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Zum Tod von Yayoi KusamaWollen wir nicht alle in die Unendlichkeit eingehen?

6 min
Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama spricht während eines Interviews in ihrem Atelier, das mit wandgroßen Gemälden gefüllt ist.

Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama 2012 in ihrem Atelier.

Es gleicht einem Wunder, dass die Avantgardekünstlerin Yayoi Kusama ein Publikumsliebling wurde. Über ein freies Leben in Gefangenschaft.

An einem Sonntag im Januar 1967 gab es vor der New Yorker St.-Patricks-Kathedrale eine etwas andere Prozession. Während in der Kirche die Messe gehalten wurde, zog sich draußen eine Gruppe junger Frauen und Männer aus und verbrannte vor einer stetig wachsenden Menschenmenge US-amerikanische Nationalfahnen. Eine bekleidete Frau warf Bibeln und Wehrdienstkarten in die aufsteigenden Flammen, dann umarmten sich die übrigen Teilnehmer des Happenings, und einige begannen, sich öffentlich zu lieben. Die Reaktionen des Publikums waren geteilt. Die einen jubilierten, die anderen schrien: „Gotteslästerung“. Zu Letzteren gesellte sich die herbeigerufene Polizei und löste das Antikriegsfestival der Liebe auf.

Wer weiß, wie das Kölner Publikum damals auf Yayoi Kusamas „Body Paint Festival“ reagiert hätte, wäre sie mit ihren Nackten vor den Dom gezogen? Vermutlich nicht so enthusiastisch wie bei der Kusama-Ausstellung, die dem Museum Ludwig in diesem Jahr einen Besucherrekord bescherte. Ohnehin gleicht Kusamas heutige Popularität einem Wunder: Zwischen ihrem „skandalösen“ und avantgardistischen Frühwerk und den begehbaren Spiegelkabinetten und bunten Riesenkürbissen, für die sie weltberühmt ist, liegen Welten – und vor allem liegt zwischen diesen Welten ein freies Leben in Gefangenschaft.

Trauma und Kunst

Geboren wurde Yayoi Kusama 1929 in Matsumoto auf der japanischen Hauptinsel. Sie wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus auf, doch zögert man, ihre Kindheit behütet zu nennen. Auf Drängen ihrer Mutter musste sie ihrem wiederholt fremdgehenden Vater nachspionieren, und wenn sie sich weigerte, so Kusama, ließ die Mutter ihren Schmerz über die Untreue des Vaters an ihr aus. Allerdings ist schwer zu beurteilen, inwiefern die traumatische Atmosphäre ihres Elternhauses zu jenem Erweckungserlebnis führte, das Kusama als Ursprung ihrer Kunst beschrieb: In ihrer Autobiografie schildert sie, wie die Blumen eines Feldes plötzlich lebendig wurden und sprechende Gesichter auf den Stängeln wippten. „Ich sprang auf und lief wie von Sinnen zum Haus. Unser Hund rannte hinter mir her und bellte mich an – in Menschensprache. Ich war völlig perplex, doch als ich etwas entgegnen wollte, hatte ich eine Hundestimme.“ Solche Halluzinationen verfolgten sie fortan, und immer, wenn die Bilder wieder um sie blitzten und tanzten, floh Kusama ins Haus und malte, was sie gesehen hatte. „Ich zeichnete ein Bild nach dem anderen. Dabei war ich nicht wirklich anwesend, ich war wie in einer anderen Welt.“

Die Kunst blieb Kusamas Zufluchtsort, und auch ihr Arbeitsethos änderte sich kaum. Ihren ersten Kürbis malte sie als 19-jährige Studentin in Kyoto, damals noch nach den Regeln der für ihre präzise Darstellung der Wirklichkeit gerühmten Nihonga-Malerei. Gleich einem legendären buddhistischen Mönch, der neun Monate vor einer Höhlenwand gesessen hatte, malte sie wochenlang einen einzigen Kürbis. „Es tat mir leid um die Zeit, in der ich schlafen musste.“

Avantgarde in New York

Als sich Yayoi Kusama im Jahr 1957 entschloss, ihre Heimat zu verlassen und in den USA neu anzufangen, wollte sie den Zwängen ihres Elternhauses und der japanischen Gesellschaft entfliehen. Im Gepäck hatte sie ein kleines Vermögen, das sie in Seidenkimonos einnähte, um die Ausfuhrbeschränkungen für japanische Devisen zu umgehen, und einen tiefen Groll gegen die Ungerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter. In New York begann sie, riesige Leinwände mit grauen, sich unendlich wiederholenden Kringeln zu bemalen, Möbelstücke mit ausgestopften Stoffphalli zu überziehen und ganze Galerieräume mit Lichtreizen zu fluten. Innerhalb weniger Jahre schuf sie ein Werk, das von der abstrakten Nullpunkt-Malerei bis zur Pop Art mehrere maßgebliche Kunstströmungen mitprägte.

