Bergisch GladbachHitzige Diskussion beim Bürgerdialog zum Umbau der Altenberger-Dom-Straße

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Zwei Planer halten ein Plakat hoch, das die vorgesehene Verkehrsführung zeigt. Um sie herum stehen Teilnehmer der Veranstaltung. Im Hintergrund sieht man die Straßenkreuzung.

Beim Umbau der Altenberger-Dom-Straße in Bergisch Gladbach sorgt die geplante Verkehrsführung an der Kreuzung Kempener Straße bei den Schildgenern für den größten Ärger.

300 Leute sind zur Bürgerinformation gekommen. Ob und wie das Verkehrskonzept für das Geschäftszentrum in Schildgen gelingt, ist absolut offen.

Fast 300 Gäste, viele Fragen aus dem Publikum und hitzige Diskussion: Die Stimmung beim Bürgerdialog am Samstag zum Umbau der Altenberger-Dom-Straße in Schildgen ist von Anfang an emotional aufgeladen. Es gibt zu viele Konflikte, ungelöste Probleme, sogar Risiken für die Sicherheit, insbesondere für die Fußgänger. Ob und wie das Verkehrskonzept für das Nahversorgungszentrum gelingt, ist offen.

Hauptziel ist es, den Verkehr im Ortskern flüssiger zu gestalten sowie die Wege für Radfahrer und Fußgänger sicherer zu führen. Zu den Lösungsansätzen gehört ein durchgängiger Ausbau der Radwege von bisher einem Meter auf 1,50 Meter sowie mehr Platz und Barrierefreiheit für Fußgänger. Das wiederum geht aus Platzgründen nur, wenn öffentliche Parkplätze wegfallen. Dagegen wehren sich die Händler seit Jahren mit Protestaktionen. Sie befürchten das Aus für das Geschäftszentrum.

Heftiger Protest zur Situation vor der Herz Jesu Kirche

„Planung ist immer ein Kompromiss“, versucht Anna Ruppert vom beauftragten Planungsbüro MWM aus Aachen die Gemüter zu beruhigen. Ihre Worte kommen nicht bei allen an. Zu groß ist die Gruppe, viel zu laut der Lärm von der Straße. Der Rundgang zu den drei gravierenden Umbau-Punkten muss abgebrochen werden. Aber dafür erwarten die Teilnehmer drei große Stellwände mit 2D-Visualisierungen in der Turnhalle der Concordia-Turnhalle, die die Planungen verdeutlichen.

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Für heftigen Protest sorgt die Situation vor der Herz Jesu Kirche. Hier soll der Gehweg entlang des Parkplatzes geführt werden. „Das ist brandgefährlich, vor allem wenn ich an die Schulkinder denke“, sorgt sich ein Vater. Die Kinder könnten von rückwärts ausparkenden Autos nicht gesehen werden. Migenda gibt zu: „Über diese Lösung sind wir nicht glücklich. Wir werden uns das noch einmal ansehen.“ Zudem ist mit der katholischen Kirche als Grundstückseigentümer noch gar keine Einigung erzielt worden.

Den mit Abstand größten Ärger verursacht der Vorschlag, die Altenberger-Dom-Straße als abknickende Vorfahrtsstraße in die Kempener Straße zu lenken. Auch hier müssten, wie berichtet, private Eigentümer Teile ihrer Grundstücke zur Verfügung stellen. „Es ist eine Unverschämtheit, in mein Eigentum einzugreifen“, ist Franz-Josef Verbert wütend und bekommt von vielen im Publikum unterstützenden Applaus.

Bereits 2022 habe Verbert der Verwaltung geschrieben, dass er keinesfalls einen Streifen seines Grundstücks an die Stadt abtreten werde. Denn an seinem stark frequentierten Geschäftshaus an der Altenberger-Dom-Straße würden Parkplätze wegfallen. Eine Antwort auf seinen Brief habe er nie bekommen und vermisst den von der Stadt viel gepriesenen Dialog.

Enteignung ist aus Sicht der Stadtverwaltung keine Option

Eine zweite Eigentümerin, deren Grundstück auch für die neue Verkehrsführung benötigt wird, will ebenfalls nicht mitmachen: „Sie bewegen sich im luftleeren Raum. Bevor Sie so kostspielige Planungen anstellen, hätten Sie mal mit den Eigentümern sprechen sollen“, kritisiert Christel Polito vom Schreibwarengeschäft an der Kempener Straße.

