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Jürgen Klopp im Interview„Mit Glamour hat das rein gar nix zu tun“

8 min
Klopp Jürgen dpa

Jürgen Klopp

  1. Jürgen Klopp gilt als einer der besten Fußballtrainer der Welt.
  2. Seit 2015 steht er beim FC Liverpool unter Vertrag, den er zur englischen Meisterschaft führte.
  3. Der Star-Trainer über seinen Start als mittelmäßiger Fußballer, das Leben mit dem Ruhm und seine Zukunftspläne.

Sind Sie ein glücklicher Mensch, Herr Klopp?

Ja, und zwar so was von! Ich habe vor 20 Jahren meine Ulla, die Frau meines Lebens, gefunden. Das war der schönste Moment in meinem Leben. Wir haben eine wunderbare Familie, herrliche Freunde. Dass ich einen anspruchsvollen, zeitaufwendigen, verantwortungsvollen, aber auch extrem erfüllenden Job habe, können Sie sich wahrscheinlich vorstellen.

Gewiss. Können Sie im Urlaub loslassen und ohne Fußball leben?

Es ist jedes Jahr im Sommer dasselbe und hat etwas von einem Marathonlauf. Ich falle mit einem Ganzkörperkrampf ins Ziel, Ulla fängt mich auf, und dann haben wir eine richtig gute, chillige Zeit. Im Urlaub bin ich Vater, Ehemann, Freund. Ich lasse das Handy nicht in Liverpool liegen, aber es wird im Urlaub nur bei wichtigen Dingen genutzt.

Jürgen Klopp

Jürgen Norbert Klopp ist Schwabe mit – eigenem Bekunden nach – begrenztem Talent fürs Fußballspielen. Im kleinen Ergenzingen kickte „Kloppo“, geboren 1967 in Stuttgart, aber schon als Schüler. Während des Sportstudiums in Frankfurt spielte er beim Oberligisten Rot-Weiss Frankfurt. In der Aufstiegsrunde scheiterten die Hessen 1990 an Mainz 05 – und eine Ausnahmekarriere nahm ihren Anfang.

Mainz verpflichtete Klopp. Bis 2001 bestritt der junge Fußballprofi 325 Zweitligaspiele, schloss sein Studium ab und machte seine A-Lizenz als Trainer. 2001 sprang er als Notfalltrainer der Profimannschaft ein – so erfolgreich, dass er 2004 als Cheftrainer mit Mainz 05 in die Bundesliga aufstieg.

Einen fulminanten Start hatte Klopp auch bei seinem nächsten Arbeitgeber. Ab 2008 machte er Borussia Dortmund wieder zu einem Spitzenverein. Seit 2015 nun ist Klopp beim britischen FC Liverpool – den er ebenfalls zurück zu alter Stärke führte.

Klopp ist evangelischer Christ, engagierte sich im Jubiläumsjahr 2017 als Reformationsbotschafter. Zudem setzt er sich gegen Rassismus ein und spendet regelmäßig über die Gruppe Common Goal ein Prozent seines Einkommens für soziale Projekte. Aus seiner ersten Ehe stammt der 1988 geborene Sohn Marc. Auch seine zweite Frau Ulla brachte 2005 einen Sohn mit in die Ehe.

Sie sind der beliebteste, bekannteste und erfolgreichste Trainer der Welt. Wie fühlt sich das an?

Sie sollten unbedingt sparsamer mit Superlativen umgehen. Es ist noch gar nicht lange her, da hieß es, dass Klopp kein Finale und in diesem Leben ganz bestimmt nicht die Premier League gewinnen kann. Jetzt wird das Ganze anders diskutiert und wahrgenommen. Es geht den Menschen wie den Leuten: Man ist natürlich lieber beliebt als unbeliebt. Lieber schlank als dick. Und gewinnen ist auch schöner als verlieren.

Sie haben Pep Guardiola als besten Trainer des Universums bezeichnet. Liefen Sie selbst bei Ihrem Votum außer Konkurrenz?

