Ukraine-Hilfe aus Gummersbach„Der Lkw-Fahrer hat sich tagelang im Wald versteckt"

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Igor Prudkov Handy II

Igor Prudkov telefoniert mit seinem Freund Vitaliy P., der in Charkiw arbeitet.

  1. Dr. Vitaliy Prascel ist Chefarzt der Gefäßchirurgie im Krankenhaus Charkiw.
  2. Er hat mit seinem Freund Igor Prudkov, der in der Gummersbacher Klinik arbeitet, über den Krieg in ihrer Heimat gesprochen.
  3. Prascel erzählt von kurzen Nächten, Bombeneinschlägen direkt neben dem Krankenhaus und einer dramatischen Lage vor Ort.

Gummersbach/Charkiw – Ja, es ist Krieg, aber Igor Prudkov muss schmunzeln. „Mein Freund“, sagt der 59-jährige Klinikarzt, „hat mich gefragt, in welcher Sprache wir beide uns unterhalten: auf Ukrainisch oder auf Russisch – in der Sprache des Angreifers.“ Ein Scherz unter Freunden: Denn beide, sowohl Prudkov als auch Dr. Vitaliy Prascel, Chefarzt der Gefäßchirurgie im Krankenhaus Charkiw, der per Video-Telefonat von seiner Arbeit in einer belagerten Stadt erzählen will, sind mit der russischen Sprache aufgewachsen. Und Prudkov, der seit 2004 in Deutschland ist und seit 2009 als Psychiater für das Klinikum in Gummersbach arbeitet, fällt es fast sogar schwerer, das nicht mehr so gewohnte Ukrainisch zu sprechen.

Prudkov weiß, dass Prascel ihn foppt. Aber er weiß auch, dass die Sprache im Nordosten der Ukraine ein Politikum ist. In Wladimir Putins Propaganda sind die, die sie sprechen, Russen, Teil seiner Nation.

Arzt aus Charkiw: „Hört Ihr das? Ich höre die Kämpfe ständig“

„Aber das bin ich nicht“, sagt Prascel. Für ihn, der auch in der Ukraine immer Russisch gesprochen hat, sei das nie ein Problem gewesen. Alles andere, was Putin über die Diskriminierung von Russen in der Ukraine behaupte, sei reine Propaganda. Und jetzt, wo Russen einmarschiert seien, wolle er ihre Sprache, die auch seine war, nicht mehr sprechen: „Lass uns Ukrainisch sprechen!“

Während er spricht, sitzt Prascel in seinem Büro in Charkiw – mitten im Krieg. Die Front sei gerade etwa acht Kilometer entfernt. Aber auch die Stadt selbst stehe permanent unter Beschuss. „Einen Kilometer entfernt steht der TV-Turm – so einer wie in Berlin“, erzählt er seinem Freund. Seit einiger Zeit würden die Russen versuchen, den Turm zu treffen: „Aber ihre Waffen treffen nicht genau genug. Sie haben Streuung – von bis zu einem Kilometer.“ Also kommen die Einschläge näher ans Krankenhaus heran.

„Schon zweimal sind die Fenster bei uns zerborsten. Wir haben Schranktüren ausgebaut und davorgestellt. Schließlich ist es draußen minus 14 Grad.“ Plötzlich dreht Prascel sein Handy um und geht zum Fenster. Draußen ist blauer Himmel, nur ein paar Wolken sind zu sehen. „Hört Ihr das? Ich höre die Kämpfe ständig.“

Auf einen verletzten Soldaten kommen drei verletzte Zivilisten

Nachts seien die Angriffe auf die Stadt heftiger. Im Krankenhaus wird dennoch gearbeitet. „Wenn es Alarm gibt, unterbrechen wir und gehen auf den Flur.“ Bis zum Bunker wäre es zu weit. Bei den unangekündigten Einschlägen mache man sogar einfach weiter. Und Arbeit gibt es genug. Ja, es gibt auch normale Operationen. Doch die meisten Verletzungen, die Prascel und seine Kollegen behandeln, sind Verwundungen durch den Krieg.

Charkiw zerstörtes Haus

Große Teile von Charkiw wurden durch russische Angriffe zerstört.

