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AuswandererBergneustädter fängt in Kanada neu an

4 min
Schwarzweißbild eines jungen Mannes in wilder Landschaft.

Aus Karl Achim Stöcker wurde Archie Stocker: Zur Sammlung des Auswandererhauses gehören das frühe Bild aus Kanada.

Eine Ausstellung im Berliner Bundesrat erzählt von Karl Achim Stöckers Neustart in den 1950er Jahren auf der anderen Seite des Ozeans. In Kanada findet er sein Paradies und die Liebe.

Der junge Bergneustädter musste annehmen, dass sein neues Leben in Amerika ein jähes Ende nimmt, bevor es überhaupt begonnen hatte. „Nachts schlug der Sturm mit voller Kraft zu“, berichtet Karl Achim Stöcker von der Dezembernacht auf hoher See. Bei der Überfahrt von Bremerhaven nach Québec war die Arosa Star in ein schweres Unwetter geraten.

„Aus einem unheilvoll drohenden schwarzen Himmel heulten die entfesselten Furien auf uns herab. Das Schiff bäumte sich auf, bockte und rollte im Kampf gegen die gewaltigen Wasserberge, die mit solcher Kraft auf das Deck krachten, daß der Schiffsrumpf unter dem Aufprall erzitterte und ächzte“, schreibt Stöcker in seinem Bericht. Eine Zierfliese erinnert bis heute an das Schiff und die Überfahrt im Jahr 1956, die ihn am Ende doch unversehrt in die Neue Welt brachte.

Eine Kachel zeigt ein Schiff und die Aufschrift „Arosa Star“.

Die Zierkachel erinnert an die abenteuerliche Überfahrt.

Das Souvenir gehört heute zu den Beständen der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven. Und dieses ist derzeit mit einer Ausstellung im Berliner Gebäude des Bundesrats zu Gast. Darin werden sechzehn einzigartige Lebenswege vorgestellt – jeder führt in eines der sechszehn Bundesländer hinein oder aus ihm heraus. Für NRW steht die Geschichte von Karl Achim Stöcker, der das Bergische Land gegen die Wildnis Kanadas tauschte.

Schon als elfjähriger Junge schlich er sich zusammen mit seinem Bruder aus dem elterlichen Haushalt in Bergneustadt. Die beiden träumten von den unendlichen, menschenleeren Wäldern Kanadas. Die Polizei sammelt die beiden an diesem Tag im 150 Kilometer entfernten Osnabrück ein und bringt sie heim, berichtet die Auswandererhaus-Ausstellung. „Doch Karl Achim Stöcker bewahrt sich den Traum: Im Dezember 1956, neun Jahre später, betritt der junge Mann in Bremerhaven ein Schiff nach Québec.“

Aus Achim Stöcker wird Archie Stocker

In Kanada angekommen, arbeitet er zunächst in einer Kleidungsfabrik in Vancouver. Doch er wollte „mehr von der Schönheit British Columbias erleben“, sagt Archie Stocker (ohne „ö“) selbst, wie er sich nun rufen lässt. So nimmt er verschiedene Jobs an, zunächst in den Wäldern als Tellerwäscher in einem construction camp, dann in einem Kramladen mit Poststelle. Schließlich verschlägt es ihn 1961 nach Graham Island, eine der Hauptinseln von Haida Gwaii im Nordwesten British Columbias, 750 Kilometer von Vancouver. Hier arbeitet er in einer Sägemühle, dann an Maschinen und in Trucks in einem Holzfällerlager.

Und er lernt Elizabeth („Liz“) kennen, die Angehörige der indigenen Gruppe der Haida ist. Die beiden heiraten 1964 und werden Eltern von fünf Kindern. Bis heute lebt Archie Stocker auf Graham Island, seinem „Paradies am Rande der Welt“.

Ein älteres Ehepaar.

Archie Stocker mit seiner indigenen Ehefrau Liz.

Mit seiner Kamera ist er   unermüdlich unterwegs, um bedeutende Ereignisse und besondere Momente des Gemeinschaftslebens auf Haida Gwaii festzuhalten. Einige dieser Bilder sind in Berlin ausgestellt. Das   Brauchtum der indigenen Bevölkerung interessiert Stocker besonders. So ist er dabei, als im August 2022 in Old Massett ein neuer Totempfahl vor dem Langhaus des Haida-Künstlers Christian White aufgestellt wird.

In Bremerhaven war man auf ihn über einen alten Bekannten in Deutschland aufmerksam geworden, sagt Magdalena Gerwien vom Deutschen Auswandererhaus. „Der berichtete unserer Sammlungsleiterin Tanja Fittkau von dem ausgewanderten Freund – und bei so einer interessanten Geschichte bat sie den Freund entsprechend um den Aufbau eines Kontakts.“

Im Zuge des Email-Verkehrs und des Interviews bot Stocker   Erinnerungsstücke und Bilder für die Sammlung an. Archie Stocker steht heute aus Altersgründen nicht mehr für Interviews zur Verfügung, teilt Gerwien mit. So bleibt leider unklar, wie lange er und seine Familie in Bergneustadt ansässig waren. In seinem Reisepass, der ebenfalls zur Sammlung des Auswandererhauses gehört, ist nachzulesen, dass er 1935 in Heidenheim geboren wurde. Mit Sicherheit lebte er von 1945 bis 1954 in Oberberg, danach hat es ihn kurz vor der Auswanderung nach Walldorf in Hessen verschlagen.

Der Pass wurde 1956 in Groß-Gerau ausgestellt. Eine letzte Korrektur dokumentiert den Neuanfang in Kanada: Am 6. November 1964 wurde als neuer Wohnsitz Vancouver eingetragen. Karl Achim „Archie“ Stöcker war in seinem Paradies angekommen.


Bergneustadt, Bremerhaven, Berlin

Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven steht am historischen Ort eines der größten europäischen Auswanderungshäfen. Es sammelt und bewahrt Objekte und erzählt Biografien, die Ein- und Auswanderung erlebbar machen sollen. Seit seiner Gründung im Jahr 2005 ist so eine der bedeutendsten Sammlungen zur Migrationsgeschichte von 1692 bis heute entstanden, mit 35.000 Objekten aus über 50 Ländern. Die Berliner Ausstellung ist noch bis zum 31. Oktober zu sehen und kann im Rahmen von Führungen besucht werden.