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FC-Kolumne Dauerkarte
Sessionseröffnung in Bochum – 1. FC Köln will Platz 18 verlassen

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Steffen Baumgart erlebt emotionale Tage mit dem 1. FC Köln.

Steffen Baumgart erlebt emotionale Tage mit dem 1. FC Köln.

Zur Sessionseröffnung reist der 1. FC Köln nach Bochum – als Tabellenletzter, das soll sich ändern.

Es wird dann wohl Zeit, könnte man vor dem elften Spieltag der Saison sagen, der in diesem Jahr originellerweise auf den Elften im Elften fällt: Zeit für den ersten Auswärtssieg der Saison und dafür, die Abstiegsränge zu verlassen. Im Heimspiel am vergangenen Samstag gegen Augsburg (1:1) war bereits die verschärfte Dramatik des Abstiegskampfes zu spüren. Angesichts der zahlreichen vergebenen Torchancen verzweifelten die Menschen an ihrem FC und die FC-Profis an sich. Es schien, als lasse die Mannschaft die Gelegenheit liegen, einen entscheidenden Schritt zum Besseren zu tun.

Und weil Köln Chance um Chance liegen ließ und gleichzeitig dem Gegner ständig freie Schüsse gewährte, mischten sich noch ganz andere Gedanken in diesen Herbstnachmittag: Was, wenn der FC nach 1:0-Führung nicht nur nicht gewinnen, sondern im eigenen Stadion gar verlieren würde? Es wäre womöglich ein Wirkungstreffer gewesen, denn die Mannschaft wirkt mittlerweile auch fragil, das zeigte sich beim 0:6 im Leipzig, als jeder Mut verschwand. Der jüngste Sturz auf Rang 18 dürfte einen zusätzlichen Effekt gehabt haben.

Die fußballerischen Mängel bleiben an beiden Enden des Spiels 

Naturgemäß wird Steffen Baumgart im Trainingsalltag eher selten auf die Tabelle schauen. Es ist die Aufgabe des Trainers, seine Mannschaft siegfähig zu machen und an Inhalten zu arbeiten, die im Wettkampf eine verbesserte Chance auf Erfolge versprechen. Gegen Augsburg war die Entwicklung aus dem Training auch auf dem ramponierten Rasen im Rhein-Energie-Stadion zu sehen. Energetisch war der FC absolut wettbewerbsfähig und hätte einen Sieg verdient gehabt. Doch fußballerisch bleiben große Mängel, vorn wie hinten.

In 20 Spielen nacheinander ist es Köln nicht gelungen, ohne Gegentreffer zu bleiben. Und weil die Mannschaft sagenhaft harmlos im Angriff ist, sind Siege schwierig: Wer immer kassiert, muss mindestens zweimal treffen, um drei Punkte zu holen. Angesichts von nur acht Toren aus zehn Spielen muss man nicht Mathematik studiert haben, um die Schieflage zu erkennen.

Siege sind wichtig, nicht nur für den Tabellenstand. Sie stärken das Vertrauen ins System und geben Bestätigung. Außerdem sind Fußballprofis Wettkampfsportler, die spielen, um zu gewinnen. Erfolge auf dem Trainingsplatz und eine insgesamt zuversichtliche Stimmung deuten zwar darauf hin, dass die Mannschaft nach wie vor funktioniert. Doch wird das nicht ewig weitergehen, sollten die Erfolge ausbleiben.

Das Spiel in Bochum am Samstagabend bedeutet für den FC damit die nächste Stufe im Abstiegskampf. Auch nach der Partie werden noch mehr als 60 Punkte zu vergeben sein. Allerdings würde ich mich nicht darauf festlegen, dass noch keine Mannschaft nach dem elften Spieltag abgestiegen ist. Der 1. FC Köln in der Saison 2017/18 hat das zum Beispiel souverän geschafft. Damals stand Köln allerdings nach einem 0:3 daheim gegen Hoffenheim mit nur zwei Punkten und wirklich wahnsinnigen 4:22 Toren auf dem letzten Platz, schon acht Punkte hinter Rang 15.

Die Lage am Geißbockheim ist ruhiger als im Chaosjahr 2017

Dagegen ist die Lage am Geißbockheim derzeit glatt komfortabel, zumal die handelnden Personen eine Mischung aus Ruhe und Wachsamkeit gefunden haben, die hoffen lässt. Auch davon konnte im Herbst 2017 keine Rede sein, als Trainer und Geschäftsführer einen rätselhaft stillen Streit austrugen und der Vorstand die Zeichen zwar erkannte, jedoch in der Atemlosigkeit einer Europa-League-Saison den Zeitpunkt zum Handeln verpasste.

