Die Wurzeln des Archivs reichen bis 1976 zurück, als erste Akten in Brauweiler gelagert wurden.
InterviewWie das LVR-Archiv in Pulheim-Brauweiler Geschichte zugänglich macht

Dr. Carla Lessing und Dr. Gregor Patt sprechen im Interview über die Arbeit des LVR-Archivs.
Copyright: Maria Machnik
Das Archiv des Landschaftsverbands Rheinland in Brauweiler feiert sein 40-Jähriges. Wir sprachen mit Leiterin Dr. Carla Lessing und Dr. Gregor Patt, der kommissarischen Abteilungsleitung „Archiv des Landschaftsverbandes und Archivberatung“, über ihre Arbeit im Gedächtnis des Rheinlands.
Das Archiv des Landschaftsverbands Rheinland besteht seit 1986 und bewahrt schriftliche wie visuelle Zeugnisse des Verbandes. Welche Entwicklungen stechen heraus?
Carla Lessing: Die Wurzeln des Archivs reichen bis 1976 zurück, als erste Akten in Brauweiler gelagert wurden. 1986 entstand daraus das hauptamtlich besetzte Archiv des LVR. Wichtige Meilensteine sind der Umzug in ein eigenes Gebäude 1989 und schließlich der moderne Archivbau von 2004 zum besseren Schutz der historischen Unterlagen.
Eine Besonderheit besteht darin, dass wir Teil der für die Archivberatung im Rheinland zuständigen Dienststelle des LVR sind. Daraus ergeben sich viele Synergieeffekte, sowohl was die Zusammenarbeit mit den Restauratorinnen und Restauratoren des technischen Zentrums als auch den für Archivberatung zuständigen Kolleginnen und Kollegen betrifft. Inhaltlich prägten besonders die Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte und der NS-„Euthanasie“ die Arbeit des Archivs sowie die Begleitung der Gedenkstätte Brauweiler. Dadurch entwickelte sich das Archiv zu einem wichtigen Forschungs- und Bildungsort.
Pulheim: Digitalisierung spielt eine zentrale Rolle
Gregor Patt: Seit den 2000er-Jahren spielt zudem die Digitalisierung eine zentrale Rolle: Heute sichert das Archiv nicht nur Papierakten, sondern auch digitale Unterlagen. Kooperationen mit Schulen und Forschungseinrichtungen gehören inzwischen selbstverständlich dazu; ebenso ein intensives Engagement in den archivischen Netzwerken, die eine der Grundlagen der Archivberatung sind. Das Archiv übernimmt sowohl interne Aufgaben für den LVR als auch Dienstleistungen für die Öffentlichkeit.
Wie gelingt der Spagat zwischen Verwaltungsarbeit und öffentlicher Geschichtsvermittlung?
Lessing: Beides ergänzt sich gegenseitig. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Dienststellen kennt das Archiv die Arbeitsweise des LVR und weiß, welche Unterlagen wichtig sind. Dieses Wissen hilft wiederum dabei, Forschungsanfragen zu beantworten, Ausstellungen zu entwickeln oder Themen für Bildungsangebote auszuwählen.
Patt: Das Archiv bewahrt also nicht nur Akten, sondern macht Geschichte auch verständlich und zugänglich.
Ein zentraler Bestandteil Ihrer Arbeit ist die Bewertung und Auswahl von Unterlagen. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Dokumente dauerhaft archiviert werden und welche nicht?
Patt: Ein Archiv kann nicht alles aufbewahren. Ziel ist es, die Geschichte und das Handeln des LVR möglichst vollständig abzubilden. Deshalb werden vor allem Unterlagen mit historischer, politischer oder gesellschaftlicher Bedeutung übernommen – etwa wichtige Entscheidungen, Protokolle oder Dokumente zu besonderen Ereignissen. Meist werden weniger als zehn Prozent der angebotenen Unterlagen archiviert.
Das Archiv unterstützt Forschende und Bürgerinnen und Bürger bei der Recherche. Welche Themen oder Anfragen begegnen Ihnen dabei besonders häufig?
Lessing: Besonders häufig erreichen uns Anfragen von Familienforschenden und aus der Gedenkarbeit. Dabei geht es oft um Patientenakten, Unterlagen aus der Jugendhilfe oder Akten der früheren Arbeitsanstalten. Auch die Geschichte des Straßenbaus im Rheinland wird regelmäßig recherchiert, da dieser Bereich lange zum LVR gehörte. Weitere Schwerpunkte sind die LVR-Museen und Kultur.
Neben der klassischen Archivarbeit engagiert sich das Archiv auch in Ausstellungen, Vorträgen und archivpädagogischen Projekten. Welche Rolle spielt Vermittlungsarbeit heute für ein modernes Archiv?
Lessing: Sie ist heute ein zentraler Bestandteil der Archivarbeit. Archive bewahren nicht nur historische Quellen, sondern sollen sie auch für Menschen erlebbar machen. Unser Ziel ist es, wissenschaftliche Arbeit mit leicht zugänglichen Angeboten zu verbinden. Dazu gehören Vorträge, Schulprojekte, Führungen, Rallyes sowie digitale Formate. So entsteht ein direkter Bezug zwischen den Menschen, ihrer Geschichte und dem Archiv.
In der Schriftenreihe „Rheinprovinz“ veröffentlicht das Archiv wissenschaftliche Arbeiten auf Grundlage eigener Bestände. Welche Bedeutung hat es für Sie, dass Archive nicht nur bewahren, sondern auch aktiv zur Forschung beitragen?
Patt: Archive verfügen über einzigartige Quellen und das Fachwissen, diese einzuordnen. Deshalb leisten Archivarinnen und Archivare selbst wichtige Forschungsarbeit. Mit Projekten und Publikationen setzen wir neue Impulse für die Geschichtsforschung. Das ALVR ist dabei das Kompetenzzentrum für die Geschichte des LVR, während die Archivberatung das gesamte Rheinland im Blick hat. Durch den engen Austausch mit Forschenden, Schulen und Gedenkstätten schaffen wir starke Netzwerke. Das stärkt die Wissenschaft und bringt Geschichte mitten in die Gesellschaft.