- Eine wie zufällig wirkende Berührung im Gedränge oder auch ein dreistes Grapschen – immer mehr Frauen berichten von sexuellen Belästigungen in Fußballstadien.
- Viele Vereine wollen mit Schutzkonzepten dagegen vorgehen.
Berlin/Köln – Seit mehr als zehn Jahren geht Sarah Brinkmann ins Stadion, der VfB Stuttgart ist ihre Leidenschaft. Seit sie 17 ist, hat sie eine Dauerkarte. Sie hat ihren Freund im Stadion kennengelernt, spricht im VfB-Podcast „Brustringtalk“. Und obwohl sich viel in Sarah Brinkmanns Leben um den VfB dreht, obwohl sie nahezu jedes Wochenende im Stadion ist, ist das nicht immer ein Spaß. Das liegt nicht an Niederlagen oder daran, dass das Team manchmal schlecht spielt, sondern am Verhalten anderer Fans – es liegt an Männern in der Fankurve, am Bierstand, im Zug.Männer, die die Enge des Stadions, die Unübersichtlichkeit des Moments, die Anonymität der Menge nutzen, um Frauen sexuell zu belästigen. Frauen wie Sarah Brinkmann. Im Mai 2022, nach dem letzten Spieltag der 2. Bundesliga, sorgte ein Fall für öffentliches Aufsehen. FC-Nürnberg-Fan Cosima Luisa Müller twitterte über sexuelle Übergriffe, als ein Mann sie am Po und im Schritt berührte und ihr unter das Trikot fasste.
Zwei in der Nähe stehende Männer eilten ihr zur Hilfe, ein Mitarbeiter des FCN animierte Cosima per Handy, ein Foto von dem Täter zu machen. Der Mann wurde angezeigt. Mehrere Tausend Reaktionen gab es auf den Tweet, der FCN veröffentlichte ein Interview mit der 20-Jährigen auf seiner Website, um für das Thema sexualisierte Gewalt zu sensibilisieren.
Sarah Brinkmann hat Ähnliches erlebt. Schon 2020 twitterte sie über ein Erlebnis auf St. Pauli. Sie habe nicht schnell genug reagieren können, als ein Mann ihr unters Shirt fasste, sie sei zu geschockt gewesen, habe danach geweint. Auf den Tweet meldeten sich zahlreiche Frauen, sagt sie, die Ähnliches erlebt haben, vor allem Frauen, die wie sie Fan des VfB Stuttgart sind. „Mich hat schockiert, dass quasi jede Frau berichtet hat, dass sie das schon erlebt hat. Viele sagten, sie denken gar nicht mehr darüber nach, sie reflektieren es gar nicht mehr, weil es so normal ist.“
Während sich Frauen meldeten, für die sexuelle Übergriffe im und rund ums Stadion alltäglich sind, hatten viele Männer noch nichts davon mitbekommen. „Da meldeten sich aufgeklärte, generell interessierte Männer, und sagten: „Hä? Echt? So was passiert?„“ Ein Freund sagte, sie solle sich beim nächsten Mal bei ihm melden, er würde dann eingreifen – er stand ihr direkt gegenüber. Er bekam nichts mit. Es ging zu schnell.
Abbild der Gesellschaft
Dem VfB Stuttgart sind, wie vielen anderen Erstligisten, die das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gefragt hat, „vereinzelt Fälle von Belästigung bekannt“. Bisher konnten sich Betroffene beim Sicherheitsdienst oder der Fanbetreuung melden. Ab dieser Saison soll es ein erweitertes Schutzkonzept geben, Expertinnen und Experten sowie Organisationen sollen bei der Planung eingebunden werden.
Der Fußball ist, was sexualisierte Gewalt angeht, ein Abbild der Gesellschaft. Was auf Konzerten, Bahnhöfen und überall da, wo Gedränge ist, passiert, passiert auch im Stadion – von homophoben Äußerungen über rassistische Beleidigungen bis zu sexuellen Übergriffen. „Beim Fußball kommt zur Menschenmenge noch Alkoholkonsum hinzu, da werden Hemmungen abgelegt“, sagt Sarah Brinkmann.
Viele Vereine haben Konzepte
Panama und Dortmund – das liegt gar nicht so weit auseinander. Panama heißt das Awareness-Konzept, das der BVB zur vergangenen Saison eingeführt hat. Es gibt geschultes Personal im Stadion, einen Schutzraum, wo Menschen, die Rassismus, Sexismus, Homophobie oder anderen Angriffen ausgesetzt sind, eine psychologische Notfallversorgung bekommen oder einfach nur einen Rückzugsort vorfinden. Es liegen Flyer aus für Beratungsstellen, damit auch die weiterführende Hilfe sichergestellt ist.
Viele Bundesligisten haben solche Konzepte. Beim SV Werder Bremen heißt es Mika. Wie in Dortmund hängen dort seit dem vergangenen Jahr Plakate, es gibt Telefonnummern, ein geschultes ehrenamtliches Team, das im Stadion im Einsatz ist. Borussia Mönchengladbach bietet bei Übergriffen die Räume des sozialpädagogischen Fanprojekts als Rückzugsort. Der FC Augsburg hat vor einigen Wochen das Projekt „Erstanlaufstelle Wellenbrecher“ gestartet. Schalke 04 hat unter dem Namen #StehtAuf bereits 2019 eine Anlaufstelle mit psychologischen Hilfsangeboten geschaffen.
In der neuen Saison, die heute Abend beginnt, ziehen weitere Klubs nach: Hertha BSC wird einen Rückzugsraum mit psychosozialer Notfallversorgung anbieten, der VfB Stuttgart, Bayer 04 Leverkusen und der VfL Wolfsburg arbeiten an „Safe Space“-Konzepten. Der SC Freiburg hat das Thema auf der Agenda und steht im Austausch mit Beratungsstellen, Fanprojekten und anderen Vereinen, um Expertisen zu bündeln und ein Schutzkonzept zu entwickeln – wann dieses umgesetzt wird, ist noch unklar.
