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Tanzverbot Frage des RespektsSuperintendentin Almut van Niekerk aus Rhein-Sieg über das Osterfest

6 min
Almut van Niekerk lächelt in die Kamera und hält einen Kasten mit Bibeln in der Hand.

Für Almut van Niekerk ist Ostern das komplexeste christliche Fest.

In den vergangenen Jahren scheint sich Ostern zu einer Art Weihnachten 2.0 zu entwickeln: viel Konsum, üppiges Essen und große Geschenke.

Über das höchste christliche Fest sprach Dieter Krantz mit Almut van Niekerk, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein.

Mit dem Slogan „Lohnt sich“ wirbt ein großer Discounter für sein Ostersortiment. Wann lohnt sich Ostern für uns?

Ostern ist für mich nicht mal ansatzweise ein Fest, das ich rational oder ökonomisch angehe. Ostern ist ein großes Geschenk für mich, da kalkuliere ich nicht, ob sich irgendetwas lohnt. Ich bin natürlich nicht weltfremd; es ist ein großes Fest, ich bekomme auch selber Besuch. Aber Ostern ist für mich als Theologin eine ganz andere Liga. Ein Fest, das das Alltägliche, das Einkaufen, das Rechnen völlig sprengt. Es ist eben ein Feiertag.

Es ist ja im Grunde nicht ein Feiertag, sondern mehrere. Es ist das längste und das höchste christliche Fest.

Und es ist das komplexeste Fest.

Erklären Sie uns das bitte …

Ostern ist ein Minizyklus, es beginnt mit dem Gründonnerstag, der das Schicksal hat, dass er am meisten Alltag ist. Einkaufstag und Leute-von-der-Bahn-Abholtag. Aber eigentlich ist der Gründonnerstag total wichtig. Viele Geschichten der Bibel sind mit dem Weg Jesu nach Jerusalem verbunden, weil das damals der wichtigste Ort war. Alle ahnen, was da passieren könnte. Und alle Befürchtungen werden wahr: Jesus wird von einer römischen Übermacht, die das Land besetzt und beherrscht, festgenommen.

Parallelen zur Gegenwart sind kein Zufall?

Die Herrschenden sagen, das ist ein Störenfried und den wollen wir weg haben. Das erinnert mich an ganz viele Ereignisse, die seitdem auch passiert sind; was es in unendlichen Varianten immer wieder gibt. Ich glaube, deswegen ist mir dieser Gründonnerstag so wichtig.

Was geschieht in den Kirchen an Gründonnerstag?

Viele Gottesdienste finden dann am Abend statt, weil es eben das letzte Abendmahl ist. Das letzte Mal zusammensitzen und diesen Moment so unfassbar schätzen, obwohl man weiß, was da alles noch kommen könnte. Es ist der Moment des Zusammenbleibens und des sich Aneinanderhaltens, das finde ich total bewegend. Egal, was morgen kommt, wir nehmen uns die Zeit, essen und bleiben zusammen.

Ich bin nicht naiv: Auch Jesus wusste, dass da einer der Verräter ist und ausplaudern wird, wo er zu finden ist. Wir finden nie diese Inseln der absoluten Glückseligkeit. Wir wissen, dass es nicht perfekt ist. Aber Zusammensein und ein Stückchen auch den Abschied auszuhalten, das gefällt mir am Gründonnerstag sehr gut.

Der Gründonnerstag hat nichts mit der Farbe zu tun …

Grün leitet sich her vom alten Wort „greinen“. Ich bin ein großer Anhänger davon, nach Beerdigungen zusammenzubleiben. Das wird ja sehr kritisch auch gesehen, aber ich finde es so trostlos, wenn alle vom Grab weggehen, jeder wieder in seine Bude und heult eine Runde ins Sofakissen. Dagegen das Zusammensein, das kann auch lustig sein. Bitte erzählt auch die schönen Geschichten über jemanden. Das ist für mich Gründonnerstag.

Dann kommt der Karfreitag.

Das ist der absolute Tiefpunkt, den auch jeder Mensch kennt, wenn er es zulässt. Es ist der Schmerz, jemanden loszulassen, der einem lieb ist. Oder die Wut, weil es ein sinnloser und grausamer Tod ist. Dafür finde ich auch sehr viele Beispiele in dieser Welt heute. Beispiele dafür, dass es mancherorts eine ungerechte Justiz gibt. Und dann stehen die Frauen unter dem Kreuz und müssen das mit ansehen. Das ist in jedem Kriegsszenario so: Die Frauen am Grab, die ihre Söhne begraben müssen. Das ist für mich mitten aus dem Leben.

