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Rösrather Verlag AiboLesen und lesen lernen in Zeiten von KI

5 min
Zwei Männer halten Bücher in die Kamera, eines hat einen Marienkäfer auf dem Cover, ein anderes Rotkäppchen und Wolf

Verlagsgründer Andreas Stobbe (r.), hier im Bild mit Autor Markus Grimm, möchte auch Menschen mit Sprach- und Kommunikationsproblemen die Bücherwelt öffnen. Neben Klassikern der Weltliteratur hat er Grimms Märchen in Einfacher Sprache im Programm.

Der Verlag Aibo publishing aus Rösrath bietet Klassiker der Weltliteratur in Einfacher Sprache an und "Lese-Karaoke" für Grundschulkinder

Der Spruch „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!“ kommt nicht von ungefähr. Denn wer wirklich gut lesen kann, überliest nicht nur seltener ein Wort und verliest sich nicht ständig. Echte Lesekompetenz bedeutet vor allem: einen Text auch verstehen. Genau an diesem Punkt setzt Andreas Stobbe an. Der Rösrather führt mit der Aibo publishing GmbH einen Verlag, dessen Produkte dafür sorgen, dass auch Menschen mit Leseschwierigkeiten die Welt der Bücher erobern können. Und das gleich auf zwei Wegen. Er bringt Klassiker der Weltliteratur in Einfacher Sprache heraus und hilft außerdem Grundschulkindern mit dem Programm „Lese-Karaoke“ beim Lesenlernen. Die Grundschule Kippekausen hat es bereits ausprobiert und die Kinder waren begeistert (wir berichteten).

Die Akzeptanz in der allgemeinen Bevölkerung für die Einfache Sprache in der Literatur ist gewachsen
Andreas Stobbe, Geschäftsführer Aibo publishing GmbH, Rösrath

Den Anstoß dafür, mehr Menschen die Lesewelt aufzuschließen, gab sein Sohn. Der ist im Autismus-Spektrum und besucht eine Förderschule in Bergisch Gladbach. Durch ihn hatte Stobbe über Jahre hinweg immer wieder Kontakt zu Kindern mit Sprach- und Kommunikationsschwierigkeiten – und das hat ihn geprägt. Beruflich kommt Stobbe zwar aus einer anderen Ecke. Nach seinem Studium gründete der Diplom-Designer 1996 in Köln eine Internetagentur, die reality bytes neue medien GmbH. Fast zeitgleich mit dem vollständigen Verkauf der Agentur an die Kölner Greven Group schob das für 2025 anstehende Barrierefreiheitsstärkungsgesetz auch die Frage in den Vordergrund, wie man sicherstellen kann, dass auch Menschen mit Lese- und Sprachschwierigkeiten an digitale Inhalte herankommen.

Damit rückte auch das Thema Leichte oder Einfache Sprache verstärkt in den Fokus. Zusammen mit Dr. Patrick Krause beschloss Stobbe, auch beim Zugang zu Literatur Barrieren abzubauen. Gemeinsam gründeten sie die Aibo publishing GmbH.

Theodor Fontanes „Effi Briest – in Einfacher Sprache“ sorgte für Wirbel

Unerwartet schnell wurde der kleine Verlag bekannt, und das wegen eines großen Namens: Theodor Fontane. Als Stobbe und Krause im Sommer 2024 mit „Effi Briest – in Einfacher Sprache“ eine stark vereinfachte Fassung des Klassikers veröffentlichten, sorgte das in einigen Feuilletons für Wirbel. Sogar von „Kulturfrevel, Verdummung und Kulturzerstörung“ sei die Rede gewesen, erinnert sich Stobbe. Erst jetzt, fast zwei Jahre später, scheint auch eine kühlere Betrachtung möglich zu sein: „Die Akzeptanz in der allgemeinen Bevölkerung für die Einfache Sprache in der Literatur ist gewachsen“, hat Stobbe beobachtet. „Sicher hängt das auch mit diversen Nachrichten-Formaten in Einfacher Sprache zusammen, die ein größeres Publikum erreicht haben.“

