Was wird nach der Wallraf-Schließung aus den großen Plänen mit den Kölner Museen? Die Stadt prüft Wiedereröffnung des Zeughauses.
Kölner MuseenKulturpolitik nach dem Prinzip Hoffnung

Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln wird zur Dauerbaustelle.
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Anders als in alten Residenzstädten wie Düsseldorf gab es in Köln keine höfischen Sammlungen, die mit der Demokratisierung an die Bürger fielen. Beinahe alles, was Köln an Kultur besitzt, geht auf private Schenkungen zurück und auf die Selbstverpflichtung der Stadt, diese Geschenke als Teil der eigenen Geschichte anzunehmen. Schon deswegen sind die Kölner Museen Ausdruck eines städtischen Selbstbewusstseins, das aufzugeben fahrlässig wäre, weil es den Kern des gesellschaftlichen Zusammenhalts berührt. Ohne die großartigen Gaben von Sammlern wie Peter Ludwig, Ferdinand Franz Wallraf oder Adolf Fischer, dem Begründer des Museums für Ostasiatische Kunst, wäre die Stadt in vielerlei Hinsicht ärmer. Aber das gilt ebenso für die vielen kleinen Stifter, die dem Beispiel der großen folgten, und für die Bürger, die sich heute in den Freundes- und Unterstützerkreisen der Museen engagieren.
Allerdings steht es um die Selbstverpflichtung der Stadt seit längerer Zeit nicht mehr zum Besten, wie man an der Bausubstanz vieler Kölner Museen ablesen kann. Das Wallraf-Richartz-Museum ist für eine Generalsanierung bis mindestens Ende 2028 geschlossen; das Römisch-Germanische Museum harrt seit 2018 der Sanierung und ist seit sieben Jahren in einer Notlösung untergebracht; letzteres gilt auch für das Kölnische Stadtmuseum, das aus dem traditionsreichen Zeughaus ausziehen musste und seine Schätze seit 2024 in einem ehemaligen Modehaus präsentiert; das Museum für Ostasiatische Kunst hat seine zeitweilige Schließung wegen einer allzu lange aufgeschobenen Sanierung bereits hinter sich; dem Museum Ludwig mit seiner weltberühmten Pop-Art-Sammlung steht dieses Schicksal möglicherweise noch bevor.
Die viel beschworene Perlenkette der Kölner Museen hat an Glanz verloren
Geschlossene oder geschrumpfte Museen sind nicht nur ein Schlag für die Museumskasse, sondern auch schlecht für das Renommee einer Kulturstadt. Als solche versteht sich Köln seit jeher, und mit der Via Culturalis gibt es auch eine Vision, wie sich aus der großen Vergangenheit der Stadt eine große Zukunft ableiten ließe. Hinter dem etwas sperrigen Namen verbirgt sich ein Kulturpfad, der das Weltkulturerbe der Hohen Domkirche auf engstem Raum mit alter und moderner Kunst verknüpft – vor allem aber mit mehr als 2000 Jahren Stadt- und Weltgeschichte. Um diese Via Culturalis herum könnte eine Museumsinsel entstehen, die es selbst in Berlin nicht gibt und mit der sich die Anziehungskraft der Stadt maßgeblich vergrößern ließe. Rechnet man die etwas abseits gelegenen Museen hinzu, verfügt Köln über bedeutende Sammlungen moderner, klassischer, antiker, angewandter, mittelalterlicher, ostasiatischer und außereuropäischer Kunst – ein in Deutschland einmaliger Museumsschatz, der, wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf Anfrage dieser Zeitung betont, Teil einer einzigartigen deutschen Museumslandschaft ist. „Museen sind Räume der Begegnung, des Austauschs und des Dialogs und haben als solche eine immense Bedeutung für gesellschaftlichen Zusammenhalt, für die Stärkung der Demokratie und für die Sichtbarmachung der drängenden Themen unserer Zeit. Genau darin liegt ihre kulturelle Bedeutung und ihre demokratische Kraft.“
Allerdings braucht es derzeit eine besonders üppig blühende Fantasie, um den Kölner Kulturpfad in Gedanken abzuschreiten; die viel beschworene Perlenkette der städtischen Museen hat einiges an Glanz verloren. 1999 saßen im Römisch-Germanischen Museum (RGM) die Staatsmänner des G-8-Gipfels über dem antiken Dionysos-Mosaik beisammen, heute verschandelt das von Stellwänden umstellte Haus den Roncalliplatz am Dom. Im Belgischen Haus, seinem Ausweichquartier, stehen dem RGM rund 1000 Quadratmeter zur Verfügung; lediglich ein Viertel der am Roncalliplatz präsentierten Ausstellungsstücke wird dort gezeigt. Vor seinem Umzug gehörte das RGM zu den beliebtesten Kölner Museen (2017 kamen 181.000 Besucher). Im Belgischen Haus verharren die Zahlen auf niedrigem Niveau: 2024 fanden rund 34.000 Menschen den Weg dorthin, 2025 waren es etwas mehr als 35.000.