Ragnar Migenda, zuständiger Beigeordneter für Stadtentwicklung, beruft sich bei diesem Vorgehen auf die Planungshoheit der Stadt. Es sei ein üblicher Vorgang, zuerst eine Vorzugsvariante zu erarbeiten und danach die Details zu klären. Er versichert aber: „Wir werden noch konkret mit Ihnen sprechen.“ Enteignung als Druckmittel sei keine Option. Migenda gibt zu, die Ausgangslage an der Kreuzung Kempener Straße sei nicht so gut. „Dann müssen wir eben nach anderen Lösungsansätzen“, meint der Beigeordnete.

Andere im Saal befürchten an dieser Kreuzung noch viel längere Rückstaus durch die Zusammenlegung der Geradeaus- und Linksabbiegerspur: „Das Konzept geht komplett an der Realität vorbei“, moniert ein Mann. „Und die Opfer sind die Fußgänger“, ärgert sich eine Frau darüber, dass bestehende sichere Übergänge wegfallen sollen. Auch dafür gibt es viel Beifall.

Klaus Broich, Mitglied der IG Schildgen, kritisiert: „Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer werden nicht gleichberechtigt behandelt.“ Alles werde den Bedürfnissen des Radverkehrs untergeordnet. Migenda hält dagegen: „Im Moment ordnet sich alles dem Pkw unter.“ Die Stadt sei gesetzlich verpflichtet, den Fahrradverkehr zu berücksichtigen.

Eine ältere Frau sagt, sie fühle sich aktuell in Schildgen nicht sicher auf dem Rad. Sie selbst habe schon einen Unfall gehabt, als ein Fahrer die Autotür aufgemacht habe. Zustimmung erhält sie von einer Anwohnerin: „Als Radfahrerin habe ich keine Lust, in die Nebenstraßen verdrängt zu werden.“ Auch dafür gibt es viel Beifall, diesmal von den Radfahrern im Zuschauerraum.

Dagegen macht sich Christoph Lehner, beim Bürgerverein engagiert und ebenfalls viel mit dem Fahrrad unterwegs, große Sorgen um den Einzelhandel. Sollten die 20 Parkplätze wegfallen, würde die Hälfte der Läden sofort schließen müssen, befürchtet er. „Unser Herz schlägt hier. Das Zentrum ist unsere Aufenthaltsqualität“, betont Lehnert. Ein älterer Herr sagt: „Sie werden erleben, dass dann auch Senioren alles online bestellen. Wir können uns nicht alle aufs Fahrrad zwingen lassen.“ 

Zumindest scheint die sogenannte Mittelflexibilität als Streifen zum Abbiegen, Be- und Entladen vom Tisch zu sein. „Wir haben verstanden, dass dies nicht durchzusetzen ist“, sagt Migenda. Im Focus steht nun die Variante mit einem einseitigen Parkstreifen stadteinwärts mit sieben statt aktuell 20 Stellplätzen.

Am Ende der fast dreistündigen Veranstaltung verspricht Migenda, alle Anregungen aus dem Publikum mitzunehmen. Er warnt aber auch vor zu hohen Erwartungen: „Wir werden es nicht allen recht machen können.“


Wie es weitergeht

Der Zeitplan sieht folgendermaßen aus. 2024: Erstellung einer Vorplanung mit verschiedenen Varianten. 2025: Vorstellung der Vorplanung sowie eine weitere Dialogrunde mit Bürgern, Festlegung der Vorzugsvariante, Erstellung der Entwurfs- und Genehmigungsplanung. 2026: Beschluss der Politik sowie Planung der Bauphase. Ab 2027: Ausschreibung der Bauprojekte und Beginn der Bauarbeiten.

Die Stadtverwaltung versichert, alle Anmerkungen aus der Bürgerschaft der Schildgener im weiteren Planungsprozess zu prüfen. Im Nachgang zu der Veranstaltung am 3. Februar gibt es die Möglichkeit, sich für vier Wochen online an der Planung zu beteiligen. Der Link zur Online-Beteiligung sowie Hintergrundinformationen findet sich auf der städtischen Homepage.

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