Monika Keila hat Stephan Becker für die Wintermonate Obdach gewährt. Der gelernte Stahlbetonbauer ist seit Monaten ohne festen Wohnsitz.
„Einfach nur Menschlichkeit“77-jährige Rentnerin aus Wesseling nahm Obdachlosen bei sich auf

Auf dem Dachboden von Monika Keila konnte Stephan Becker überwintern.
Copyright: Monika Keila
Monika Keila (77) hat nicht gezögert. Als ihr im Dezember bei niedrigen Temperaturen im Wesselinger Rheinpark ein Mann auf einer Parkbank auffiel, war ihr sofort klar: „Der schläft draußen!“ Dieser Mann, Stephan Becker, hatte eine Isomatte nur notdürftig in seinem Rucksack verstaut, so dass die Rentnerin bei ihrem nächsten Spaziergang mit ihren beiden Hunden den Entschluss fasste, ihm ein Dach über dem Kopf anzubieten und ihn bei sich aufzunehmen.
„Meine Hunde waren sofort auf ihn zugerannt“, erinnert sie sich. Nach kurzem Austausch zog der 48-Jährige kurzerhand bei ihr auf den Dachboden in das Zimmer des Enkels. Sie wollte helfen. „Es war einfach nur Menschlichkeit“, sagt die Wesselingerin. „Ich habe da ein Gottvertrauen gehabt.“
Ich kam 2021 zur Flutkatastrophe ins Ahrtal, um zu helfen. Danach wollte ich im Rheinland bleiben, weil es mir hier gut gefällt
Der gelernte Stahlbetonbauer ist seit Monaten ohne festen Wohnsitz. „Ich kam 2021 zur Flutkatastrophe ins Ahrtal, um zu helfen. Danach wollte ich im Rheinland bleiben, weil es mir hier gut gefällt“, berichtet er. „Ich habe aber nicht gewusst, dass das so schwer wird.“ Jobs seien danach rar gewesen, und er habe mit einem kranken Bein zu kämpfen gehabt. „Ich wollte aber auch nie jemandem zur Last fallen“, erzählt er weiter – und fand sich auf der Straße wieder. Seit einem Jahr habe er keine feste Unterkunft mehr.
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Ein Mann, der von Monika Keilas Engagement erfährt, schreibt auf Facebook: „Ich kenne diesen Mann. Ich habe ihn sehr oft letzten Sommer unten am Rhein getroffen, wo er nach Pfandflaschen gesucht hat, um sich über Wasser zu halten.“ Und in Bezug auf die 77-Jährige: „Schön ist, dass es noch nette Menschen in Wesseling gibt!“
Wesseling: Hilfe bei der Wohnungssuche
Ein erster Versuch Beckers im vorigen Jahr, in einer Obdachlosenunterkunft in Wesseling zu bleiben, scheiterte. „Dort war es sehr schmutzig und schimmelig“, berichtet er. Nach drei Tagen habe er die Unterkunft wieder verlassen. Bei der Stadt Wesseling heißt es, die Missstände seien beseitigt. Aber in die Obdachlosenunterkunft wollte er dennoch nicht zurück. Da fühlte er sich unwohl und unsicher. Die Begegnung mit Monika Keila danach im Rheinpark machte ihm Hoffnung. Doch in Kürze kommt ihr Enkel zurück.
Inzwischen erhält Stephan Becker auch Unterstützung vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM). Und die öffentliche Suche nach einer Bleibe für ihn, die Monika Keila angestoßen hat, zeigt Wirkung. „Es gab Rückmeldungen, die helfen könnten“, erklärt sie. Dazu gehören ein Zimmer in Bonn oder eines in Wesseling, das eigentlich als Monteurunterkunft gedacht sei. Ab April sei es vielleicht für Stephan Becker möglich, hier zu bleiben. Noch ist das alles nicht sicher, aber auf ein glückliches Ende hoffen beide.
Rhein-Erft: Zahl wohnungsloser Menschen seit 2020 um 255 Prozent gestiegen
Zahlreiche Menschen im Rhein-Erft-Kreis teilen Beckers Schicksal. Die Zahlen, die der SKM im vorigen Jahr veröffentlicht hat, sind erschreckend: Seit 2020 ist die Anzahl wohnungsloser Menschen im Kreis um 255 Prozent von 1418 auf 3615 Personen gestiegen. Hiervon waren vor zwei Jahren 3365 Personen von den Kommunen in Notunterkünften untergebracht, 250 Menschen waren gänzlich ohne Wohnraum. Als obdachlos gilt, wer ordnungsbehördlich untergebracht ist – wer also in den Notunterkünften der Kommunen lebt.
„Der Verlust der Wohnung ist für die Betroffenen eine Katastrophe. Präventiv Wohnungsverluste zu vermeiden, ist daher erstes Mittel der Wahl. Falls es nicht möglich ist, schnell eine neue Wohnung zu beschaffen, braucht es ein strukturiertes Angebot im gesamten Rhein-Erft-Kreis“, sagt Dominik Schmitz, Abteilungsleiter der Wohnungsnotfallhilfe.
„Durch die hohen Wohnkosten haben Beschäftigte Probleme, eine bezahlbare Wohnung in der Nähe ihrer Arbeitsstelle zu finden“, betont der SKM.
Und weiter: „Das führt zu erhöhtem Verkehrsaufkommen, und Unternehmen haben Schwierigkeiten, Fachkräfte anzuwerben. Eine soziale Wohnungspolitik entlastet die Verkehrsinfrastruktur und ist Teil kommunaler Wirtschaftsförderung. Diese Zusammenhänge müssen bei kommunalen Investitionsentscheidungen mitgedacht werden. Ferner fällt es den Menschen schwer, ihrer Beschäftigung weiter nachzugehen, wenn sie sich durch Wohnungsverlust in prekären Wohnsituationen mit Mehrbettzimmern in Notunterkünften wiederfinden.“
Gesundheit
Die medizinische Versorgung von Menschen ohne Obdach war im Rhein-Erft-Kreis lange ein Problem. „Gut 95 Prozent der Menschen ohne festen Wohnsitz sind zwar in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert, trotzdem ist ein Arztbesuch für solche Menschen oft eine kaum zu überwindende Hemmschwelle“, berichtet Dominik Schmitz vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM). Oft seien es Schamgefühle, aber auch fehlende Informationen, die Menschen von einem Besuch einer Arztpraxis abhielten.
Beim SKM in Frechen wurde gerade dafür unlängst eine neue Stelle angesiedelt, die ein Projekt des Rhein-Erft-Kreises ermöglicht. Die Anlaufstelle soll einen leichteren Zugang zur medizinischen Versorgung eröffnen. Ulrike Rumbler-Mohr geht es darum, den erkrankten Obdachlosen beizustehen, ihnen zu helfen, etwa wenn sie Hilfsmittel brauchen oder aufgrund ihrer Gesamtverfassung dringend zum Arzt müssen: „Solche Menschen haben oft gar kein Bewusstsein dafür, dass sie schwer krank sein könnten und es ihnen schlecht geht.“ (mkl)