Ein Gespräch über Karfreitag kommt nicht um die Frage nach dem Tanzverbot herum.

Wenn etwas über Karfreitag berichtet wird, dann ist es dieses Tanzverbot und die Proteste dagegen. Für mich ist es eine Frage des Respekts: Ich respektiere andere Religionen, respektiere Atheismus. Und so sollten auch andere respektieren, dass Karfreitag für Christenmenschen ein wichtiger Tag ist. Ein Tag, an dem sie sich Zeit nehmen können, um über den Tod nachzudenken und Schmerz zu fühlen.

Ist das noch zeitgemäß?

Ich finde es zumutbar. Den einen Tag kriegt Ihr hin. Ich finde auch zumutbar, dass man am Sonntag nicht einkaufen kann, außer an der Tankstelle. Das muss eine Gesellschaft aushalten, dass es unterschiedliche Traditionen gibt. Ich würde das Tanzverbot nicht so hoch hängen.

Zumal man am Samstag ja wieder einkaufen kann.

Am Tag der Grabruhe Jesu sind die Supermärkte voll. Der Samstag ist der Tag der Ungewissheit, dem kann ich auch etwas abgewinnen. Etwas aushalten, durchhalten, ist auch etwas. Wie viele Menschen warten, auf Ergebnisse, auf Diagnosen. Daran denke ich immer an Karsamstag: Nicht wissen, wo es langgeht. Mein ganzes Herz gilt denen, die auf Heilung warten, auf Gesundung. Deshalb kann ich gut und gerne auch am Samstag in diesem Festzyklus bleiben. Das erwarte ich aber von niemand anderem.

Und dann kommt der Ostersonntag.

Der Ostersonntag ist das Fest, das morgens früh im Dunkeln beginnt und dann mit dem Kerzenschein in der dunklen Kirche. Ein Gänsehautmoment, wenn der Kantor singt „Er ist erstanden“, das feiere ich gerne mit. In manchen Gemeinden gibt es ein Osterfeuer, mir reicht eine Kerze. Aber die Symbolik ist super. Und dann ist es einfach ein Fest, das total froh und fröhlich ist. Ein ehemaliger Vikar hat einmal gesagt „Ostern ist der Abschied vom Tod“. Der Abschied von der absoluten Dominanz des Todes.

Das ist ein großes Versprechen, soll uns hoffen lassen. Was gibt Ihnen Hoffnung in diesen wenig hoffnungsfrohen Zeiten?

Was mir Hoffnung gibt, ist, dass ich merke, dass es doch immer wieder viele Möglichkeiten der Verständigung gibt zwischen Menschen. Manchmal denkt man, es fällt alles auseinander und alle schreien sich entweder nur noch an oder demonstrieren oder ghosten sich. Das ist ein Zustand, den ich schwierig finde, in der politischen Bewertung von Ereignissen, in Familien, die nicht mehr miteinander reden.

Es gibt mir Hoffnung, wenn es gelingt, Verständigung herzustellen. Es gibt auch die Aktion „Verständigungsorte“, weil Menschen sagen, es kann doch nicht sein, dass wir nicht einmal mehr Gelegenheit haben, um uns auszutauschen. Das ist eine Aktion, die sich sehr schön finde.

Und wie stecken Sie andere an mit Ihrer Hoffnung?

Kirche sollte Hoffnung im Alltag geben, eine Perspektive aufzeigen, trösten für die Seele. Und das Leben auch leichter machen. Das ist immer unsere Aufgabe. An Ostern schauen wir über den Alltag hinweg und wie wir den sinnvoll und gut gestalten, hin zu der Frage: „Es wird diesen Tod für uns alle irgendwann geben“, und was bedeutet das für mich als Christenmensch?

Aber: Der Tod ist nicht der Schlusspunkt, davon bin ich fest überzeugt und mir persönlich gibt das auch Hoffnung. Irgendwie geht das Ganze weiter. Warum sollte da nicht noch was kommen? Das ist nicht eine Ermutigung für jeden Tag, aber eine Perspektive über den Tod hinaus.

Kommt dann das bessere Leben?

Es gibt bei mir keine Verklärung von Tod im Sinne von „da kommt schon noch irgendwas hinterher“, sondern ich finde, wir sollen dieses Leben bis zum Letzten auskosten und genießen auch.

Aber wenn es dann zu Ende ist, würde ich sagen, sterbe ich wahrscheinlich getrost. Und ich bin gespannt, was dann da noch kommt. Daher stimmt für mich auch der Satz in einem ganz weiten Sinn: Ostern lohnt sich.