Ich halte ihn für den Besten. Peps Mannschaften spielen Peps Fußball, man sieht und sah immer eine unverwechselbare Handschrift.

Wie innig ist Ihr Kontakt zu ihm?

Am Spielfeldrand erzählt man sich keine Schwänke aus der Jugend. Während Pep mit 19 schon in der Primera División kickte, war ich der irrigen Annahme, ein Probetraining bei der Bundesliga-Mannschaft von Eintracht Frankfurt in Händen zu halten. Beim Training war dann weit und breit kein Charly Körbel oder Tony Yeboah zu sehen. Ich war bei den Amateuren der Eintracht gelandet, unterschrieb für 835 Mark Grundgehalt. In Mainz habe ich mich ab 1990 explosionsartig verbessert. 4000 Mark brutto. 2000 pro Sieg. Leider haben wir eher selten gewonnen. Diese Geschichten hätte ich Pep bei unserer gemeinsamen Aufnahme in die englische Hall of Fame 2019 erzählen können. Pep hat mir seine Familie vorgestellt, ich ihm meine Ulla. Ein schöner und lustiger Abend.

Viele halten Sie für den Allerbesten überhaupt.

Ich bin jetzt ein besserer Trainer als vor zehn Jahren, das Gesamtpaket Klopp ist stimmiger, vielschichtiger. Es ist in meinem Job in England essenziell, in allen Bereichen möglichst die Besten und Motiviertesten zu finden und für sich zu gewinnen. Das ist die hohe Kunst und größte Herausforderung. Spieler, Trainer, Physios, Masseure, Ärzte, Videoanalysten, in der Ernährungsberatung, Kommunikation – überall. Wir sind beim FC Liverpool sensationell aufgestellt. Ich vertraue meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu 100 Prozent, der LFC ist weit entfernt von einer One-Man-Show.

Trügt der Eindruck, oder sind Sie tatsächlich ruhiger geworden am Spielfeldrand?

Ich bin immer noch mit allem, was ich habe, dabei, bin auch immer noch ein Gerechtigkeitsfanatiker, lege mich aber nicht mehr mit Gott und der Welt an. Es bringt nichts, kostet Kraft und sieht im Fernsehen furchtbar aus. Ich war manchmal selbst erschrocken, wie ich aus der Wäsche fuhr und guckte. Ich konnte das früher nicht kontrollieren. Jetzt kann ich es.

Sie haben 2019 die Champions League und die Klub-WM gewonnen und 2020 als erster deutscher Trainer den Titel in England, am Wochenende sind Sie zum Trainer des Jahres der englischen Premier League gekürt worden.

Jetzt fragen Sie bitte nicht, was da noch kommen soll.

Was soll da noch kommen?

Jede Menge. Wir verteidigen keine Titel, wir wollen neue holen, haben gerade erst angefangen mit dem Gewinnen.

Hinter dem holländischen Abwehrstar Virgil van Dijk war 2017 die halbe Welt her. Er wollte aber nur zu Ihnen.

Das war so, ja.

Weil Sie ein Spielerfreund und Spielerversteher sind?

Ich mag, respektiere und schütze meine Spieler. Wir haben eine gute Atmosphäre, ein gutes Miteinander. Das heißt nicht, dass wir uns jeden Tag in den Armen liegen und uns ewige Liebe schwören.

Liverpool musste 30 Jahre auf die Meisterschaft warten. Sie haben nach dem Titelgewinn geweint.

Der Klub und seine Fans haben viel durchgemacht, sind immer eine Einheit geblieben. Für die Meisterschaft hätten viele ihr Leben gegeben, also im übertragenen Sinn. Und in dem Moment, als wir es geschafft hatten, wurde mir erst bewusst, wie groß und bedeutsam es für alle „Reds“ ist. Dann fließen schon mal Tränen.

Mainz, Dortmund, Liverpool. Diese Klubs scheinen wie für Sie gemacht.

