Neue Wohnungen statt jahrelanger Planung: Immer mehr Bauprojekte profitieren von vereinfachten Regeln. Doch nicht alles wird genehmigt.
Bauturbo macht TempoGladbacher Bauprojekte kommen schnell voran

Der Wohnpark Bensberg entstand in den 1970er-Jahren
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Der kleine Buchstabe „e“ macht mittlerweile Furore in Bergisch Gladbach. Das besondere „e“, zu finden in Paragraf 246e des Baugesetzbuches (BauGB), beschreibt die Erleichterungen, die Eigentümer, Bauträger und Investoren durch den sogenannten Wohnungsbauturbo seit November 2025 haben.
Wo sich ehemals Bauunterlagen und Bebauungspläne stapelten und es über Jahre stockte, geht es jetzt geschmeidig weiter. Es ist fast wie im „Monopoly“: Rücke vor auf Los … Und es werden mehr und mehr Projekte, die angestoßen werden. Die im vergangenen Herbst vom Bund auf den Weg gebrachte Vereinfachung des Bauens zündet offenbar in der Stadt.
45 Anfragen zum Bauturbo in Bergisch Gladbach
45 Bauturbo-Eingaben waren bis April auf den Schreibtischen der Mitarbeitenden in der Bergisch Gladbacher Stadtverwaltung gelandet, vier davon sind bereits in der Umsetzung, 28 noch in der Bearbeitung. Elfmal gab es ein Nein aus dem Rathaus. Das schnelle Vorrücken und Überspringen ist ausdrücklich im Sinne der Verwaltung. Es fehlt Wohnraum, es gibt viele, viele Menschen, die verzweifelt bezahlbaren Wohnraum im Stadtgebiet suchen.
Öffentlich geförderter Wohnraum ist dabei am rarsten. Jüngst im Planungsausschuss machte der Erste Beigeordnete Ragnar Migenda (Grüne) beiläufig eine Bemerkung, dass es zügig vorangehe mit den Projekten des Wohnungsbauturbos. Der Stadt würde das guttun, so der Tenor. Migendas Planungsleiterin Helge Mehrtens nickte zustimmend. Der Wohnungsbauturbo werde in jüngster Zeit stark nachgefragt, das sei sehr eindeutig zu spüren.
Stadt braucht Wohnraum – Vorteile für die Investoren
Die Eigentümer wüssten um die Vorteile, die ihnen der Turbo bringe. Bauturbo-Projekte an der Paffrather Straße, an der Rommerscheider Straße, am Schloss-Center in Bensberg und am Pippelstein in Lustheide standen in der Sitzung zur Beratung an. Die Stadt lechzt seit vielen Jahren nach Wohnraum, zahlreiche Grundstücke für Neubauprojekte von drei, vier oder fünf Mehrparteienhäusern warten auf Bebauung. Die Stadt sortiere bei den Anträgen alles aus, was nicht dem Wohnungsbauturbo entspreche, erklärte Mehrtens. Bauen ja, aber kein Freibrief für Wildwest auf der grünen Wiese oder ungehemmt zwischen den Ortsteilen.
Alles, was zur Beratung anstehe, sei intern von den Fachleuten der Verwaltung auf Umsetzung nach Paragraf 246e geprüft worden. Was noch eine Rolle spielt im Verfahren: Das Bauen im sogenannten Innenbereich der Ortslagen schont unberührte Flächen im Außenbereich. Ein ökologischer Ausgleich für das Bauprojekt ist deshalb meist nicht erforderlich. Manchmal gibt es aber doch Bauchschmerzen bei den Entscheidern im Fachausschuss.
Beratung zu Lustheide – Experten suchen nach Lösung
In Lustheide am Pippelstein blickten die Politiker auf die vorhandene Bebauung, Einfamilienhäuser mit dem Charme der 1970er-Jahre. Ein großes Wohngebäude mit acht Wohnungen solle jetzt kommen, so recht füge sich das nicht ein. In Bergisch Gladbach gibt es den ehrenamtlich agierenden Gestaltungsbeirat, besetzt mit Architekten und weiteren Experten. Sie dürfen sich nun über die Pläne beugen und mit den Bauträgern nach einer Lösung suchen, die dem Ortsbild verträglich ist.
