In den Jahren von 1913 bis 1931 überfällt Peter Kürten Dutzende arglose Opfer. Mindestens neun Menschen überleben die grausamen Angriffe nicht. „True Crime Köln“ begibt sich in einem Zweiteiler auf Spurensuche.
Der Vampir vom NiederrheinDie Mordserie des Peter Kürten

Der Serienmörder Peter Kürten nach seiner Verhaftung 1931: Das Polizeifoto zeigt einen gut gekleideten, freundlichen Mann.
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Es ist ein unscheinbares Haus an der Ecke Keupstraße/Holweider Straße in Mülheim. Über einem Café im Erdgeschoss befinden sich zwei Etagen und ein Dachgeschoss. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es schmucklos wieder aufgebaut. Die Fenster des Gründerzeithauses waren früher mit schicken Giebeln und Rahmen verziert. „Wirtshaus Peter Klein“ stand in großen Buchstaben über den Fenstern einer Kneipe. Ein Foto des Hauses ist in Polizeiakten aus dem Jahr 1913 überliefert. Ein Polizist hat mit einem roten Stift Notizen auf das Foto gekritzelt. Es zeigt den Tatort eines brutalen Mordes. In der Wohnung über dem Lokal war die neunjährige Tochter des Wirtepaares getötet worden. Hier begann die Mordserie von Peter Kürten, der später als „Vampir von Düsseldorf“ oder „Vampir vom Niederrhein“ in die Kriminalgeschichte einging.
Mit einem Zweiteiler befasst sich die Podcastreihe „True Crime Köln“ mit dem Fall des Serienmörders, der 1883 im damals noch selbstständigen Mülheim am Rhein geboren wurde. Er behauptete später, dass er schon als Kind zwei Gleichaltrige beim Spielen im Rhein getötet hat. Juristisch aufgearbeitet wurden diese mutmaßlichen Taten nie, weil Kürten da noch nicht strafmündig war und sie von allem, was später passierte, überlagert wurden.
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In der „Serienkiller“-Ausstellung, für die zurzeit in der ganzen Stadt auf großen Plakaten geworben wird, kommt er nur am Rande vor. Dabei ist die Quellenlage zu seinen Taten, seiner späten Verhaftung und seinem Gerichtsverfahren ausgezeichnet. Es heißt, dass erst im Kontext der Ermittlungen in seinem Fall der deutsche Begriff „Serienmörder“ erfunden worden ist. „True Crime Köln“ begibt sich mit der neuen Folge und dem zweiten Teil, der am 30. Mai erscheint, auf Spurensuche in Köln und Düsseldorf.

