Nach 30 Jahren in Altenberg verabschiedet sich Pfarrerin Claudia Posche (65) am 4. Oktober mit einem Festgottesdienst im Dom in den Ruhestand.
Pfarrerin Claudia Posche„Altenberg zeigt, die Kirche der Zukunft muss ökumenisch sein“

Claudia Posche an der Seite von Martin Luther: Die Bronzeplastik „Die Ökumene“ im Altenberger Dom bedeutet der Pfarrerin viel.
Copyright: Christopher Arlinghaus
In ihre Zeit fiel die jahrelange Totalsanierung des Altenberger Doms, auch Corona-Pandemie und Kirchenkrise forderten Improvisationstalent und immer wieder den Mut, neue Wege zu gehen. Ein Blick zurück.
Wenn Sie an Altenberg denken, welches Gefühl empfinden Sie dann?
Über die ganzen Jahre hat mich das Gefühl nie verlassen, in den Altenberger Dom einzutreten und zu denken: „Was ist das für eine schöne Kirche!“ Aber das Gefühl zu Hause zu sein, das habe ich eigentlich in jeder Kirche. Zudem ist Altenberg ein wunderbarer Arbeitsplatz! Wer hat schon einen Arbeitsplatz, der bereits an der Autobahn ausgeschildert ist?
Diesen Ort verlassen Sie nun nach 30 Jahren. Was nehmen Sie mit?
Erinnerungen an tolle Menschen, die unfassbar schöne Musik hier am Ort und wunderbare Momente. Dazu zählt unter vielen anderen das Tauffest, das wir in der Dhünn gefeiert haben oder eine literarische Veranstaltung mit Harald Schmidt, die auch in meinem Schatzkästchen ist.
Was war schwierig?
Als ich hier anfing, war der Dom eine Großbaustelle. Auf eine solche Situation war ich nicht vorbereitet. Die Renovierung einer gotischen Hallenkirche kommt im Theologiestudium nicht vor. Das war zehn Jahre lang eine Herausforderung. Es fanden Beerdigungen und Hochzeiten vor Planen und Baugerüsten statt, es gab viel Lärm und Dreck, und ich musste häufig improvisieren.
Jenseits dieser Dinge gab es aber natürlich auch viele emotional-belastende Ereignisse, persönliche Schicksale und herzzerreißende Momente, die noch lange nachwirkten. Etwa Kinderbeerdigungen oder Erlebnisse in den 24 Jahren, die ich zusätzlich als Notfallseelsorgerin tätig war. Auch Beerdigungen in der Coronazeit waren ein Alptraum. Trotzdem gab es selbst in dieser Zeit tröstliche Momente, etwa die ökumenischen Fenstergottesdienste, die wir vor dem Pflegeheim St. Pankratius abgehalten haben.
Was konnten Sie erreichen?
Eine Gemeinde funktioniert nicht wie eine Firma, in der man sich bestimmte Ziele setzt. Es geht um die Frage: Wie bringe ich Menschen in Kontakt mit dem Evangelium, mit der guten Nachricht? Ich habe versucht, viele Menschen möglichst kreativ zu erreichen, kein „Kirchensprech“ bei den Predigten zu benutzen. Die Menschen sollten merken: Das hat etwas mit meinem Leben zu tun.
Schade ist, dass die Evangelische Domgemeinde schon lange keinen Jugendleiter mehr hat, weil wir höchstens eine halbe Stelle finanzieren konnten. Da setze ich auf meinen jungen Nachfolger, Bjarne Torwesten, der hier am 3. November beginnt und erst 30 Jahre alt ist. Angebote für Kinder und Jugendliche zu machen, das ist eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben. Andere Dinge werden dafür wegfallen müssen.
Auch in Altenberg ist die Zahl der Christen, evangelisch wie katholisch, rückläufig. Das konnten auch Sie bei aller Kreativität für die Sie immer standen, in Ihrer Gemeinde nicht aufhalten. Macht Sie das traurig?
Es haut einen schon um, wenn auf den Listen der Ausgetretenen die Namen von Menschen stehen, die man lange kennt. Von Menschen, die man getraut oder deren Kinder man getauft hat. Und es beschäftigt mich die Frage, wenn Kirchen nicht mehr im Sozialgefüge der Gesellschaft tätig sind, wer kümmert sich dann? Das wird der Staat nicht alles übernehmen können. Das sehe ich schon mit Sorge. Es braucht verschiedene Player in der Gesellschaft.
Altenberg ist durch eine simultane Kirche, die von evangelischen und katholischen Christen abwechselnd genutzt wird, auch ein Ort der Ökumene. Wie hat sich das entwickelt?
Gerade mit den Erfahrungen aus Altenberg bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die Kirche der Zukunft ökumenisch sein muss, wenn sie eine Zukunft haben will. Mit Dienstantritt meines katholischen Kollegen Thomas Taxacher ist die Ökumene in Altenberg sehr gestärkt worden…
…den Sie ja sogar mal „als Geschenk Gottes“ bezeichnet haben…
Ja, das würde ich auch so stehen lassen (lacht). Er begann seine Zeit hier ja mitten in der Coronazeit. Im Lockdown haben wir versucht, das Gemeindeleben ökumenisch zu organisieren. Da mussten wir erfinderisch sein. Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel der ökumenische Weihnachtsgottesdienst.
… der im vergangenen Jahr sogar bundesweit im Fernsehen übertragen wurde. Sie haben den Ruf, keine Angst vor Experimenten zu haben. Sind Sie damit auch angeeckt?
Es hat sicherlich schon mal Menschen nicht gepasst, was ich gesagt habe. Auch dass da eine Frau am Altar stand, hat vereinzelt zu Kommentaren geführt.
Was bleibt von Ihrer Arbeit?
Das kann man selbst schlecht sagen. Es heißt, ich hätte immer drei Dinge propagiert: „Nicht so kleingläubig!“, „Nicht so lahmarschig!“ und „das Grundprinzip der chaotischen Annäherung“. Ich jedenfalls danke allen, die mich als Pfarrerin getragen und ertragen haben, diesen vielen wunderbaren Menschen, die Gottesdienste, Feiern, kurz das Gemeindeleben erst möglich gemacht haben.
Und im Ruhestand?
Ich ziehe nach Monheim, darüber hinaus weiß ich nicht, wie es im Ruhestand sein wird. Ich war ja noch nie in dieser Lage. Aber vermutlich halte ich es mit der ehemaligen Kanzlerin Angela Merkel und mache nur noch „Wohlfühltermine“. Aber eines ist klar: Auch nach der Entpflichtung bleibe ich immer Pfarrerin.
