Frank Lathe spricht im Interview über die Folgen des Baustopps, den Tod einer Schülerin und über Leverkusens einzigen Abiturjahrgang 2026.
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Frank Lathe, neuer Schulleiter am Opladener Landrat-Lucas-Gymnasium
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Herr Lathe, vor einem Jahr haben Sie kommissarisch die Schulleitung am Landrat-Lucas-Gymnasium von Gabriele Pflieger übernommen. Kurz vor Jahresende sind sie jetzt offiziell zum Schulleiter ernannt worden. Mussten Sie erst noch überlegen, ob Sie die Aufgabe dauerhaft übernehmen wollen?
Lathe: Nein. Wenn man, wie ich, die Stellvertretung der Schulleitung übernimmt, setzt man sich dann schon mit der Frage auseinander, ob man auch die Schulleitung übernehmen würde. Um das Amt offiziell zu übernehmen, musste ich noch ein Prüfungsverfahren durchlaufen. Aber Zweifel hatte ich nicht.
Was motiviert Sie, diese Aufgabe zu übernehmen? Immerhin ist das Landrat-Lucas Leverkusens größtes Gymnasium.
Man wächst ja in bestimmte Aufgaben auch hinein. Die Ausbildung zielt natürlich auf das Unterrichten ab. In der Schule lernt man dann weitere Tätigkeitsbereiche kennen. Ich habe gemerkt, dass mich die Schulverwaltung auch anspricht und dass ich diese Herausforderungen mag. Man merkt dann auch, was man alles an einer Schule bewegen kann, welche Richtung man einer Schule geben kann, gemeinsam mit allen Beteiligten. Und natürlich ist das Landrat-Lucas-Gymnasium in den vergangenen 22 Jahren auch irgendwie zu meiner Schule geworden, mit der ich mich identifiziere. Und die ich gerne weiterentwickeln möchte.
Was ist für Sie das Besondere an dieser Schule?
Zuerst natürlich die Menschen, mit denen man hier arbeitet: die Schülerinnen, Schüler, Eltern, aber auch natürlich auch die Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich dieses Umfeld nicht sehr positiv bewerten würde, hätte ich die Aufgabe nicht übernommen. Ich sehe unseren Auftrag nicht nur darin, die Kinder zum Abitur zu bringen. Natürlich ist das unser Auftrag, aber auf dem Weg dahin geht es um Persönlichkeitsbildung, um Erziehung und natürlich auch irgendwie darum, eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Das sehe ich hier gegeben und möchte ich weiter ausbauen.
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Der Wechsel in der Schulleitung fiel mit einem tragischen Unfall zusammen: Auf dem Schulweg verunglückte die elfjährige Angelina tödlich, die eine ihrer fünften Klassen besuchte. Welche Auswirkungen hatte dieses Ereignis auf die Schulgemeinschaft.
Wenn man die unglaubliche persönliche Tragödie sieht, scheint die Auswirkung auf unsere Schule nachrangig. Aber natürlich haben wir vielfältig reagiert und die Klasse direkt betreut. Wir stehen im ständigen Austausch mit den Mitschülerinnen und Mitschülern und allen Betroffenen, auch heute noch, wenn wir zum Beispiel einen Baum zum Gedenken pflanzen. Wir haben auch weiterhin Kontakt mit der Familie und versuchen als Schule, den ganzen Trauerprozess zu begleiten. Außerdem ziehen wir natürlich unsere Schlüsse daraus, etwa, was das Thema Sicherheit im Straßenverkehr angeht.
Krisenmanagement mussten sie auch im September betreiben, als an der Schule Amok-Alarm ausgelöst wurde.
Ja. Da lässt sich jetzt leichter darüber sprechen, weil es sich als Fehlalarm durch einen technischen Defekt herausgestellt hat. Aber damals war das für alle Beteiligten eine große Stresssituation. 50 schwer bewaffneten SEK-Beamten im Foyer den Bauplan der Schule zu erklären, war schon ein spezielles Erlebnis. Gerade wegen der weltpolitischen Lage ist das allen sehr nahgegangen. Der Tag und die Tage danach waren eine große Belastung. Aber man muss das natürlich nutzen, um Abläufe zu optimieren. Auch wenn nicht immer alles zu optimieren ist, weil Umstände immer neu, überraschend und praktisch nicht planbar sind. Aber wir haben zum Beispiel gelernt, dass der Aspekt der Nachbetreuung ein ganz wichtiger ist, dass wir da schon schnell Unterstützung brauchen, weil ganz schnell sehr viele Menschen betroffen sind.
Welche Themen beschäftigen Sie aktuell an der Schule?
Unser großes Thema ist die stetige Schul- und Unterrichtsentwicklung. Das ist ein Prozess, der uns immer beschäftigt, gerade aktuell unter den besonderen finanziellen Bedingungen in der Stadt Leverkusen und den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen. Ein aktuell großes Projekt ist noch der Bündelungsjahrgang. Wir sind das einzige Gymnasium in Leverkusen, an dem man in diesem Jahr Abitur machen kann, der Jahrgang ist wegen der Umstellung von G8 auf G9 ja sozusagen weggefallen.