Das Eckhaus Keupstraße/Holweider Straße. Auch schon vor über 100 Jahren war hier eine Gaststätte untergebracht. Über der Kneipe verübte im Mai 1913 der Serienmörder Peter Kürten seinen ersten nachgewiesenen Mord.
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Kürten war für Dutzende Überfälle verantwortlich, bei denen insgesamt neun Menschen starben. 1929 und Anfang 1930 schlug er in so rascher Abfolge zu, dass die Angst in der Bevölkerung panische Züge annahm. Geschürt wurde diese Hysterie nicht nur durch den anhaltenden Misserfolg der Polizei bei der Fahndung. Auch die mediale Berichterstattung trug zur Verbreitung von Angst bei: In der modernen, anonymen Großstadt begannen alle, allen zu misstrauen. Jeder galt als verdächtig.
Eine Stadt sucht einen Mörder
Die Taten inspirierten den Filmemacher Fritz Lang zu einem der bedeutendsten Werke der deutschen Filmgeschichte: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder" aus dem Jahr 1931 ist bis heute beeindruckend. Das Drehbuch entstand, bevor Kürten gefasst werden konnte. Der österreichisch-amerikanische Schauspieler Peter Lorre wurde in der Rolle des Mörders weltberühmt und machte als einer der besten Charakterdarsteller aller Zeiten Karriere in Hollywood. Der Film zeigt nicht nur die Jagd nach einem Killer – er ist auch ein Plädoyer für den Rechtsstaat in der auseinanderbrechenden Gesellschaft der Weimarer Republik. Auch der schlimmste Verbrecher, so die Botschaft, hat das Recht auf einen fairen Prozess.
Der Mörder konnte so lange unerkannt bleiben, weil er es verstand, die Polizei zu täuschen. Seine Taten folgten keinem Muster, es gab wenig Verbindendes. Kürten fühlte sich so sicher, dass er immer wieder an die Tatorte zurückkehrte, um der Polizei bei der Arbeit zuzuschauen und die Aufregung in der Nachbarschaft zu genießen. So saß er am Tag nach seinem ersten Mord auch in der Kneipe der Familie Wirtz, wo Gäste und Verwandte den Tod der Tochter betrauerten und diskutierten. In der Nachbarschaft galt der stets gut gekleidete Mann als freundlich und hilfsbereit. So lockte er auch einige seiner Opfer in die Falle, weil er ihnen seine Hilfe anbot.
Kopf des Mörders im Privatmuseum
Trotzdem bleibt unverständlich, warum ihm die Polizei nicht früher erwischte. Kürten war unter anderem wegen Sexualstraftaten vorbestraft und wohnte in der Nachbarschaft seines zweiten Opfers. Die Frage, warum und wie ein Mensch zu einem grausamen Mörder wird, der seine Opfer scheinbar wahllos auswählte, sorgt bis heute für Ratlosigkeit und Schrecken. Das Grauen macht Angst, sorgt aber auch für eine seltsame Faszination. So hat man Kürtens Kopf nach seiner Hinrichtung, in der Hoffnung, irgendetwas Erklärendes finden zu können, aufgeschnitten und untersucht. Danach wurde er zu einem Ausstellungsstück in einem Privatmuseum in Amerika.

Lydia Benecke (l.) und Susann Brennero (r.) sind Expertinnen für die Mordserie von Peter Kürten
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Die Bezeichnung „Vampir“, die ihm Zeitungen und die Öffentlichkeit gaben, beschreibt den Mann als Unmensch – ein Fehler, wie die Kriminalpsychologin Lydia Benecke im Interview bei „True Crime Köln“ sagt. Der freundliche, eloquente Mörder von nebenan habe nicht dem entsprochen, was sich die Menschen vorgestellt hätten. Davon habe Kürten „profitiert“. Benecke warnt davor, diesen Umgang mit Stereotypen auf die Zeit vor 100 Jahren zu schieben. Auch heute hätten die allermeisten Menschen falsche Bilder im Kopf, wenn sie sich einen Gewaltverbrecher vorstellen. „Sie gehen nicht davon aus, dass eine Person, die sie kennen, eine schwere Straftat begehen könnte.“ Jede Person, die eine Folge von „True Crime Köln“ höre oder diesen Text lese, dürfte schon mal jemandem begegnet sein, der eine Sexualstraftat begangen hat. „Das möchte man nicht hören, aber das ist die Realität“, so Benecke.
Neben der Kölner Psychologin berichtet die Düsseldorfer Autorin und Juristin Susann Brennero im Interview von ihren Erkenntnissen. Sie hat die alten Protokolle gelesen, um den „biografischen Kriminalroman“ „Der Vampir vom Niederrhein“ zu schreiben. Das Aktenstudium im Landesarchiv sei nicht einfach gewesen. Nachdem sie die Tatortfotos aus einem ersten Umschlag genommen hatte, wollte sie keinen weiteren mehr öffnen. Obwohl die Taten schon lange zurücklagen, haben sie doch offensichtlich ihre Kindheit und Jugend in der Nähe der Tatorte sehr geprägt.

„True Crime Köln“ erscheint alle zwei Wochen mit einer neuen Folge
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Die neue Folge von „True Crime Köln“ kann man überall hören, wo es Podcasts gibt, außerdem bei YouTube und über die Seiten des „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Netz.
