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OperIm Forum Leverkusen balanciert die „Zauberflöte“ zwischen Zirkus und Pop

3 min
Ein Schauspieler geht über eine Bühne, im Hintergrund ein Schlagzeuger.

Zwischen Oper und Pop: Das Rheinisches Landestheater Neuss zeigt eine bewusst gebrochene „Zauberflöte“.

Zwei „Zauberflöten“ in einer Spielzeit in Leverkusen: im Januar klassisch – nun als  „Zirkus-Remix“.

Werktreue ist Auslegungssache. „Das Theater verwandelt sich in …“ – ein Satz, der am Montagabend immer wieder fällt und dabei mehr ist als eine Ortsangabe. Er formuliert das künstlerische Programm: Diese „Zauberflöte“ versteht sich als Transformation. Nils Strunk und Lukas Schrenk denken Mozarts Oper als eine Art musikalischen Coversong weiter – mit Zitaten von Queen, Abba oder Falco, mit neuen Arrangements und bewusst offengelegter Theatermechanik.

Die Handlung bleibt das Gerüst: Prinz Tamino (Tim Richter) soll gemeinsam mit Papageno (Stefan Siebert) Pamina (Katharina Hintzen) aus Sarastros Reich befreien, während die Königin der Nacht (Katrin Hauptmann) ihre eigenen Interessen verfolgt. Doch dieser Plot wird weniger ausgespielt als immer wieder unterbrochen, kommentiert und musikalisch neu gerahmt – etwa wenn aus „Der Vogelfänger bin ich ja“ plötzlich „The Birdman“ wird.

Das ist nicht nur ein ästhetischer Zugriff, sondern auch eine Argumentation. Mozart selbst hat adaptiert, übernommen, weiterentwickelt. Werktreue bedeutet hier nicht Bewahrung, sondern Bewegung. Und tatsächlich entstehen aus dieser Haltung immer wieder reizvolle Momente – etwa wenn Figuren eigene musikalische Identitäten bekommen oder sich klassische Motive organisch in popkulturelle Klangwelten verschieben.

Ein riesiger Würfel auf der Forum-Bühne – mit strukturellen Schwächen

Im Zentrum der Inszenierung des Rheinisches Landestheater Neuss steht ein roter Würfel – drehbar, mit Klappen. Mal zeigt er eine Fratze, mal einen Sternenhimmel, mal bleibt er verschlossen. Doch genau hier beginnt die Spannung zwischen Anspruch und Umsetzung. Trotz viel Drehen bleibt der Würfel der Würfel. Die angekündigten Verwandlungen – Tempel, Prüfungsräume, andere Sphären – entstehen häufig eher im Kopf als auf der Bühne. Es ist also Fantasie gefordert. Gleichzeitig ist die Inszenierung durch ihn nicht blickwinkelstabil. Je nach Seite bleiben Teile des Geschehens verdeckt oder verzerrt.

Im Zentrum der Inszenierung steht ein roter Würfel mit vielen Klappen.

Im Zentrum der Inszenierung steht ein roter Würfel mit vielen Klappen.

Hinzu kommt, dass sich durch die Fülle des Würfels viel Handlung auf die Vorderbühne verlagert, wo das Licht an seine Grenzen stößt – etwa bei einem Zaubertrick Papagenos, der im Dunkeln kaum erkennbar ist. Dunkel ist es ohnehin häufig, auch wenn mit Nebel und Lichtakzenten – etwa einer von unten nach oben aufleuchtenden Leiter mit Papagenos Vögeln – immer wieder atmosphärische Bilder entstehen. Gleichzeitig wächst im Verlauf des Abends ein kontrolliertes Chaos aus Konfetti, Popcorn, Federn und Requisiten. Die Bühne will alles sein – Zirkus, Tempel, Spielraum – und verliert dabei mitunter an Klarheit. 

Stärken zeigt der Abend besonders dann, wenn er konkret wird. Vor allem Papageno entwickelt sich zum Zentrum der Inszenierung: komödiantisch präzise, gesanglich präsent. Einer der stärksten Momente entsteht aus der Offenlegung des Theaterapparats selbst: Eine scheinbare Bühnenarbeiterin legt ihre schwarze Crew-Jacke ab und wird zur Papagena – ein poetischer Übergang zwischen Meta-Ebene und Figur. Hier löst die Inszenierung ihr eigenes Prinzip ein. Doch genau dieses Prinzip wird zunehmend ausgereizt: Viele Auf- und Abgänge durch den Saal, lokale Anspielungen – etwa wenn die Zauberflöte plötzlich ins Bayerwerk „gezaubert“ wird – und schließlich sogar die Souffleuse, die Teil des Spiels wird, verschieben den Fokus immer stärker vom Erzählen zum Kommentieren. Diese Reibung setzt sich im Zuschauerraum fort.

Auffällig viele junge Zuschauer – offenbar auch durch gezielte Schulansprache – reagieren auf den Humor. Gleichzeitig verlassen in der ersten halben Stunde einzelne Besuchergrüppchen den großen Saal des Forum. Trotz klarer Kommunikation scheint die Erwartung an „Die Zauberflöte“ eine andere gewesen zu sein.