Bauarbeiten am Zeughaus, der langjährigen Heimat des Stadtmuseums
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Ähnlich sieht es im Stadtmuseum aus. Schon im sanierungsbedürftigen Zeughaus platzte die Sammlung aus allen Nähten – und das aus guten Gründen. Im Mittelalter war Köln eine der wichtigsten Pilgerstätten des Christentums und aufgrund seiner zentralen geografischen Lage eine der bedeutendsten Handelsstädte in ganz Europa. Insgesamt besitzt das Stadtmuseum mehr als 300.000 historische Objekte, im Modehaus Sauer sind davon rund 530 zu sehen; eine Fläche für Sonderausstellungen gibt es nicht. 2025 zählte die Stadt 35.831 Besucher im Stadtmuseum. Im Eröffnungsjahr des Interims waren es immerhin noch 43.472 gewesen.
Angesichts dieser Zahlen versucht die Stadt, das Zeughaus wieder für Sonderausstellungen zu öffnen. Die Planungen dazu befänden sich derzeit in der Konzeptphase, heißt es aus dem Rathaus. „Grundlage ist ein Ansatz der schrittweisen, interimistischen Aktivierung des Standortes: einzelne, zeitlich begrenzte und mit der Gebäudewirtschaft abgestimmte Nutzungen unter Federführung des Kölnischen Stadtmuseums.“ Als erster Schritt ist demnach für 2027 eine Sonderausstellung zur Kölner Fotografin Elsbeth Gropp in der Alten Wache geplant, „sowie, gemeinsam mit der Internationalen Photoszene Köln, eine Nutzung von Erdgeschoss und Foyer des Zeughauses als temporäres Zentrum des Photoszene-Festivals von Mai bis Juni 2027“. Allerdings steht laut einer Stadtsprecherin das Brandschutzgutachten für den mehrwöchigen Ausstellungsbetrieb noch aus. Erst wenn die „erforderlichen Maßnahmen identifiziert“ seien, ließen sich die Kosten der Sanierung abschätzen.
Einige Maßnahmen wurden im Zeughaus laut Auskunft der Stadt bereits umgesetzt, darunter die Ertüchtigung der Stromversorgung durch Einbau einer neuen Trafoeinheit, die Ertüchtigung der Sanitäranlagen im Foyer sowie Ausbesserungen am Dach der Alten Wache. Anderes stehe noch aus, „insbesondere die Ertüchtigung des Brandschutzes, die Instandsetzung der elektroakustischen Anlage, Anstricharbeiten in Foyer und Alter Wache sowie der Einbau einer Rampenanlage im Übergang zwischen Zeughaus-Erdgeschoss und Foyer“. Offen sei unter anderem eine mögliche Erneuerung der Lichttechnik.
