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Anlaufstelle für politische GrößenDie Rückkehr des Bundesbüdchens

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Wiedereröffnung des Bundesbüdchens am Freitag.

  1. Jürgen Rausch bediente einst politische Größen wie Hans-Dietrich Genscher oder Guido Westerwelle.
  2. Nach 14 Jahren in Bornheim eröffnet der berühmte Kiosk nun wieder in Bonn.
  3. Das Büdchen hat eine lange Geschichte.

Bonn – Es steht ein kleines bisschen verloren da an der Ecke zwischen den großen Vereinten Nationen und dem langen Gebäude der Deutschen Welle – das kleine Bundesbüdchen. Der ovale Kiosk von Jürgen Rausch stand viele Jahre lang im Zentrum der Macht zwischen Kanzleramt, Bundesrat und Bundestag, als Bonn noch Regierungssitz war. Nach dem Regierungsumzug nach Berlin musste er für den geplanten Bau des World Conference Center Bonn (WCCB) weichen und stand 14 Jahre lang auf dem Hof der Spedition Baumann in Bornheim. Seitdem gab es jedes Jahr die Hoffnung auf eine Wiedereröffnung, doch sie verzögerte sich immer weiter. Jetzt endlich ist es so weit: Das Büdchen steht frisch saniert wieder in erster Reihe an der Heussallee/Platz der Vereinten Nationen. Am Freitag haben Jürgen Rausch und Peter Storsberg vom Förderverein historischer Verkaufspavillon, die NRW Stiftung und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz das Büdchen wieder eröffnet.

Das Büdchen hat eine lange Geschichte. Kurz nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 begann Jürgen Rauschs Mutter Christel damit, vor dem Bundestag in Bonn Obst aus ihrem Garten zu verkaufen, zunächst aus einer Karre, dann aus einem Bretterverschlag. Im Jahr 1957 wurde das „Bundesbüdchen“ als nierenförmiger Pavillon mit breitem Flachdach und beinahe Rundumverglasung gebaut. Jürgen Rausch übernahm das Büdchen 1984 von seiner Mutter. Bis zum Umzug von Regierung und Bundestag nach Berlin 1999 standen viele wichtige Politiker vor seinem Tresen. Helmut Kohl ließ seinen Chauffeur Käsebrötchen holen, Norbert Blüm kaufte Zeitungen und Gummibärchen, Hans-Dietrich Genscher aß gern Bockwurst, Guido Westerwelle mochte das Eis. „Alle trafen sich hier: Spitzenpolitiker, Hinterbänkler, Journalisten, Parlamentsboten. Eine klassenlose Gesellschaft der Würstchenesser und Kaffeetrinker“, fasst es die Homepage „Förderverein historischer Verkaufspavillon e.V“ zusammen. Rausch liebte seinen Job als Verkäufer und Beobachter der Mächtigen. Er interessierte sich dafür, wie die Menschen vor seinem Verkaufsfenster tickten, wie sie ihr Leben organisierten, Beruf und Familie unter einen Hut bekommen mussten, wie angespannt sie waren.

Jürgen Rausch in den 1970er-Jahren mit einem Kunden

Als er den Kiosk übernahm, wollte er eigentlich nur mal gucken, wie die Arbeit so ist. Es gefiel ihm so gut, dass er blieb. Alles lief bestens für ihn und den Kiosk. Doch dann fiel die Mauer und die Bundesregierung beschloss im Juli 1991 den Umzug nach Berlin. Acht Jahre später tagten die Bundestagsabgeordneten zum letzten Mal in Bonn und zogen im Juli 1999 in die neue Hauptstadt. Beinahe wäre Rausch mitgegangen. „Ich hatte schon die Zusage für einen Standort am Brandenburger Tor“, erzählt er. Aus familiären Gründen blieb er in Bonn und öffnete weiter jeden Tag seinen Kiosk. Nur war keiner mehr da, der bei ihm kaufen wollte.

Jürgen Rausch hat viele Jahre im Bundesbüdchen gearbeitet. Nun hat er es verpachtet.

Es begann eine schwierige Zeit, doch eine Lösung schien nahe zu sein: Im Zuge der Ausgleichsvereinbarungen aus dem Berlin/Bonn-Gesetz sollte auf dem Areal 2006 das World Conference Center (WCCB) entstehen. Auch ein großes Hotel wurde geplant. Der Bau hätte Rausch retten sollen, es wären wieder Menschen gekommen, die bei ihm Würstchen, Brötchen und Zeitungen gekauft hätten.

Christel Rausch vor dem Büdchen in den 1950er-Jahren

Der Kiosk wurde nach Bornheim gebracht und Rausch eröffnete einen Rundholzhaus-Imbiss neben dem ehemaligen Bundeskanzleramt. „Ich dachte, ich bleibe hier höchstens zwei Jahre. Jetzt sind 14 draus geworden“, erzählt er. Der WCCB-Investor entpuppte sich als Betrüger und meldete Insolvenz an. Rausch blieb mit seinem provisorischen Kiosk vor Ort und setzte sich mit dem „Förderverein historischer Verkaufspavillon“ für die Wiederbelebung des Büdchens ein. Endlich wird sein Durchhaltevermögen belohnt: Das Büdchen ist zurück in der ersten Reihe.

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Möglich gemacht haben das die NRW-Stiftung, Monika Grütters, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Stadt Bonn und der Handwerksbäcker Peter Mauel aus Meckenheim, der ab Montag das Büdchen als Pächter betreibt und außer Brötchen und Würstchen auch Zeitungen verkaufen wird. Rausch selbst will nicht mehr hinter dem Tresen stehen. „Ich habe das Büdchen in treue Hände gegeben und brauche nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Peter Mauel verbindet Neues mit Altem. „Ich gehe nur so weit nach vorne, wie es das Büdchen braucht, um einen guten Neustart zu bekommen“, sagt Rausch. Am Montag geht es los.

www.bundesbuedchen.de

www.nrw-stiftung.de