Darunter viele Zivilisten: „Auf einen verletzten Soldaten von der Front kommen drei Menschen aus der Stadt, die durch Bomben verletzt werden“, rechnet er vor. Erst am Tag zuvor habe er einen schwer verletzten Mann behandeln müssen: „Er war auf dem Weg, um Brot zu kaufen, als es ihn erwischt hat.“

Krieg in der Ukraine: Arzt aus Charkiw schläft nachts nur drei Stunden

Drei Stunden, sagt Prascel, schlafe er nachts – über den Tag verteilt insgesamt fünf bis sechs. Vor einigen Tagen sei sein Freund Prascel tatsächlich zum ersten Mal seit Kriegsbeginn nach Hause gegangen, erzählt Prudkov. „Aber nur weil die Gasleitung kaputt war. Als die repariert war, ist er gleich wieder zurück ins Krankenhaus gefahren.“

Für Prudkov sind Prascel und dessen Kollegen „Superhelden“. Deshalb sammelt er hier Medikamente und organisiert Transporte in seine alte Heimat Charkiw. Inzwischen kümmert sich Prudkov, der in Bergisch Gladbach lebt, auch um ankommende Landsleute. Im Gummersbacher Krankenhaus fungiert er als Übersetzer für ukrainische Patienten.

Arzt aus Gummersbach kennt in Charkiw jede Straße

Dennoch ist er so weit weg, während seine Stadt zerstört wird. Wie sich das anfühlt? „Es ist furchtbar. Auch ich kann kaum schlafen.“ Vor dem Studium sei er in Charkiw drei Jahre im Rettungswagen mitgefahren: „Ich kenne dort jede Straße.“

Igor Prudkov telefoniert mit seinem Freund Vitaliy Prascel, der in Charkiw arbeitet.

Und jetzt? „Ich bin ein Sklave meines Handys: Ständig kommen Nachrichten, Videos und Fotos – von Schulfreunden, von Studienfreunden.“ Vor kurzem sei er zum zweiten Mal Opa geworden. „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freue mich riesig. Ich bin ganz verrückt nach meinen Enkelkindern. Aber irgendwie überschattet dieser Krieg gerade alles.“

Lkw-Fahrer versteckt sich aus Angst vor Krieg im Wald

Der erste Transport mit Medikamenten hat Charkiw schon erreicht. Der Fahrer habe lange gebraucht, einige Tage lang habe er sich vor dem Krieg mit dem Laster sogar im Wald versteckt. „Diejenigen, die da fahren, sind Ukrainer. Die kennen ihr Land und ihre ganz eigenen Wege.“

Charkiw Zerstörung

Große Teile von Charkiw wurden durch russische Angriffe zerstört.

Dennoch hat Prudkov für den zweiten Transport einen anderen Weg nach Charkiw ausgetüftelt: Der Lkw, der in dieser Woche gestartet ist, soll seine Ladung nach Lwiw bringen. „Ein Teil geht an das Krankenhaus dort. Der andere wird mit der Bahn nach Charkiw gebracht: in den Flüchtlingszügen, die leer wieder zurückfahren.“

Krankenhäuser in der Ukraine auf Hilfe aus Deutschland angewiesen

Auf solche Hilfe seien er und seine Kollegen angewiesen, sagt Prascel. Nur so – durch private Initiativen – werde im Moment die Medikamentenversorgung sichergestellt. Bei den staatlichen Stellen sei man dazu im Moment nicht in der Lage. Noch geht es deshalb: Es gibt Medikamente und Prascel hat sogar noch ein paar Betten frei. „Aber Charkiw ist ja auch noch nicht so eingekesselt wie Mariupol.“

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Was ist größer: der Wille durchzuhalten oder die Angst, dass in alles noch viel schlimmer wird? Prascel sieht entschlossen aus, als er sagt: „Wir haben schon gewonnen.“ Weil alle sehen würden, was in der Ukraine passiert. Und weil sich die Ukrainer nicht auseinanderbringen ließen.

Als Prudkov übersetzt, sieht man seine Sorgenfalten. Prascel hat sich dankend verabschiedet, als sein Freund in Gummersbach sagt: „Natürlich ist die Angst da. Und vor allem die Wut darüber, dass Putins Propaganda bei manchen immer noch funktioniert.“ Selbst bei Menschen, die es auf der Flucht aus der Sowjetunion, die Putin wiedererrichten wolle, bis nach Deutschland geschafft hätten.

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