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Abschied von Brauweiler„Wir gestalten unsere Geschichte mit“

5 min
Ein Frau, sie lächelt, zeigt ein Kunstwerk.

Anna Wondrak zeigt eine Arbeit von Renate Weh aus der Reihe „Eintauchungen“.

Anna Wondrak hat das Künstler:innenarchiv in Brauweiler viereinhalb Jahre geleitet. Die 46-Jährige blickt zurück auf besondere Momente und Begegnungen.

Anna Wondrak hat das Künstler:innenarchiv der Stiftung Kunstfonds auf dem Gelände der Abtei Brauweiler viereinhalb Jahre geleitet. Nun übernimmt die 46-jährige Kunsthistorikerin eine neue Aufgabe in Nürnberg. Im Gespräche mit Maria Machnik blickt sie zurück auf besondere Momente erzählt, was sie sich für das Künstler:innenarchiv wünscht. 

Frau Wondrak, Sie verabschieden sich nach viereinhalb Jahren als Leiterin des Künstler:innenarchivs der Stiftung Kunstfonds mit Sitz in Bonn. Worauf blicken Sie mit besonderem Stolz zurück?

Als ich hier angefangen habe, wurde gerade der Vorlass von Renate Weh aufgenommen. Ich hatte die Möglichkeit, sie zu besuchen. Sie ist eine tolle Frau, die nur wenige Jahre im Kunstmarkt sichtbar war und die Ende der 60er-Jahre in Soest den Preis für experimentelle Kunst des Museums Wilhelm Morgner gewonnen hat. Das war damals ein Riesenskandal und sie wurde die letzten 50 Jahre auch nicht ausgestellt. Wir haben alle Ephemera (also Skizzen, Studien, Briefverkehr oder Presseartikel, Anmerkung der Redaktion) von Renate Weh, von Presseartikeln bis hin zu Statements der Künstlerin, von der Kunstwissenschaftlerin Elke Gruhn intern aufarbeiten lassen. Ich habe Kontakt zum Morgner Museum aufgenommen, bin drangeblieben und jetzt gibt es eine große Retrospektive in Soest, die noch bis zum 7. September läuft. Ich bin sehr stolz, dass ich dazu beitragen konnte, dieser Künstlerin und ihrem Werk wieder eine Sichtbarkeit zu geben.

Viele Menschen können sich unter einem Künstler:innenarchiv wenig vorstellen. Was macht Ihre Arbeit aus und warum ist sie wichtig?

Künstlerische Vor- und Nachlässe sind immer auch ein Spiegel der Zeit, in der sie entstanden sind. Und dadurch, dass wir diese Kunstwerke aufheben oder eben nicht aufheben, gestalten wir unsere eigene Geschichte auch mit. Ich finde diese Arbeit so wichtig, weil Kunst und Kultur ein essenzieller Teil unserer Gesellschaft sind. Einen Teil davon exemplarisch zu bewahren und öffentlich sichtbar zu machen ist eine wichtige Aufgabe des Archivs.

Künstlerische Vor- und Nachlässe sind immer auch ein Spiegel der Zeit, in der sie entstanden sind
Anna Wondrak, Leiterin des Künstler:innenarchivs

Gab es einen Nachlass oder eine Begegnung mit einer Künstlerpersönlichkeit, die Sie besonders berührt oder überrascht hat?

Der Nachlass der Künstlerin Renate Anger (1943-2008), die früh verstarb, ist sehr umfangreich und es dauerte lange, bis ich mir ein umfassendes Bild von ihrer Arbeit machen konnte. Bei der Auseinandersetzung mit ihrem Werk war ich immer wieder überrascht und beeindruckt, wie unermüdlich sie in den unterschiedlichsten Medien ihre individuelle Bildsprache verfolgt hat und sich ihr Werk im Kontext mit den zahlreichen Ephemera erschließen lässt.

Sie wechseln nun in eine neue berufliche Aufgabe. Was hat Sie an diesem Schritt gereizt, und was nehmen Sie aus Ihrer bisherigen Arbeit mit?