Ja, drei wunderbar fußballverrückte Vereine. Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und ich hatte das Glück, meine ersten zwei, drei Spiele als Interims-trainer bei Mainz erfolgreich zu gestalten. Wenn die in die Hose gegangen wären, wäre die Trainerkarriere wahrscheinlich schon vorbei gewesen.

Wann reifte in Ihnen der Gedanke, Trainer zu werden?

Sehr früh, so mit 25. Ich war als limitierter Zweitligafußballer unterwegs. Von der Einstellung her war ich erste Liga, vom Talent her vierte. Heraus kam die zweite. Ich war ganz gut darin, ein Spiel zu lesen, und hatte schon auch sensationelle Ideen, was ich gleich Fantastisches mit dem Ball anstellen werde. Aber der Weg vom Kopf zu den Beinen war bei mir nicht nur metertechnisch ein weiter.

Was würde der Trainer Klopp dem Spieler Klopp empfehlen?

Such dir einen richtigen Beruf, Kloppo! Mit Fußball wirst du weder reich noch berühmt.

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Liverpool war schon im Winter fast Meister. Hatten Sie irgendwann Angst, dass Ihnen Covid-19 den Titel wegschnappen könnte?

Der Fußball ist für mich extrem wichtig, aber eben auch nicht alles. Meine Gedanken kreisten nicht um unseren Titel, sondern um Corona, um die vielen Toten und Kranken. Um die Menschen, die rund um die Uhr in Krankenhäusern schuften. Um Menschen, die um ihre Existenz fürchteten oder sie verloren haben. Um die Menschen, die nicht aus ihren beengten Wohnungen durften. Und wenn auch nur ein Corona-Test der Premier League auf Kosten der Allgemeinheit gegangen wäre, wäre ich der Erste gewesen, der gesagt hätte: Sorry, Leute, Fußball ist jetzt nicht wichtig, schließt die Stadien ab.

Vermögensberatung, Bier, Autos: Sie sind auch ein Werbestar. Gurken Sie wirklich im Opel durch Liverpool?

Was heißt hier gurken? Ich gleite dahin. Ich habe meinen Vertrag gerade um vier Jahre verlängert.

Wie hat man sich einen Tag im Leben des Jürgen Klopp vorzustellen?

Mit Glamour hat das rein gar nix zu tun. Ich stehe um sieben auf, gehe mit unserem Hund raus. Dem ist es übrigens ziemlich egal, ob das Herrchen bekannt, am Abend vorher gegen Atletico ausgeschieden, schlecht drauf oder müde ist. Der will raus. Ulla und ich lieben Hunde. Die sind immer freundlich, leben im Hier und Jetzt. Nach dem Frühstück fahre ich zum Trainingsgelände und bin abends gegen 20 Uhr wieder daheim. Das Abendbrot bringe ich entweder aus unserer Klubküche mit oder Ulla kocht.

Haben Sie schon mal einen Liverpooler Pub von innen gesehen?

Das ist nicht mehr möglich, ich würde jede Veranstaltung crashen. Ich habe mich damit abgefunden, für Ulla tut es mir leid. Sie ist gern unterwegs und unter Menschen. Mit ihrem Ehemann ist das nicht mehr ohne Weiteres möglich. Wir können nicht ins Kino, danach Sushi essen oder ein Pint trinken gehen. Im Urlaub müssen wir genau darauf achten, was wo möglich ist. Die Maskenpflicht kommt uns dabei ab und zu entgegen. Wobei man mich in Mainz auch mal im kompletten Weihnachtsmannkostüm erkannt hat – an meinem Gang.

Wie bekommen Sie den Kopf frei?

Ich spiele ab und zu online Skat.

Ihr Vertrag in Liverpool läuft noch bis 2024. Werden Sie danach Bundestrainer?

Ich werde ein Jahr pausieren und mich danach fragen, ob ich den Fußball vermisse. Wenn ich das verneine, dann war es das mit dem Trainer Jürgen Klopp. Wenn ich eines Tages nicht mehr Trainer bin, werde ich eines nicht vermissen: die brutale Anspannung unmittelbar vor dem Spiel. Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.