Er ist depressiv und trunksüchtig, sie ebenfalls seit Kindesbeinen psychisch krank: Vor Gericht entfaltet sich ein Beziehungsdrama.
Prozess gegen LeverkusenerAm vierten Tag offenbart sich der mutmaßliche Vergewaltiger

Das Kölner Landgericht an der Luxemburger Straße
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Eine Woche nach Beginn des Vergewaltigungsprozesses bricht der Beschuldigte sein Schweigen. Es offenbart sich ein Mann, der seit seiner Kindheit mit Zurückweisung klar kommen musste, der einen Bruder verlor, weil er an einem Hirntumor gestorben ist, dessen Schwester nach einer Vergewaltigung an Schizophrenie leidet, dessen Vater „entweder gearbeitet oder getrunken hat“ – und der auch jetzt depressiv ist und seine Alkoholsucht im Moment nur deshalb im Zaum hält, „weil das hier wichtig ist“, sagt er im Kölner Landgericht. „Durch meine Depression fällt es schon schwer, morgens aufzustehen“, beschreibt der 32-Jährige den Normalzustand seit Jahren. Therapieversuche seien fehlgeschlagen.
Das gelte auch für seine Trunksucht. Eine sechsmonatige Entziehungskur in der Hürther Salusklinik sei eigentlich erfolgreich gewesen, berichtet der Manforter der 13. Großen Strafkammer. Aber: Die Auseinandersetzung damals mit seiner Freundin habe ihm dermaßen zu schaffen gemacht, dass er schon wenige Tage nach der Entlassung wieder mit dem Trinken angefangen habe.
Dabei sollte die Entziehung sein Beitrag sein zu einem Neuanfang in einer Beziehung, die man freilich nur als toxisch bezeichnen kann. Die junge Frau hatte ihn nach einigem Hin und Her schließlich angezeigt. Sechs Vorwürfe stehen in der Anklage, am schwersten wiegt die Vergewaltigung, die kurz vor Weihnachten 2019 protokolliert ist.
Für die Mutter geht es um Anderes
Noch etwas zeigt sich aber am Dienstag vor Gericht: Für die Mutter der jungen Frau spielt der strafrechtlich extrem relevante Tatvorwurf gar keine Rolle. Die Anzeige habe für sie eine ganz andere Bedeutung, erklärt die Mutter in bewegten Worten: „dass sie über ihm steht und er keine Macht mehr über meine Tochter hat“.
Denn auch die Partnerin ist ein Fall für Therapeuten. Sie sei nicht in der Lage, ihrem Willen zu folgen, sondern „will es allen immer nur recht machen“, so beschreibt es die Mutter. Nur deshalb habe ihr Freund aus Manfort so viel Einfluss auf sie ausüben können; nur deshalb habe sie ihm auch sexuell Wünsche erfüllt, die nicht ihre waren.
Selbstmordversuch mit neun Jahren
Das bestätigt am Nachmittag der bisher letzte Behandler des Opfers. Schon mit neun Jahren habe das Mädchen versucht, sich umzubringen. Ihr alkoholsüchtiger Vater habe ihr traumatische Erfahrungen zugefügt: Zurückweisung, Grausamkeiten. Das alles habe in ein Borderline-Syndrom gemündet, dem man in einer Klinik und einer Tagesklinik beizukommen versuchte.
Im September 2018 habe er das Opfer kennengelernt, berichtet der Psychotherapeut; die Behandlung habe aber erst im März 2020 begonnen, also ein gutes Vierteljahr nach der Vergewaltigung. Davon sei explizit indes nicht die Rede gewesen – was das Gericht verwundert. Was sich aber zunehmend erweist: Hier haben zwei Menschen zueinander gefunden, die in der Beziehung vor allem mit ihren eigenen Belastungen zu tun hatten und sie gegenseitig verstärkt haben. Klar wird aber auch: Die körperliche und strukturelle Gewalt ging von dem heute 32 Jahre alten Beschuldigten aus.
Dafür ist der Manforter nach Auffassung von Sven-Uwe Kutscher auch voll verantwortlich. Als er seine damalige Freundin kurz vor Weihnachten 2019 im Bad seiner Wohnung zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben soll, sei er „nicht schwer depressiv“ gewesen, legt sich der Psychologe fest.
Dass er schon mit 13 Jahren das Trinken angefangen habe, wohl mit 15 alkoholabhängig und nach Zeugenaussagen bei der Tat betrunken war, spiele zwar eine Rolle – aber keine entscheidende. Auf eine Strafmilderung wird der Mann wohl nicht zählen können.