Das Künstler:innenarchiv ist ein Modellprojekt zum Umgang mit künstlerischen Vor- und Nachlässen nach 1945. Das Institut für moderne Kunst in Nürnberg ist auch ein einzigartiges Konstrukt in Deutschland. Es ist ein Informations- und Dokumentationszentrum für Materialien zur Kunst nach 1945. Der Ausgangspunkt ist sehr ähnlich, nur dass hier in Brauweiler die Kunstwerke und Archivalien von mittlerweile knapp 40 Künstlerinnen und Künstlern physisch aufbewahrt werden. In Nürnberg sind es über 90.000 Publikationen, die auch dem Neuen Museum als Museumsbibliothek dienen sowie knapp 38.000 Dossiers zum Werdegang von Künstlerinnen und Künstlern. Die Dokumentation in Brauweiler geht mehr in die Tiefe, denn hier haben wir ja auch Schriftstücke, Fotos, Skizzenbücher, usw. In Nürnberg ist es neben Ausstellungskatalogen, Monographien und Zeitschriften eher die graue Literatur, das heißt Publikationen im Eigenverlag, Broschüren, Flyer usw. Es gibt eine Presseausschnittsammlung mit über 260.000 Presseartikeln. Das Institut ist auf eine größere Fläche angelegt. Ich kann die Erfahrung aus der Archivarbeit und den Archivalien mitnehmen. Unter meiner Leitung im Künstler:innenarchiv sind die Ephemera mehr ins Zentrum des Leihverkehrs gerückt. Im letzten Jahr war beispielsweise im Museum Ludwig die große Ausstellung mit Werken von Benjamin Patterson und Ursula Burkhardt. Wir hatten dort ungefähr 100 Leihgaben aus den Archivalien, das gab es in dieser Masse noch nie. In Nürnberg übernehme ich nun die Direktorenstelle und möchte den Fokus wieder mehr auf das Archiv als Herzstück des Instituts richten.

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft des Archivs frei hätten: Was sollte in den nächsten Jahren gelingen?

Ich wünsche der Stiftung Kunstfonds und dem Archiv, dass neue Räume gefunden werden, um weiter Kunst aufzunehmen, vor allem aber, dass ein Schauraum etabliert werden kann. Ein Ort, wo unsere Arbeit sichtbar wird, wo man den Vor- und Nachlässen Raum gibt, gesehen zu werden. Ein permanentes Schaufenster in die Öffentlichkeit, was ursprünglich ja in Brauweiler geplant war.

Kunst gilt manchmal als etwas Elitäres. Was würden Sie jemandem sagen, der noch nie ein Archiv oder eine Ausstellung besucht hat – warum lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen?

Ein Blick hinter die Kulissen lohnt sich insofern immer, als dass man Zusammenhänge besser begreifen kann. Gerade unser Archiv bewahrt ja im Gegensatz zu einem Museum nicht nur Einzelwerke auf, sondern ganze Lebenswerke. Das heißt, es lässt sich ein roter Faden in der künstlerischen Entwicklung ablesen, auch dadurch, dass wir die zugehörigen Ephemera aufnehmen. Das ist total spannend, denn dadurch sieht man auch die Netzwerke. Wer hat mit wem gearbeitet, wie und in welchem Kontext sind die Werke entstanden. Was man sich bei einem Ausstellungsbesuch bewahren sollte, ist Neugierde. Man begreift dann auch ein Stück Geschichte besser. Es ist die Schwellenangst, die viele leider haben, sich zu outen, etwas nicht zu verstehen.

Wenn Sie an Ihren letzten Arbeitstag denken: Worauf werden Sie sich freuen, und was werden Sie vermutlich am meisten vermissen?

Freuen werde ich mich ganz pragmatisch auf meine alte Heimat Bayern. Und ich freue mich darauf, in Nürnberg ein Haus mit 60-jähriger Geschichte zu übernehmen, das bereit ist, aufbauend auf seinem stabilen Fundament mit mir in ein neues Zeitalter aufzubrechen. Das Team ist super motiviert. Vermissen werde ich außer den Kollegen und dem Kunstfonds als tollen Arbeitgeber die Arbeit mit diesen großen Konvoluten hier, weil wir ja in Nürnberg vor allem mit der Literatur arbeiten. Dort gibt es auch das Marianne-Defet-Malerei-Stipendium zur Förderung bildender Künstlerinnen und Künstler. Und das Institut publiziert viel. Physisch täglich mit den Werken zu arbeiten, das werde ich nicht mehr haben. Das werde ich vermissen und meinen Arbeitsplatz im Abteipark, der ist wirklich schön.


Geschichte mitgestalten

Anna Wondrak (46) hat 2022 die Leitung des Künstler:innenarchivs der Stiftung Kunstfonds in Brauweiler übernommen. Es wurde 2010 gegründet und sammelt zeitgenössische künstlerische Œuvres, erhält sie für restauratorische und kunsthistorische Forschung und sorgt unter anderem dafür, dass die Werke öffentlich zugänglich sind.

Eine Jury, der Künstlerinnen und Künstler, ein Kurator und ein Galerist angehören, entscheidet, ob das Archiv zu Lebzeiten einer Künstlerin/eines Künstlers einen Vorlass oder nach ihrem/seinem Tod den Nachlass aufnimmt. Am 1. September übernimmt die Kunsthistorikerin die Direktorenstelle des Instituts für moderne Kunst in Nürnberg.