Vom 8. Juni bis zum 25. Juni gibt es Fachvorträge, die die Fragen aufgreifen, die Angehörigen schlaflose Nächte bereiten.
Musterwohnung Evangelisches Krankenhaus Bergisch Gladbach beantwortet Fragen rund um Demenz

So sieht die Demenz-Wohnung der Zukunft aus: Stefanie Froitzheim von der AOK Servicestelle Demenz zeigt, worauf’s ankommt.
Copyright: Christoph Konkulewski
Ein kleiner Junge beobachtet seinen Vater. Der Vater, sonst der Fels in der Brandung, ist plötzlich verunsichert, hilflos, voller Angst. Der Grund: Seine Mutter, die Großmutter des Jungen, wird dement. Am Ende erkennt sie ihre eigenen Kinder nicht mehr.
Heute ist dieser Junge Bürgermeister von Bergisch Gladbach. Marcel Kreutz steht im Evangelischen Krankenhaus (EVK) und erzählt diese intime Erinnerung nicht ohne Grund. Sie zeigt das nackte Wesen einer Krankheit, über die aus Scham noch immer viel zu oft geschwiegen wird .
Das Krankenhaus holt das Tabu in die Mitte der Gesellschaft
Vom 8. Juni bis zum 25. Juni bricht das EVK dieses Schweigen. Die „Informationswochen Demenz“ holen das Tabu dorthin, wo es hingehört: in die Mitte der Gesellschaft.

Bei der Eröffnung der Demenzwochen: Bürgermeister Marcel Kreutz (v.l.), Landrat Arne von Boetticher (v.r.) mit Vertretern der Aktionswochen.
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Was Kreutz als Kind im Kleinen erlebte, ist längst eine gesellschaftliche Lawine. Landrat Arne von Boetticher nennt die nüchternen Zahlen: 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben derzeit mit der Diagnose Demenz. Jedes Jahr kommen Hunderttausende hinzu. Mit der steigenden Lebenserwartung verschärft sich die Lage dramatisch. Demenz ist keine seltene Alterserscheinung mehr, sondern eine der häufigsten Todesursachen im Land.
Die Vorträge greifen Fragen auf, die Familien schlaflose Nächte bereiten
Kliniken neigen dazu, Fachvorträge von Experten für Experten zu halten. Das EVK bricht mit dieser Tradition. Drei Wochen lang richtet sich das Programm an jene, die die Hauptlast tragen: Angehörige, Ehrenamtliche, Betroffene. Organisiert hat den Marathon Meike Jakobsen, Oberärztin der Gerontopsychiatrie. Chefarzt Dr. Fritz-Georg Lehnhardt spart nicht mit Lob: Vielfalt und die klare Ausrichtung auf den Alltag der Menschen, das sei ein echtes Alleinstellungsmerkmal der Klinik.
Die Vorträge greifen die Fragen auf, die Familien schlaflose Nächte bereiten: Darf der Vater noch Auto fahren? Bis wann gilt eine Vorsorgevollmacht? Woran erkennt man den Unterschied zwischen normaler Altersvergesslichkeit und Alzheimer? Was tun bei einem Delir – also bei plötzlicher, akuter Verwirrtheit, über die Chefarzt Lehnhardt sprechen wird?
Geplant ist auch ein eigener Tanznachmittag
Wie groß der Druck auf den Familien lastet, zeigt sich schon vor dem Start: Ein gemeinsam mit der AOK und der Alzheimer-Gesellschaft angebotener Kurs für pflegende Angehörige ist bereits im Vorfeld restlos ausgebucht. Damit die Angehörigen überhaupt an den Vorträgen teilnehmen können, wurde ein pragmatischer Service eingerichtet: Das Haus Quirlsberg übernimmt während der Termine die Betreuung der Demenzkranken. Dass das Evangelische Krankenhaus seine Identität ernst nimmt, zeigt der kommende Sonntag. Dr. Rainer Fischer lädt zu einem Gottesdienst in einfacher Sprache in die Gnadenkirche ein – musikalisch begleitet von einem Chor.
Und weil das Leben trotz der Diagnose nicht aufhören darf, wartet eine Premiere: ein eigener Tanznachmittag für Menschen mit und ohne Demenz. Rhythmus und Bewegung als Brücke gegen das Vergessen.
Die „Musterwohnung Demenz“ ist das Herzstück
Wie ein würdevolles Leben in den eigenen vier Wänden trotz fortschreitender Erkrankung gelingen kann, zeigt das Herzstück der Informationswochen außerhalb der Vortragssäle: die „Musterwohnung Demenz“ der AOK. Geleitet von Stefanie Froitzheim, der Leiterin der AOK-Servicestelle Demenz, führt der Rundgang durch Räume, die mit einfachen, aber klugen Kniffen auf die Bedürfnisse der Erkrankten zugeschnitten sind. Denn das, betont Oberärztin Jakobsen, ist das oberste Ziel aller Mühen: den Erkrankten ein möglichst langes, sicheres Leben in der gewohnten Umgebung zu ermöglichen.

Bilder zeigen die Menschen, deren Telefonnummer gespeichert sind.
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In der Küche steht ein weißer Teller auf rotem Platzdeckchen. „Das gibt den Kranken Orientierung“, erklärt Froitzheim. Sie rät auch, die Auswahl auf dem Tisch zu begrenzen: Wenn man weiß, die Mutter oder der Vater isst zum Frühstück nur ein Marmeladenbrötchen, dann stellt man auch nur das hin. Die vier Sorten Gouda und die drei Sorten Wurst führen beim Kranken nur zu Ratlosigkeit. In einem Beratungsgespräch erwies sich der Spiegel im Bad als Hürde. Die Mutter, die frisiert werden sollte, erkannte die eigene Tochter im Spiegel nicht, wähnte Fremde im Raum und senkte aus Scham den Kopf, weil sie noch im Nachthemd war. Das Telefon in der Musterwohnung hat große Tasten und Platz für Bilder – so erkennt der Demenzkranke, wen er anrufen will. Im Portemonnaie steckt die eigene Adresse, damit er zurückgebracht werden kann, wenn er nicht mehr weiterweiß. An der Garderobe hängt ein großer Zettel: Was heute alles anfällt. Eigentlich für alle eine gute Idee.
Anmeldungen für die Besichtigung der Musterwohnung: (0211) 879158710 AOK Servicestelle Demenz. Das Vortragsprogramm findet man im Internet.
