. Dann sei er über den Skaterpark und durch die Unterführung auf die andere Seite der Bahn geflohen. Unterwegs habe er die Tasche, in der mindestens 1000 Euro waren, weggeworfen.
Das war die ganze Zeit so ein bisschen shady.
In der Aussage sei allerdings schon ziemlich viel durcheinandergegangen, erinnert sich der Beamte. „Das war die ganze Zeit so ein bisschen shady.“ Namen und Telefonnummern seien trotzdem genannt worden, und die wurden auch ordentlich protokolliert. Im Klinikum, wo die Wunden versorgt und fotografiert wurden, habe der Geschädigte auch noch eine Snapchat-Nachricht bekommen: „Du wirst Blut schmecken. Ich weiß, wo Deine Mutter wohnt.“
Alles in allem sei die Schilderung durchaus nachvollziehbar gewesen, fasst der Polizist zusammen. Deshalb wurde auch nach den Verdächtigen gefahndet. Mit dem Ergebnis, dass sich einer der heutigen Angeklagten tags darauf der Polizei stellte. Seine Rolle habe er so dargestellt, dass er in dem plötzlich eskalierenden Streit schlichten wollte, berichtet die Beamtin aus der Vernehmung.
Auf diese Verteidigungslinie hat sich Sebastian Schölzel begeben. Aber auch die anderen Anwälte setzen auf die schlechte und widersprüchliche Aussage des Geschädigten. Erst recht, seit er die Sache am Dienstag mehr oder weniger widerrufen hat.

