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Gegen das Gastro-SterbenEin Modellprojekt für Gasthöfe in ganz Oberberg

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In ihrem in Gummersbach-Lieberhausen ansässigen Landgasthof gehen Uwe und Christina Reinold in schwierigen Zeiten gerade neue Wege.

In ihrem in Gummersbach-Lieberhausen ansässigen Landgasthof gehen Uwe und Christina Reinold in schwierigen Zeiten gerade neue Wege.

In Gummersbach bereuen es Uwe und Christina Reinold nicht, in schwieriger Zeit mit der Genusswerkstatt einen neuen Weg eingeschlagen zu haben.

Wer will, kann echte Kerle mit nach Hause nehmen. Oder Rinderlappen probieren. Das eine entpuppt sich als herzhafte Brotbackmischung im kleinen „Dorfladen“, das andere als Gericht auf der Speisekarte. Zwar steht draußen über der Tür des Fachwerkhauses aus dem 18. Jahrhundert in Gummersbach-Lieberhausen noch „Landgasthof Reinold“, doch drinnen hat sich viel verändert, seit im Mai 2024 aus dem Gasthaus in der alten Posthalterei mit Unterstützung des Leader-Programms die „Genusswerkstatt“ wurde.

Das zeigt schon der erste Blick in die hellen, großzügigen Räumlichkeiten. „Ich freue mich jeden Tag, hier hereinzukommen!“, sagt Christina Reinold. „All das Dunkelbraune, das so angestaubt und veraltet wirkte, ist weg.“ Gerade sitzt sie am letzten Abschlussbericht für die Bezirksregierung, wartet gespannt auf die Bilanz für das erste volle Betriebsjahr seit dem Umbau. Der sei das Herzensprojekt seiner Frau, sagt Uwe Reinold.

Herzensprojekt? Die Gastronomin zögert. „Es blieb uns ja nichts anderes übrig“, urteilt sie. „Es waren für uns extrem gebeutelte Jahre.“ Erst Corona. „Viele haben ihre Altersvorsorge aufgebraucht, wir auch. Viele müssen Corona-Hilfen zurückzahlen. Wir auch.“ Dann die Explosion der Kosten für Energie, Lebensmittel, Personal.

So sieht es aus in der neuen Genusswerkstatt, die in Gummersbach-Lieberhausen unter dem Dach des Landgasthofs Reinold eingezogen ist.

So sieht es aus in der neuen Genusswerkstatt, die in Gummersbach-Lieberhausen unter dem Dach des Landgasthofs Reinold eingezogen ist.

Viel gute Gastronomie gehe gerade verloren, auch aus Altersgründen und weil sich kein Nachfolger findet, weiß sie aus Kollegenkreisen. So schloss im Herbst 2025 der Hardter Hof in Engelskirchen nach einem Jahrhundert voller Tradition wegen der steigenden Kosten. Die Betreiber der Reichshofer Pfeffermühle suchen Nachfolger.

Bei ihnen selbst hätten sich Pläne einer Mitarbeiterin, den Gasthof zu übernehmen, durch Corona zerschlagen, erzählt Christina Reinold. „Wir wollten den Kopf nicht in den Sand stecken. Jammern bringt ja nichts. Wir wollten uns von alten Strukturen lösen und was Neues wagen.“ Ein großes Projekt und das mit 62 Jahren, „da habe ich schon einen Schreck bekommen“, sagt die Gastronomin.

Dann der Dschungel des Leader-Antrags. „Der bürokratische Aufwand war unfassbar aufwendig, manchmal war ich sehr verzweifelt.“ Ein ganzes Jahr lang ging jede freie Minute drauf. Nach der Zusage der Förderung dann der Umbau. Aus ursprünglich 17 Zimmern wurden neun und vier Ferienwohnungen. Auch die Zimmer können längerfristig zu Wohnungen umgestaltet werden. So können Restaurant und Hotel später getrennt werden, zwei Mitarbeitende haben bereits Interesse signalisiert.