Heute fällt es nicht schwer, in Kusamas New Yorker Arbeiten moderne Klassiker zu erkennen. Mit ihren frühen „Infinity Net“-Gemälden suchte sie einen neuen Nullpunkt der Malerei, reduzierte das Malerische auf ihren Bildern auf ein Mindestmaß und etablierte damit das Prinzip ihrer mit der Zen-Philosophie verwandten Kunst: durch ewige Wiederholung des Immergleichen zur Unendlichkeit. Man erkennt dieses Prinzip auf ihren von Phalli überwucherten Pop-Objekten, in ihren von Lichtspielen erleuchteten Spiegelräumen – und in ihren die Welt strukturierenden und zugleich auslöschenden Punkten, die zu ihrem Markenzeichen wurden. Im Grunde versuchte Kusama, ihr kindliches Erweckungserlebnis, bei dem sie mit der Natur zu verschmelzen schien, zu wiederholen, und den anhaltenden Schrecken dieses Traumas zu bannen, indem sie ihn unter kontrollierten Bedingungen immer wieder heraufbeschwor.

Zusammenbruch und Neuanfang

Kusama nannte ihre Arbeiten selbst „psychosomatische Kunst“, die eine selbsttherapeutische Wirkung haben soll. „Ich mache meine Komplexe und Ängste zum Gegenstand meiner Arbeit“, schrieb sie. „Allein die Vorstellung, dass ein langes hässliches Etwas wie ein Phallus in mich eindringen könnte, ist grauenvoll. Deshalb stelle ich so viele Penisse her.“ Genauso offensichtlich war für sie allerdings immer, dass auch die aufgewühlte Welt um sie herum leidet und sich nach Heilung sehnt. In gewisser Hinsicht nahm Kusama die Hochzeit der Hippiebewegung vorweg, denn dass die Zivilisation, der Kapitalismus, die „Phallokratie“ unglücklich und krank machen, war Mitte der 60er Jahre, wie heute wieder, in linken Kreisen ein Gemeinplatz. Kusama lehnte sich auf sehr private Weise künstlerisch gegen die Verhältnisse auf – und das in einer Welt, in der das Private dezidiert zum Teil der Politischen erhoben wurde.

Mit ihrer Kunst traf Kusama den Zeitgeist der Sechziger, geriet im folgenden Jahrzehnt allerdings aus dem Blickfeld der Kunstwelt. Sie war seelisch erschöpft nach Tokio zurückgekehrt und hatte sich 1977 selbst in die psychiatrische Klinik eingewiesen, in der sie bis zu ihrem Tode lebte. Erst 1993 wurde Kusama auf der Biennale von Venedig „wiederentdeckt“ und als das gewürdigt, was sie ist: eine radikale Pionierin der Nachkriegskunst. Zu dieser Zeit hatte sie sich ein öffentliches Erscheinungsbild als Kunstfigur gegeben, mit roter Perücke und farblich passenden Punktekleidern, und schuf, zurückgezogen von der Welt, unermüdlich weiter Kunst: Variationen alter Werke wie ihre berühmten gepunkteten Kürbisskulpturen und neue Werke, die, nimmt man indigene Künstler und Außenseiterkünstler aus, in der Moderne einzigartig sind in ihrer Lust an farbiger Ornamentik. Mit ihrer Obsession für Muster und Dekorationen kitzelt Kusama nicht nur die Schmucklust des Publikums, sie beantwortet auch die alte Frage, warum Menschen seit Urzeiten den scheinbar unwiderstehlichen Zwang verspüren, Alltagsgegenstände und Gebäude zu verzieren. Man kann von Kusama lernen, dass es dabei um eine grundlegende Sehnsucht nach Ordnung und Orientierung geht. Um einen kollektiven Wunsch, den Kusama zu verkörpern scheint.

Kusama Superstar

Bereits vor ihrer Kölner Rekordausstellung war Kusama ein Publikumsmagnet – und ein globaler Superstar. In den letzten Jahren erschienen Dokus und Comics über ihr Leben, Journalisten und Kuratoren pilgerten in ihr Tokioter Atelier, in dem sie tagsüber arbeitete, bevor sie abends in die Psychiatrie zurückkehrte; ihre Bilder werden zu Millionenpreisen gehandelt und um ihre private Welt ist eine kleine Merchandising-Industrie entstanden, mit Kürbisanhängern oder Kusama-Taschen. Überall stehen die Menschen Schlange, um durch die neuesten Versionen ihrer Erlebnisräume zu flanieren. Kusamas Kunst ist fotogen und lädt zu Selfies ein. Aber vor allem illustrieren ihre Werke zentrale Themen unserer Gegenwart: das Verhältnis von Identität und Trauma sowie das Drama der Außenseiterin in einer männlich dominierten Welt. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Yayoi Kusama am 14. August gestorben. Sie wurde 97 Jahre alt.