Ein ehemaliger Kriminalbeamter berichtet im Mordfall von Tino W. von bizarren Anrufen während der Ermittlung vor rund 20 Jahren.
Anrufe von WahrsagernEine Fülle falscher Fährten prägte den neu aufgerollten Kürtener Cold Case

Seit November des vergangenen Jahres steht der Angeklagte (l.) wegen Mordes in Paderborn vor Gericht.
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Wer brachte den Bad Driburger Tino W. um? Die Antwort auf diese Frage treibt das Paderborner Schwurgericht seit fünf Monaten um. Und sie bleibt nach wie vor aus in dem Prozess gegen einen 57-Jährigen aus Kürten um das Verbrechen vom November 2003.
Auch die Befragung eines erfahrenen ehemaligen Kriminalbeamten aus Bielefeld, der etliche Mordkommissionen geleitet hat und an den Ermittlungen im Fall Tino W. beteiligt war, konnte jetzt kaum neues Licht ins Dunkel des Falles bringen. Tino W. starb in seiner Bad Driburger Wohnung durch ein Verbrechen: Seine Leiche lag mit einem verknoteten Elektrokabel um den Hals und auf dem Rücken gefesselten Händen in seinem von außen abgeschlossenen Badezimmer. Seine Kellnerbörse fehlte, ebenso sein Handy und ein paar kleinere Dinge aus seiner Wohnung. Die Suche nach einem mutmaßlichen Täter dauerte fast 22 Jahre, bis DNA-Auswertungen die Spur zu einem damaligen Nachbarn wiesen. Der 57-Jährige steht seit Anfang November wegen Mordes in Paderborn vor Gericht.
Anonymer Anruf entpuppte sich als falsche Fährte
Aber ist er auch wirklich der Täter? Der Zeuge, wie viele seiner bisher befragten Kollegen im Ruhestand, kann zur Klärung dieser Frage nur wiedergeben, was die Mordkommission „Morgenstern“ in akribischer Kleinarbeit über die Jahre hinweg zusammengetragen hatte – und dann die Akte vorläufig schloss, um einen „Cold Case“ aus Tino W.s gewaltsamen Tod zu machen.
Zu den diversen bisher von Polizeibeamten vor Gericht vorgetragenen bizarren Begebenheiten und falschen Fährten im Zuge des Falles gehört wohl ein anonymer Anruf bei einem Taxi-Fahrer, an den sich der aktuelle Zeuge gut erinnert. Darin habe es lapidar geheißen: Ein Geständnis sei irgendwo hinterlegt. Die Ermittler konnten den Anrufer in Fürth im Odenwald ausfindig machen, einen polizeibekannten „geistig verwirrten Mann“, der bereits „sehr sehr viele gleichlautende Meldungen“ abgesetzt hatte – zu etlichen bundesweit bekannten und ungeklärten Tötungsdelikten. „Es gab keinerlei Bezug zur Mordkommission Morgenstern“, betonte der Kriminalbeamte.
Angeklagter wurde im Juni 2005 als Zeuge vernommen
Was ihn wohl auch nicht gewundert haben mag: „Bei spektakulären Fällen haben wir immer sehr viele Anrufe, auch von irgendwelchen Wahrsagern oder Sehern, die uns helfen wollen. Das ist leider die Regel.“
Was den Kürtener angehe, sei dieser im Juni 2005 ein weiteres Mal als Zeuge vernommen worden, nachdem man seinen damaligen Aufenthalt habe ermitteln können. Auslöser sei eine Mitteilung seiner Ex-Lebensgefährtin gewesen, die sich etwa ein Jahr zuvor noch einmal zu einer Aussage bei der Polizei gemeldet habe – es sei um Geldscheine gegangen, die sie bei ihrem Partner damals gesehen haben will, wenige Tage nach dem Tod von Tino W..
2022 wurden die Ermittlungen des Falls wieder aufgenommen
Jedoch habe sich der heute 57-Jährige im Dezember 2003 nach der Trennung von der Frau in Bad Driburg abgemeldet und sei danach zunächst ohne bekannte Meldeadresse gewesen – bis etwa Anfang 2005. Da man zu dieser Zeit in Bielefeld „extrem viele Mordfälle“ habe bearbeiten müssen, sei eine Vernehmung erst im Juni 2005 erfolgt, ohne weitere Erkenntnisse zu bringen.
„Danach sind die Ermittlungen zum Stillstand gekommen“, sagte der Kriminalbeamte. Im Dezember desselben Jahres habe man den Schlussbericht gefertigt. Erst im Januar 2022 seien die Ermittlungen im Rahmen der „Cold Case“-Initiative wieder aufgenommen worden. Das nach Worten des Vorsitzenden Richters Eric Schülke „extrem komplexe Verfahren“ wird im April mit der Befragung von Zeugen weitergehen. Vier sollen „für das Gesamtbild“ noch geladen werden. Dann peilt das Schwurgericht für Mitte Mai ein Urteil an.