Gummersbacher Gasthaus hat nun auch zwei Ruhetage

Der Betrieb soll zukunftssicher werden. Im Restaurant wurden die Öffnungszeiten reduziert. Es gibt zwei Ruhetage, für die Mitarbeiter eine Schicht statt zwei, Feierabend um 21 Uhr statt um Mitternacht. Keine Feiern mehr, die sich bis 3 Uhr nachts hinziehen. Die kompakten Arbeitszeiten seien „Luxus“ verglichen mit den alten Standards in der Gastronomie, sagt Reinhold, aber der richtige Weg: „Wir haben unser Personal nicht nur gehalten, wir haben sogar eine Warteliste“, berichtet Christina Reinold. „Und unser Koch, der nach der Ausbildung weggegangen war, ist wegen des neuen Konzepts zurückgekehrt.“

Denn auch in der Küche weht ein neuer Wind. Monatlich wechselnde Speisekarte, mit saisonalen und regionalen Zutaten, sowohl Hausmannskost wie auch mal Ausgefallenes. Keine 60 Gerichte mehr. „Manche haben seit 30 Jahren ihre Speisekarte nicht geändert und bieten nichts Vegetarisches an, das kann sich heute niemand mehr leisten.“ Alles kam auf den Prüfstand.

Was in Gummersbach drüben auf den Teller kommt, kann hüben gleich gekauft werden

Was die Gäste im Restaurant oder bei der beliebten Bergischen Kaffeetafel probieren, können sie gleich im Dorfladen kaufen: Wild und Rindfleisch, eingemachtes Gemüse, Honig. Alles aus der Region. Sogar die winterliche Wichtel-Tischdeko, von Lieberhäuserinnen gestrickt. Eine ganze Armee von Dröppelminas steht Schlange auf dem obersten Regal. Der Dorfladen ist wirklich Christina Reinolds Herzensprojekt. Und besonders beliebt bei Ausflüglern. Aber auch Einheimische kommen. „Reich wird man damit nicht. Aber es ist eine schöne Ergänzung.“

Die Förderung hat die Genusswerkstatt bekommen, weil sie ein kreatives Modellprojekt sein soll für die schwächelnde Gastronomie auf dem Land. Bisher habe sich aus dem Kollegenkreis kaum jemand dafür interessiert, bedauert Christina Reinold. Nur ein Gast, der sich als Mitarbeiter der IHK Köln outete, habe sie gefragt, ob sie nicht als Moderatorin anderen Mut machen wolle.

Hat sich der Aufwand gelohnt? Mit einem vorsichtigen Blick auf die Zahlen nickt die Gastwirtin. Sie bereue es nicht, auch wenn alles etwas teuer wurde als geplant. Und die Gäste? „Ich hatte solche Angst, dass die Kegler nicht mehr kommen, weil wir auch da die Zeiten reduziert haben. Aber sie haben es gelassen hingenommen. Viele Gäste sagen uns, sie seien froh und dankbar, dass der Gasthof erhalten bleibt.“


Ein anderer Weg: Genossenschaften in Oberberg

  1. Die Hauderei in Waldbröl: Engagierte gründeten 2023 eine Genossenschaft, um das beliebte Café Kremer an der Hochstraße zu erhalten: als Bistro, Café und Raum für Trauercafé, Musik, auch für private Feiern. Donnerstags gibt es Marktsuppe, einmal im Monat ein besonderes Essen je nach Saison. Das Team besteht aus rund 40 Ehrenamtlichen und zehn Minijobbern.
  2. Der Jägerhof in Bergneustadt: Um den traditionsreichen Jägerhof in der Bergneustädter Altstadt als Treffpunkt zu revitalisieren und zu einem Ort für Kultur, Bildung, Vereine und Initiativen weiterzuentwickeln, kaufte die Stadt 2022 das Gebäude. Der kulturelle Betrieb und die Bewirtschaftung liegen in den Händen der Genossenschaft. Unterstützt wird das Projekt durch das Förderprogramm „Dritte Orte“ des NRW-Ministeriums für Kultur und Wissenschaft. Zurzeit wird der Jägerhof umfassend saniert, die Veranstaltungen finden an anderen Orten statt.
  3. „Zum Hohl“ in Gummersbach-Dieringhausen: Als sich der Grieche Diamantis Xanthoulis nach 40 Jahren zur Ruhe setzte, gründeten Gäste eine Genossenschaft, um die letzte Kneipe in Dieringhausen zu retten – mit Schnitzeln und einem bunten Programm von Kneipenquiz bis Karneval.
  4. Gaststätte Jäger in Gummersbach-Hülsenbusch: Bereits seit 2014 wird die Gaststätte Jäger in Hülsenbusch genossenschaftlich betrieben, um die Kneipe in der Dorfmitte als Treffpunkt für Vereine, Stammtische, Freunde und Nachbarn zu erhalten.