Laut aber schief - Der Chor aus Overath-Marialinden ist zum Kult geworden. Eine Begleitreportage durch einen Auftritts-Abend.
Laut aber schiefDie Kultsänger aus Marialinden erobern die Säle

Laut aber schief begeistert die Massen
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Redner, Tanzgruppen und Bands gibt's seit Jahrzehnten auf rheinischen Karnevalsbühnen. Aber Chöre? Mittlerweile auch. Und wie! 1500 Frauen im Festzelt halten Handyleuchten in den Händen, verwandeln das Publikum in ein glitzerndes Lichtermeer, über dem der etwas andere Männerchor aus Overath-Marialinden von der Bühne einen Stimmungshit nach dem nächsten in die Menge schickt.
Dabei hätte dieser Auftritt des längst zum Kultchor avancierten „Laut aber Schief“ beinahe in einem Fiasko geendet. Aber auch nur fast . . . Zwei Stunden zuvor im Heimatort der Sänger, die erst vor gut zwei Jahren überhaupt zum ersten Mal als Chor aufgetreten sind. Der mit den eigenen Konterfeis als Comicfiguren beklebte Bus setzt rückwärts auf den Vorplatz der Gaststätte Altenrath, des Hauptquartiers von „Laut aber Schief“. „Alles klar, Männer?“, begrüßt Chormitgründer Thorsten „Bosse“ Traugott die bereits wartenden Kollegen. In anderthalb Stunden steht der nächste Auftritt an – bei der Damensitzung in Engelskirchen.

Der Saal bebt, die Musiker kommen auf Touren
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Erst am Vorabend haben „Laut aber Schief“ dort abgeräumt. Heute allerdings droht's anders zu werden. Zwar ist Techniker Sven Merkel noch absolut ruhig, an Instrumente und Bühnentechnik allerdings kommt er nicht ran. Der Techniktransporter parkt zwar um die Ecke, der Schlüssel aber ist bei Mark Höfer.
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Und der steht noch in Köln im Stau auf der Zoobrücke. Ruhe bewahren. Gelassen laden Chormitglieder erst einmal Hopfengetränke in den Reisebus. Crew-Chef Berthold „Beppo“ Klug hat ohnehin jetzt ganz anderes im Kopf: Thorsten Traugott hat die Aufstellung der Chormitglieder im Laufe des Tages sieben Mal geändert – und „Beppo“ muss zusehen, dass er das im Plan, der regelt, wer was mit auf die Bühne nimmt, abändert.
Sobald sich die Bustüren schließen, beginnt „Beppo“ damit, jedem seine Aufgabe einzuschärfen. Schließlich sind seit kurzem nicht nur Instrumente und Technik, sondern auch aus Bierkästen angefertigte Podeste auf die Bühne zu transportieren und vorm Auftritt aufzubauen. Und im Karneval muss es schnell gehen. Maximal 90 Sekunden darf der Auf- und Abbau dauern. Besser weniger.

Laut aber schief beim Auftritt
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Über die Buslautsprecher laufen neue Songs über „Hubi Heardbreaker“, einem der Solosänger und Chormitbegründer gewidmet. Die Stimmung ist ausgelassen. Als der Bus vor dem großen Festzelt in Engelskirchen stoppt, ist erstmal noch Zeit – und auch noch nichts da zum Ausladen. „Müsste aber noch passen“, bleibt Techniker Sven Merkel zuversichtlich, was die rechtzeitige Ankunft seines Kollegen anbelangt.
Die Musiker von „Cat Ballou“ kommen von ihrem Auftritt aus dem Zelt. Man kennt sich. Keyboarder Dominik Schönenborn und Frontmann Oliver Niesen sind sofort von Selfie-Jägerinnen umringt. Aber nicht nur sie. Auch die LAS-Sänger werden auf dem Weg zum Zelt immer wieder von bunt kostümierten Karnevalistinnen gebeten, in hochgehaltene Handykameras zu lächeln.
Die Musiker von „Brings“ warten im Vorraum auch noch auf ihren Auftritt. Man kennt sich, Bassist Stephan Brings erzählt von der Tour nach Engelskirchen, Keyboarder Kai Engel kennt den Weg dorthin schon seit seiner Kindheit.
Schließlich ist er früher selbst in Overath zur Schule gegangen, als seine Familie noch in Steinenbrück wohnte. „Schon cool, dass Musiker wie Brings heute unsere Kollegen sind“, raunt eine LAS-Sänger, während er sich mit seinen Kollegen in das ans Festzelt angedockte Künstlerzelt zwängt.