Im Zeughaus soll es zunächst einen Testlauf des Stadtmuseums geben
Die Fotografie-Ausstellung im Zeughaus bezeichnet die Stadtsprecherin als „Testlauf“. Sollte er gelingen, plant Matthias Hamann, Direktor des Stadtmuseums, für 2028 eine Sonderschau zum 100. Jubiläum der „Pressa“, der legendären Presse-Ausstellung in Köln aus dem Jahr 1928. „Die interimistische Nutzung dient dazu, das Zeughaus schrittweise wieder zu beleben, kulturelle Nutzungsmöglichkeiten zu erproben und den Standort im öffentlichen Bewusstsein zu verankern“, so die Stadtsprecherin. Allerdings verstünden sich die geplanten Ausstellungen „ausdrücklich als Übergangslösung und nicht als Vorwegnahme einer politischen Entscheidung über die langfristige Zukunft des Areals“. Eine Rückkehr des Stadtmuseums ins Zeughaus ist also weiterhin ungewiss.
Auch wenn Bewegung ins Zeughaus kommen sollte, dürfte dies die Besucherzahlen der Museen kaum in jene Sphären heben, die Stefan Charles, Kölns Kulturdezernent, von seiner musealen Perlenkette erwartet: zwei Millionen Besucher jährlich. Aktuell sieht die Wirklichkeit anders aus. Nach rund 740.000 Besuchern im Jahr 2024 zählte die Stadt 772.140 Besucher im vergangenen Jahr. Demnächst fallen aus dieser Statistik die Eintritte ins Wallraf-Richartz-Museum heraus: 2025 waren dies knapp 139.000 nach rund 149.000 im Jahr 2024. Wie sich die Schließung des Wallrafs auf die kulturtouristische Beliebtheit Kölns auswirkt, lässt sich laut Auskunft von Köln-Tourismus nicht seriös vorhersagen. Einen negativen Effekt der gesammelten Museumsschließungen auf die Gesamtbesucherzahlen sieht Köln-Tourismus bislang nicht.
Die Situation mit mehreren Sanierungsprojekten ist laut Köln-Tourismus zwar „eine Herausforderung“. Allerdings seien Städtereisen in der Regel von mehreren Motiven geprägt. „Die Museumslandschaft ist ein wichtiger Baustein des touristischen Angebots – aber eben einer von mehreren Gründen, die einen Köln-Aufenthalt attraktiv machen. Gerade das Zusammenspiel aus Kultur, Geschichte, Veranstaltungen, Gastronomie und dem besonderen Lebensgefühl, speziell in Köln, macht die Destination aus.“ Aus touristischer Sicht sei entscheidend, „dass die notwendigen Sanierungen vorankommen und die Häuser möglichst schnell wieder an ihren angestammten Standorten für Besucherinnen und Besucher zur Verfügung stehen“.
Sollte das Museum Ludwig nach 2030 wegen Sanierungsarbeiten geschlossen werden müssen, wäre der Knick in der Besucherstatistik allerdings wohl auch für Köln-Tourismus messbar. Seit Jahren steht das Ludwig an der Spitze der Besuchertabelle unter den Museen (das private Schokoladenmuseum läuft außer Konkurrenz) und zählte allein bei der im August geschlossenen Kusama-Ausstellung mehr als 480.000 Besucher. Allerdings ist dieser Spitzenwert eine statistische Anomalie: 2025 kamen 273.229 Besucher ins Ludwig, 2024 waren es rund 256.000.
So bleibt vorerst nur das Prinzip Hoffnung: darauf, dass die Stadt bei den anstehenden und laufenden Museumssanierungen ausnahmsweise mal alles richtig macht, dass das Museum Ludwig um ein Interim herumkommt und die schöne Idee der Via Culturalis eines Tages zur alltagstauglichen Wirklichkeit wird. Allerdings ist derzeit nicht absehbar, ob sich Köln, die Stadt der bürgerlichen Sammler, auf seine kulturelle Identität besinnt. (mit pb, gau, mhe, gro)
