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ZeitreiseHürths Stadtarchivar lud zum  Spaziergang durch den Stadtteil Sielsdorf ein

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Eine Gruppe hört einem Mann aufmerksam zu.

Die alte Wassermühle ist heute ein moderner Wohnpark. Dort haben auch junge Familien ein neues zu Hause gefunden. 

Der Rundgang führte bis zur Entstehung des Ortes und der Ersterwähnung zurück. Auch Hexen und Geister wurden thematisiert.

Was mag wohl der armen Elisabeth Nissen durch den Kopf gegangen sein, als sie 1637 der Hexerei für schuldig gesprochen wurde und über die Trampelpfade durch Sielsdorf zur Gleueler Richtstätte (heute etwa Höhe A4) getrieben und dort verbrannt wurde? „Zuvor wurde sie gefoltert“, berichtete Hürths Stadtarchivar Michael Cöln.

Um interessierten Bürgern die Geschichte der Ortschaft Sielsdorf zu erklären, hatte er für Freitagnachmittag zu einem ganz besonderen Ortsspaziergang eingeladen – zu einer Art Zeitreise, die bis zur Entstehung des Ortes und der Ersterwähnung zurückführte. Thematisiert wurden dabei auch Hexen und Geister.

Hürth: Pfarrer der Hexerei schuldig gesprochen

Elisabeth Nissen könnte die Frau des Müllers oder eine Eselstreiberin gewesen sein. Vor ihrer Hinrichtung wurde sie an den Händen aufgehängt. Dabei soll sie zugegeben haben, das Vieh krank gemacht und im Gleueler Busch dem Hexentanz gefrönt zu haben. Der Hexerei für schuldig gesprochen wurde auch der Gleueler Pfarrer Wollersheim, der als katholischer Priester fünf uneheliche Kinder gezeugt haben und Kinder des Ortes im Namen des Satans getauft haben soll.

Sielsdorf gehörte bis 1975 – bis zur Gebietsreform – zum Ort Gleuel, seit 1975 aber zu Stotzheim. Am Sielsdorfer Ehrenmal, das nach dem Zweiten Weltkrieg 1951 errichtet wurde, erzählte Cöln von der Taskforce „Grover Ghosts“, einer amerikanischen Militäreinheit, die am 5. März 1945 exakt um 7.29 Uhr in Sielsdorf einmarschierte.

Sielsdorf mit deutschen Waffen befreit

„Der Widerstand der deutschen Stellungen war aber erst noch so groß, dass den Amerikanern sogar die Munition ausging“, berichtete der Stadtarchivar. Letztendlich gelang es ihnen dank der beschlagnahmten deutschen Waffen, Sielsdorf zu befreien. „Wir wissen das aus amerikanischen Einsatzberichten, die uns zur Verfügung gestellt wurden“, erklärte Cöln.

Der Spaziergang führte auch am Haus des berühmten Schriftstellers Tillmann Röhrig vorbei zum Fußfallkreuz, dass seit 1850 eine ganz besondere Bedeutung für das Sielsdorfer Dorfleben hat. Seine Madonna sei vor dem Zweiten Weltkrieg gestohlen worden. Eine mit den Anwohnern verwandte Nonne habe dann eine neue Madonna gestiftet, sie aber während des Krieges versteckt und erst danach wieder aufgestellt.

Auch schon zu römischen Zeiten hat es hier eine Siedlung gegeben
Michael Cöln, Stadtarchivar in Hürth

„Das 100-jährige Bestehen des Fußfalls wurde im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes hier groß gefeiert“, sagte Cöln. Das Jubiläum habe 1950 zudem den Anstoß zur Gründung der Dorfgemeinschaft gegeben. Cöln erzählte auch von der urkundlichen Ersterwähnung des Ortsteils „Selstena“ im Jahre 898 – und: „Auch schon zu römischen Zeiten hat es hier eine Siedlung gegeben.“

Seinen Namen habe der Ort allerdings den Franken zu verdanken. Cöln erklärte: Es könnte damals schon ein Steinhaus – vielleicht eine Schmiede – im Ort gegeben haben. „Sel“ heiße Haus und „Stena“ bedeute Stein. Später sei daraus Seilsdorf – und schließlich Sielsdorf geworden. Sielsdorf sei früher ein „Einstraßendorf“ gewesen, weil es nur eine Straße gab, an der die Häuser standen.

Die erste Hürther Fabrik war eine Papierfabrik

1799 gab es in Sielsdorf zwölf Haushalte und 37 Einwohner. 1815 lebten bereits 87 Menschen im Ort, und 1887 waren es 139 Menschen, die in 37 Haushalten im Ort zu Hause waren. „Stand Ende 2025 zählt Sielsdorf 410 Einwohner“, so Cöln. Spannend ist auch die Geschichte der alten Sielsdorfer Wassermühle. „Hier begann 1855 mit der Inbetriebnahme einer Dampfmaschine die industrielle Revolution in Hürth – hier nahm die erste Hürther Fabrik, eine Papierfabrik, ihre Arbeit auf“, sagte Cöln.

Doch das ist dem modernen Wohngebäude nicht mehr anzusehen. Nachdem der Getreide-Mahlbetrieb 1855 eingestellt worden war, die Papierfabrik dann aber auch keine Gewinne mehr einfuhr, wurde die Mühle umgebaut zur Spinnerei und Knopffabrik, in der noch bis 1920 produziert wurde.

Die nächsten Jahrzehnte, von 1920 bis 1952, war das Mühlengebäude der Landsitz einer Obstplantage, in der während des Zweiten Weltkriegs auch Zwangsarbeiter beschäftigt waren. Danach kaufte die Stadt Hürth das Gebäude und brachte zunächst Geflüchtete, später Obdachlose dort unter – bis die Unterkunft wegen mangelnden Brandschutzes 1996 geschlossen wurde.

Einige Jahre stand das historische Anwesen leer, bevor es 2000 einen Käufer fand, der dort einen modernen Wohnpark schuf. Bleibt noch der Gänsehof. Er und die oft schnatternde Gänseschar auf der Wiese vor dem Hof haben Sielsdorf weit über die Grenzen von Hürth und dem Rhein-Erft-Kreis hinaus bekannt und berühmt gemacht. „Die Gänse sind heute auch Sielsdorfs Wahrzeichen“, sagte Cöln.