Stobbe findet die heftige Kritik an der Übertragung von Klassikern in Einfache Sprache „überheblich und empathielos“. Gleichzeitig weiß auch er, dass die Übertragung „von Bestandsliteratur immer in dem Dilemma steckt, dass zwar der Inhalt im Wesentlichen erhalten bleibt, aber in der Reduktion Feinheiten und die Sprachästhetik verloren gehen“. Er vergleicht den Vorgang deshalb lieber mit einer Übersetzung, so wie ein Buch auch in eine fremde Sprache übertragen wird. Sein liebstes Beispiel dafür stammt nicht aus der Weltliteratur, sondern aus dem Kinderzimmer, aus Hänsel und Gretel: „‚Knusper, Knusper, Knäuschen‘ – wie will man das ohne sprachlichen Verlust ins Chinesische übersetzen?“

An der Übersetzung in Einfache Sprache arbeiten Mensch und Maschine gemeinsam

Neben den Grimmschen Märchen hat sein Verlag inzwischen Werke verstorbener klassischer Autorinnen und Autoren, Bücher für Kinder und sogar Schriften des Philosophen Immanuel Kant in seine Reihe „Weltliteratur in Einfacher Sprache“ aufgenommen. Die Werke sind nach Lese-Leveln von 1 (leicht) bis 5 (schwer) gegliedert, um den Leserinnen und Lesern eine Orientierung zu bieten, denn auch in der Einfachen Sprache gibt es noch eine „Mikro-Bandbreite“, die sich von Sprachniveau A2 bis B1 abspielt.

An der Übersetzung in Einfache Sprache arbeiten Mensch und Maschine gemeinsam: Ein KI-Programm liefert eine erste Rohfassung, die anschließend eine Autorin oder ein Autor überarbeitet. Danach folgt ein Praxischeck: Eine Person, selbst mit Lese- oder Sprachschwierigkeit, liest den übersetzten Text noch ein weiteres Mal und schlägt Verbesserungen vor. Neuere Titel, so Stobbe, wie zuletzt ein Jugendsachbuch, erscheinen zunehmend parallel in Standard- und Einfacher Sprache.

Das „Lese-Karaoke“ ist ein Trainingssystem für die Leseförderung

Darüber hinaus treibt der Verleger ein zweites Projekt voran, das ihm sichtlich am Herzen liegt. Für Grundschulkinder hat er ein „Lese-Karaoke“ entwickelt. Das Trainingssystem für die Leseförderung besteht aus Printbuch, Hörbuch in verschiedenen Geschwindigkeiten und einem neuen digitalen Audio-E-Book. Dabei werden die gelesenen Wörter im Text mitmarkiert – wie beim Karaoke-Singen. Die Kinder lesen den Text mit Unterstützung von Audio halblaut mit und können dabei auch noch zwischen drei Sprechgeschwindigkeiten wählen.

Ziel ist es, dass Kinder lernen, flüssig zu lesen. Denn: „Wer flüssig lesen kann, versteht einen Text auch besser“, erklärt Andreas Stobbe. „Sonst ist das Gehirn nur mit dem Decodieren der Wörter beschäftigt und hat keine Ressourcen mehr für den Sinn – das ist dann frustrierend und abschreckend.“ Zur Karaoke-Reihe gehört „Fleckies Reise“ des Autors, Musikers und Content-Creators Markus Grimm, einmal in Standard- und einmal in Einfacher Sprache. Auch dieses Produkt hat bereits in der Praxis gezeigt, was es kann.

Der Praxistest zeigte eine deutliche Verbesserung bei der Leseflüssigkeit

Fünf Wochen lang hat es die 3b der GGS Kippekausen in Bergisch Gladbach im Unterricht eingesetzt. Die Kinder schrieben sogar eigene Fortsetzungen der Geschichte um den Marienkäfer Fleckie und trafen den Autor anschließend persönlich. Der Praxistest habe gezeigt, so Stobbe, dass die heterogene Lerngruppe am Ende des Testzeitraums ihre Leseflüssigkeit im Schnitt um 38 Prozent verbessern konnte, gemessen an den korrekt gelesenen Wörtern pro Minute. Besonders Kinder mit schwächerer Ausgangsleseleistung hätten sichtbar profitiert, so Stobbe. Ein zweiter Band über Fleckie ist bereits in Arbeit.

Knapp elf Millionen Erwachsene in Deutschland zwischen 16 und 65 Jahren haben laut LEO-Studie der Uni Hamburg Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Für sie und für Kinder mit erschwertem Zugang zum Lesenlernen wie bei seinem eigenen Sohn versteht Stobbe seinen Verlag als Angebot, nicht als Ersatz für die Originale. Denn: Wer ein Buch in Einfacher Sprache in die Hand nehme, so Stobbe, habe meist nur die Alternative, „diese Fassung oder gar keinen Zugang“.