Ein Grammophon erklingt, ein Kinderreim legt sich wie Frost auf die Haut und in der Aula des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums wird aus einer Einladung ein Tribunal.
„Und dann gabs keines mehr“In Schlebusch macht Agatha-Christie-Abend die Luft enger

Das Ensemble von „Und dann gabs keines mehr“ verdichtet sich auf der Bühne des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums zu einer Gemeinschaft unter Verdacht – ein psychologisches Kammerspiel, in dem Misstrauen, Schuld und Angst den Takt vorgeben.
Copyright: Timon Brombach
„Und dann gab’s keines mehr“ zieht das Publikum in einen Abend, der Krimi ist und zugleich ein psychologisches Kammerspiel über Schuld, Selbstbild und den Preis der Gerechtigkeit. Zehn Menschen betreten eine Insel, die im Kopf entsteht: abgeschottet, elegant, unbarmherzig. Die Inszenierung von Edith Englich setzt auf die klassische Kraft des Stoffes und lässt Agatha Christies Mechanik wirken, ohne sie zu überladen: Verdacht kreist, Allianzen kippen, Sätze bekommen plötzlich Gewicht. Der berühmte Reim, der im Stück als unheilvolle Struktur über allem liegt, arbeitet hier wie ein Metronom der Angst. Man spürt, wie sich aus höflicher Konversation eine nervöse Prozessordnung entwickelt, in der jede Geste, jedes Zögern, jedes Schweigen verdächtig wird.
Verdacht als Spieltrieb, Angst als Tempo
Christian Nagel gibt Sir Lawrence Wargrave eine präsente Autorität, die zugleich beruhigt und beunruhigt, weil sie so selbstverständlich wirkt. Anna Milioto als Dr. Armstrong kippt überzeugend zwischen Professionalität und innerer Unruhe, während Julia Däschinger als Miss Blore die praktische Härte einer Figur zeigt, die sich gern an Fakten klammert, bis Fakten zerbröseln. David Geschonneck bringt Anthony Marston eine Unbekümmertheit mit, die im Kontext dieser Insel fast zur Provokation wird. Martin Meuser und Carolin Nagel als Rogers und Mrs. Rogers zeichnen das Dienerpaar als feines Sensorium im Hintergrund, immer nah an der Stimmungslage des Hauses. In Szenen, die Wargrave, Blore, Lombard, Armstrong, Marston und Rogers bündeln, verdichtet sich dieses Spiel: Hier stehen keine Rollen nebeneinander, hier stehen Hypothesen.
Agatha Christie in Leverkusen
Der Text lebt von einem Gedanken, der aktuell bleibt: Was passiert, wenn Recht durch Gefühl ersetzt wird und Schuld zur Währung wird? Christie schreibt 1939 einen Roman, der die Tröstung verweigert, später wählt sie für die Bühne bewusst ein anderes Ende, weil Kriegsjahre nach einem Funken Licht verlangen.
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Genau dieses Wissen gibt der Inszenierung eine zweite Ebene, ohne dass sie es ausstellt: Man schaut nicht nur auf die Frage „Wer war es?“, man schaut auf die Frage „Wer darf richten?“ und auf den psychologischen Reflex, sich selbst als Ausnahme zu erzählen. Das Theater Zeitlos, eine wiedergefundene Gemeinschaft ehemaliger Schülerinnen und Schüler, nutzt diesen Klassiker als Spiegelkabinett: Jede Figur glaubt, ihre Vergangenheit sei erklärbar, bis der Raum sie nicht mehr ausspuckt. Und während der Reim die Ereignisse ordnet, ordnet das Publikum unweigerlich sich selbst, zwischen Mitgefühl und heimlichem Urteil. Wie schnell Moral zur Maske wird, wenn Angst das Licht dimmt.
Termine für „Und dann gabs keines mehr“
Das Stück wird am Freitag, 23. Januar, und Samstag, 24. Januar, um 19.30 Uhr in der Aula des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, Morsbroicher Straße 77, aufgeführt. Der Eintritt kostet acht, beziehungsweise ermäßigt fünf Euro. (tmb)