Erst danach geht der Antrag zurück in die Beratung, bei Zustimmung des Beirats wird auch die Politik die Hand für ein Ja heben. An der Rommerscheider, Ecke Odenthaler Straße stehen die Zeichen auch auf Bauturbo. Auf einem ehemaligen Handwerksgelände sollen vier Mehrfamilienhäuser entstehen.
Typisch Bauturbo: Zuvor scheiterten Baupläne an einem wichtigen Erschließungsgrundstück. Nun soll über die Rommerscheider Straße das Baufeld erschlossen werden, der Türöffner für den Wohnungsbauturbo. Der Ausschussvorsitzende Andreas Ebert von der SPD nahm zustimmend zur Kenntnis, dass sich auch die Mitglieder des Gestaltungsbeirats mittlerweile positiv geäußert hätten.
Aussortierte Projekte – Bauturbo ist kein Wundermittel
Die Bauträger hätten die Vorschläge des Beirats aufgenommen, und es gebe die Zusage, 30 Prozent geförderten Wohnraum zu schaffen. Der Bauturbo ist aber kein Wundermittel für Investoren. Schießen sie über die beabsichtigten Ziele hinaus, setzt die Stadt die Signale auf Rot. Als im Frühjahr Baupläne für ein gewaltiges Gebäude im Gewerbepark Strundepark/Lochermühle beraten wurden, hatte der Investor keine Chance. Alle Eingaben müssen mit den öffentlichen Belangen vertretbar sein, auch dies steht im Gesetzestext von Paragraf 246e.
Dem Interessenten beschieden Stadt und Ausschuss, dass es so nicht gehen werde. Üblicherweise, verdeutlichte Helge Mehrtens, werde die Stadt die aussortierten Projekte auch nicht der Politik vorlegen. Das Nein der Verwaltung sei eindeutig. Auch in den Nachbarorten von Bergisch Gladbach ist der Wohnungsbauturbo schnell angekommen.
Abstand zur Ortschaft war entscheidend für Absage
In den Fachausschüssen geht es jetzt regelmäßig um Neubauten, die die vorhandene Innenbebauung ergänzen sollen. Schneller und günstiger bauen, diese Leitlinie gilt auch für die bergischen Landkommunen. Nicht immer läuft es dabei rund, das zeigt ein Beispiel aus Kürten. Ein nach Turbo eingereichtes Projekt stieß zunächst auf Unterstützung des Fachausschusses. Mittlerweile ist die Verwaltung mit einer Beanstandung des Beschlusses dazwischengegrätscht. Entstehen sollten die Wohnungsgebäude zwischen zwei Ortslagen, mit mehreren hundert Metern Abstand zur nächsten Bebauung.
Das ginge nicht, kommentiert das Kürtener Rathaus die Turbo-Bemühungen, und kassierte die Genehmigung umgehend wieder ein. In diesen Tagen wird die Politik darüber zu beraten haben. Es geht nicht alles mit dem Wohnungsbauturbo. Dass für die Beratungen, die nach den bald beginnenden Sommerferien anstehen, weitere Bauprojekte nach Wohnungsbauturbo von den Verwaltungen vorgelegt werden, liegt auf der Hand. Allein für Bergisch Gladbach kann einiges erwartet werden. Seit April, zu dieser Zeit bearbeiteten die Planer 28 Anfragen, seien zahlreiche weitere Anträge eingegangen, berichtete Planungsleiterin Helge Mehrtens.
Die nächste Beratung wird am 1. Oktober stattfinden, dann wohl mit einer längeren Liste an Bauturbo-Projekten, einige auch zum Durchwinken. Einige andere könnten sich dann bereits in der Umsetzung befinden.