Aufbau der Technik
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Chorleiter Stephan von Berg greift zur Gitarre, spielt einen Akkord, ruft zum „Wachklopfen“ auf – und gibt eine Atemübung vor. „Pfffff – Tschsch . . .“. Dann: „Oooh – oooh – oooh“. Einsingen – ohne geht's nicht auf die Bühne. Stimmlagen wie Tenor oder Bass sind bei den Sängern, die sich unter dem Motto „Aus Spass an der Freud“ zusammengefunden haben, keine Kategorien. „Wir haben einfach drei Stimmlagen: Hoch, Mittel und Tief“, sagt Thorsten Traugott und schaut auf seinen Einteilungsplan.
In einer Viertelstunde müssen „Laut aber Schief“ auf die Bühne. Techniker Sven Merkel gibt vorsichtig Entwarnung: „In fünf Minuten ist der Technikbus da.“ Er soll recht behalten. Beim Ausladen von Schlagzeug, Mischpult und Co. packen alle mit an. Auch bei den neuen Bühnenelementen Marke Eigenbau. Während Stephan Brings mit seinen Bandkollegen noch über die Bühne rockt, stehen die LAS-Sänger neben der Bühnentreppe und warten.
Ein Kraftakt, nach Brings auftreten zu müssen? Thorsten Traugott macht sich keine Sorgen. Am Abend vorher war das Programm ähnlich hochkarätig. „Und am Ende haben sie uns gesagt: Ihr wart das Highlight des Abends“, sagt er augenzwinkernd glücklich. Jetzt ist ein neuer Tag – und Brings bei der umjubelten Zugabe angekommen. Dann ein Wink: Die Brings-Techniker bauen die Instrumente ab, die Marialindener greifen nach Schlagzeug, Keyboard und Bühnenelementen.

Besprechung vor dem Auftritt
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„Begrüßt mit mir Laut aber Schief“, ruft der Sitzungspräsident, das Publikum kreischt, die Männer laufen auf die Bühne. Die Sitzungskapelle spielt die Titelmelodie der TV-Serie „A-Team“. Anderthalb Minuten später steht alles. Stephan von Berg greift in die Tasten, will Töne angeben – doch das Instrument bleibt stumm. Als liefe trotzdem alles nach Plan, springt Thorsten Traugott sofort ein, begrüßt das Publikum, heizt die Stimmung an, während Sven Merkel alle Kabelverbindungen prüft. Stephan von Berg bekommt zur Sicherheit kurzerhand die Gitarre in die Hand gedrückt, routiniert zieht er den Song „Tommi“ vor.
Das Publikum singt lauthals mit. Danach läuft das Keyboard. „Laut aber Schief“ setzt zum aktuellen eigenen Sessionshit „Fastelovend Fiewer“ an. Läuft. Und wie. Gleich das Medley kölscher Hits von „Stadt mit K“ bis „Hück steiht de Welt still“ hinterher. „Ladys, wie ist die Stimmung?“ fragt Stephan von Berg ins Publikum. Kreischen.
Refrain singen alle mit
Die „Laut aber Schief“-Band setzt zum Vorspiel von „Noh Kölle jonn“ an. Den Refrain können die Frauen längst alleine singen. Das Lied gehört zum festen Repertoire im rheinischen Karneval. Die Männer strahlen. Auch Schunkeln funktioniert zu einem Medley mit „Drink doch eine met“ und „Du bes die Stadt“ , „Du bes Kölle“ und „Veedel“. Gänsehautgefühl. Handy-Leuchten sind zu sehen, werden bald zum Lichter-Meer. Jubel, der Präsident ist kaum zu verstehen.
Er aber versteht sofort: Die Damen wollen Zugabe. Und die bekommen sie. Und die Männer aus Marialinden tosenden Applaus, als sie von der Bühne gehen. Ein grandioses Finale der Sitzung. Wer nicht mit Equipment durch den Seitenausgang zum Techniktransporter muss, wird um Selfies gebeten. Schulterklopfer. „Ihr seid der Wahnsinn“, schwärmt eine Elfin. Glücklich steuern die Sänger ihren Bus an, der auf der Rückfahrt irgendwie voller ist als auf dem Hinweg – und nicht nur von Männern.
Thorsten Traugott lächelt: „Sind keine fremden Groupies , sondern alles unsere Frauen, die jetzt mit nach Hause fahren“, erklärt er grinsend. „Laut aber Schief“ ist eben auch eine riesengroße Familie.