Der aktuelle Vorstand meldete sich am Donnerstagabend per Mail bei den FC-Mitgliedern. „Die Situation mit fünf Punkten nach zehn Spielen und Tabellenplatz 18 liegt deutlich unterhalb aller Erwartungen und auch unterhalb der Möglichkeiten, über die unser Kader eigentlich verfügt“, war da zu lesen. In Krisenzeiten ergeht der klassische Ruf nach starker Führung, nach Sichtbarkeit auf der Kommandobrücke. Das aktuelle FC-Präsidium hat sich allerdings darauf festgelegt, die Macht im Klub zu delegieren.

Vorstand und Geschäftsführung leben in Harmonie - trotz der aktuellen sportlichen Krise des FC.

Vorstand und Geschäftsführung leben in Harmonie - trotz der aktuellen sportlichen Krise des FC.

Im November vor einem Jahr übernahm Markus Rejek als dritter Geschäftsführer sein Amt, es war der Abschluss des kompletten Umbaus der operativen FC-Spitze. Das Präsidium legt großen Wert darauf, die Geschäftsführung im Alltag autark regieren zu lassen. „Die gute, planvolle Arbeit hinter den Kulissen, das wache und ehrliche Auge aller Verantwortlichen auf die aktuellen Entwicklungen, die Energie, die das Team an den Tag legt – das sind Faktoren, die es verdienen, mit Vertrauen belohnt zu werden“, teilten Werner Wolf und seine Stellvertreter mit. Der Vorstand wird also vorerst im Hintergrund bleiben. Wer das kritisieren mag, hat jedes Recht dazu. Allerdings steckt auch eine gewisse Konsequenz im Handeln des Präsidiums: Denn auch in erfolgreicheren Zeiten arbeiten Werner Wolf, Eckhard Sauen und Carsten Wettich eher nicht für die Showbühne.

Bochum geht zwar als Tabellen-14. in den Spieltag, steht aber insgesamt kaum besser da als der FC. Am vergangenen Freitag gelang der Mannschaft von Thomas Letsch beim 2:1 in Darmstadt der erste Saisonsieg, es war ein problematischer Auftritt: 61 Prozent Passquote bedeuteten einen dramatisch schwachen Wert, nur neunmal schoss der VfL aufs Tor, hatte nur 40 Prozent Ballbesitz und 2:11 Ecken. Takuma Asano erzielte beide Tore, und man fragt sich ja grundsätzlich, warum der japanische Nationalspieler nicht längst woanders spielt. Der schnelle Angreifer, der Deutschland im ersten Gruppenspiel der WM in Katar mit seinem 2:1-Siegtreffer in der 83. Minute auf den Weg in die Hölle schickte, wird für die Kölner Hintermannschaft eine Bedrohung sein.

Dass wir Letzter sind, war nicht mein Plan
FC-Trainer Steffen Baumgart

Es wird einiges zukommen auf die zuletzt wacklige FC-Defensive. Der Blick in die Statistik zeigt, dass Bochum ein sehr ungewöhnliches Aufbauspiel verfolgt. 319 Abstöße hat Torwart Manuel Riemann in dieser Saison mehr als 40 Meter weit geschlagen und damit fast genau dreimal so viele wie FC-Keeper Marvin Schwäbe. Bochum spielt die mit riesigem Abstand meisten langen Bälle von hinten – gefolgt von Darmstadt 98. Entsprechend sah vor einer Woche das Aufeinandertreffen beider Mannschaften aus.

Weil es hier noch auf Wiedervorlage liegt nur der Vollständigkeit halber: Steffen Baumgart ist übrigens noch FC-Trainer, sein erstes Saisonziel hat er damit erreicht. Im Sommer sagte der Trainer, er versuche zunächst, sich bis zum Sessionsbeginn am Elften im Elften im Amt zu halten. Fanden damals alle lustig.

Wobei zu sagen ist: Baumgart war in der Vorbereitung überzeugt von seinem Kader. Die Zweiteilung der Liga in eine Gruppe, die davonläuft und die Hälfte derer, die um die sportliche Existenz kämpfen, hat der Kölner Coach vorhergesagt, „das war meiner Meinung nach abzusehen“, sagt er. Die Bedrängnis, in die seine Mannschaft nun geraten ist, hat ihn jedoch überrascht. „Dass wir Letzter sind, war nicht mein Plan.“

Der Abend des Elften im Elften im ja durchaus legendären Bochumer Ruhrstadion verspricht angesichts der Lage also einmal mehr großes Drama. Dass die obere Tabellenhälfte entfesselt punktet, hat allerdings auch etwas Gutes für den FC: Trotz der lausigen Ausbeute ist der Kontakt zum Mittelfeld nicht verloren. Ein Sieg in Bochum könnte zum Ende des Spieltages Rang 14 bringen. Wird also Zeit.

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