Haben Sie sich aktiv um diese Aufgabe bemüht oder wurde sie Ihnen zugetragen?
Tatsächlich haben wir uns dafür schon vor über zehn Jahren freiwillig gemeldet. Wir machen aktiv Werbung dafür, dass Realschüler nach ihrem Abschluss zu uns kommen können, um ihr Abitur zu machen. Das geht nicht, wenn es in einem Jahrgang keine Oberstufe gibt. Deswegen haben wir uns dafür entschieden und die Bezirksregierung hat das dankbar angenommen.
Was unterscheidet den Jahrgang von anderen?
Mit rund 100 Schülerinnen und Schülern ist es für uns ein kleiner Jahrgang, normalerweise haben wir rund 230. Aber natürlich hat der Jahrgang eine andere Struktur, dadurch, dass wir einen hohen Anteil an Realschulabsolventen haben und viele Jugendliche von anderen Schulen kommen und unterschiedliche Bildungshistorien haben. Das ist keine gewachsene Gruppe, viele der Jugendlichen kannten hier zunächst niemanden. Aber das ist wirklich auch ein Gewinn, denen zu ermöglichen, hier Abitur zu machen. Das kriegen wir von den Schülerinnen und Schülern so auch zurückgespiegelt.
Was sind ihre Ziele für die kommenden Jahre?
Wie gesagt ist es mir wichtig, gute Voraussetzungen für die Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler zu schaffen, über den regulären Unterricht hinaus. Dazu gehört für mich, Schülerinnen und Schüler auch individuell zu fördern und ihre Begabung und Neigung zu unterstützen. Dafür haben wir zum Beispiel unsere überregional bekannte Sportklasse, aber wir haben auch einen starken MINT-Zweig und einen ausgeprägten künstlerisch-musischen Zweig. Diese Profilbildung würde ich gerne stärken, allerdings ist das schwierig, weil uns der Raum fehlt.
Zumindest im Sportbereich ist eine Entlastung in Sicht: Zu Ostern soll die neue Dreifachsporthalle in der Neuen Bahnstadt fertig werden.
Ja, das ist für uns eine ganz wichtige Geschichte. Die ganze Stadt hat zu wenig Hallenzeiten, da ist es natürlich toll, dass mithilfe des Landes und der Stadt Leverkusen durch unseren besonderen Status als Eliteschule des Sports diese Halle gebaut werden konnte. Auch wenn es vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, können wir dadurch Hallenzeiten freigeben, die wir von anderen Schulen geborgt hatten. Für uns ist dort nicht nur moderner Sportunterricht, auch für unsere Leistungssportler, möglich. Wir können dort auch Theorieanteile für unseren Sport-LK unterrichten. Das hilft uns in der angespannten Raumsituation.
Wie an allen anderen Leverkusener Gymnasien sollte auch ihres für G9 baulich erweitert werden. Das allerdings steht jetzt weit hinten auf der Prioritätenliste der Stadt und wird in der aktuellen Haushaltslage wohl nicht so bald zu realisieren sein.
Das ist wirklich ein großes Problem für uns. Selbst wenn wir sagen: Wir kriegen alle Klassen unter, fehlt uns der Raum für Entwicklung. Ein einfaches Mittel, um Platz zu sparen, ist, weniger Kurse einzurichten und die anderen Kurse größer zu machen. Aber das möchte natürlich niemand. Noch dazu haben wir häufig Anmeldeüberhänge, aber einen weiteren Zug aufzumachen, ist räumlich nicht möglich. Es schmerzt uns schon sehr, dass wir als größtes Gymnasium mit großem Platzmangel weder zu Beginn der städtischen Bauvorhaben wegen G9 noch jetzt voraussichtlich durch die unmöglich gewordene Finanzierung berücksichtigt wurden und so um über ein Jahrzehnt nach hinten geworfen werden.
Die Stadt schlägt vor, die Stadtteilbibliothek zu schließen, so würden auch Räume für den Unterricht frei.
Ja, aber zu welchem Preis? Die Bibliothek ist ja gerade so ein Raum, von dem wir gerne mehr hätten: Wo man auch mal freiere Konzepte leben und umsetzen kann, die für moderne Unterrichtskonzepte wichtig sind. Außerdem ist der Gedanke der Stadtteilbibliothek, in die jeder kommen kann, sehr wertvoll für uns. Den wollen wir höchst ungern aufgeben.
Zur Person
Frank Lathe, geboren 1967, ist verheiratet und hat einen Sohn. Er hat zunächst Mathematik und Physik in Bonn studiert, anschließend Lehramt in Köln. Seit 2003 ist er Lehrer am Landrat-Lucas-Gymnasium, seit 2017 war er stellvertretender Schulleiter, bevor er im Januar 2025 zunächst kommissarisch und nun dauerhaft die Schulleitung übernahm. Die stellvertretende Schulleitung ist bislang nicht neu vergeben worden.