Schutzkonzepte scheitern aktuell aber vielerorts an der Realität. Obwohl in der vergangenen Saison wegen Corona deutlich weniger Fans ins Stadion durften, haben sich in Dortmund neun Menschen Hilfe suchend an das Personal gewandt, darunter eine Frau wegen eines sexuellen Übergriffs. Werder Bremen verzeichnet weniger als fünf gemeldete Fälle über Mika. Insgesamt haben die Vereine wenige gemeldete Vorfälle, die sie auswerten können.
Beim TSG Hoffenheim und bei Borussia Mönchengladbach sind je vier Fälle sexualisierter Gewalt bekannt, dem VfL Wolfsburg zwei, Mainz 05 einer, bei anderen Vereinen liegt offiziell gar nichts vor. Bayern München gibt an, nur über Dritte von sexuellen Übergriffen erfahren zu haben. Der FC Augsburg sagt, man wisse „in geringem Umfang“ von Fällen, in denen Frauen begrapscht wurden. Hertha BSC spricht von „wenigen konkreten Fällen“. Aber: „Wir sind jedoch davon überzeugt, dass dies nicht daran liegt, dass es diese Fälle nicht häufiger gibt, sondern es bisher nicht das entsprechende Hilfe- und Schutzangebot gab“, sagt Hertha-Sprecher Marcus Jung. Auf eine RND-Anfrage reagierten unter den 18 Erstligisten nur Eintracht Frankfurt, der FC Köln und Union Berlin gar nicht.
Fans engagieren sich, aber Wirkung bleibt bisher aus
Obwohl vielerorts, wie in Dortmund und Berlin, Fans an den Konzepten mitwirken, bleibt die erhoffte Wirkung bisher aus. Für VfB-Fan Sarah Brinkmann ist das nicht verwunderlich. Meist sind es nicht drastische sexuelle Übergriffe, sondern vielmehr vermeintlich kleine – solche, die Frauen im ersten Moment als unangenehm empfinden, aber noch nicht direkt als sexuellen Übergriff wahrnehmen.
„Wir sprechen von der Art von sexuellen Übergriffen, die man in einer öffentlichen Menge gut ausüben kann, ohne dass es jemand mitkriegt. Man steht in der Kurve, alle halten sich aneinander fest, und dann gibt es da diese vermeintlich zufälligen Berührungen. Aber als Frau spürt man den Unterschied“, sagt die 23-Jährige. Wenn sexuelle Übergriffe in der Menge passieren, lassen sich Täter nur schwer zuordnen. „Deshalb wird auch oft nichts gesagt, nicht nur im Kontext Fußball“, sagt Brinkmann. „Frauen glauben, dass sie nicht ernst genommen werden, oder haben diese Erfahrung bereits gemacht.“ Zudem können Frauen nur selten beweisen, dass sie Opfer wurden. „Selbst wenn der Typ identifiziert werden kann, kann er sich herausreden, dass es eng war und die Berührung nicht absichtlich.“
Sarah Brinkmann hat sich intensiv mit der Frage befasst, wie die Kurve für Frauen sicherer werden kann. Doch eine wirkliche Lösung sieht sie noch nicht. Ernst nehmen und melden – das wären die ersten Schritte.
Auch den Vereinen ist das Problem bewusst. Man setzt deshalb auf mehr Öffentlichkeit, Frauen wie Männer sollen sensibilisiert werden. Der BVB will mit Panama „eine Achtsamkeitskultur“ schaffen, wie Amelie Gorden aus der Antidiskriminierungsarbeit der Fanbetreuung des BVB sagt. „Täterinnen und Täter sollen sich nicht wohlfühlen in der Kurve.“
Man hofft, so ihre Kollegin Nicole Möller, dass über das Projekt eine Art Selbstregulierung in der Kurve passiert. „Panama wird auch auf großen Festivals genutzt. Dort sieht man bereits, dass auch Besucherinnen und Besucher sofort eingreifen, wenn es Vorfälle gibt.“
Öffentlichkeit schafft Wandel
In eine ähnliche Richtung denken Augsburg und Werder. Zur neuen Saison sind Veranstaltungen und Aufklärungskampagnen geplant. Bei Werder richtet sich diese nicht nur an Frauen, um sie zu ermutigen, Übergriffe zu melden, sondern auch an potenzielle Täter, um „sie auf die Folgen ihres Handelns hinzuweisen“. Auch Unbeteiligte sollen eingebunden werden, „um Zivilcourage zu zeigen und auf beobachtete Übergriffe zu reagieren“, sagt Sprecher Yannik Cischinsky. In Mönchengladbach hofft man auf Solidarität unter den Fans, vor allem, wenn sich Frauen nach Übergriffen nicht offiziell melden wollen: „Selbstregulierung in der Kurve wird von vielen Fankreisen weiterhin als hohes Gut verstanden“, sagt Sprecherin Kristina Rost.
Auf Schalke gab es jüngst eine Ausstellung unter dem Titel „Fan.tastic Females“, in der weibliche Fans über Fußball und den Verein sprachen. Auch Sexismus wurde thematisiert, Frauen berichteten von sexualisierter Gewalt im Stadion.
Durch die Öffentlichkeit könnte sich etwas bewegen, hofft Sarah Brinkmann. „Die Konzepte sind wichtig und gut gemeint. Aber wir müssen an den Punkt kommen, wo Frauen sagen: „Es ist gerade etwas passiert und auch, wenn es mir nicht so groß vorkommt, melde ich es.“
