FC-Trainer René Wagner spricht über die schwierige Situation, seine veränderte Rolle, Rückendeckung im Klub und Erwartungen.
FC-Trainer René Wagner„Das war mir in Köln von Anfang an bewusst“

Seit dem 22. März und zwölf Pflichtspielen beim FC in der Verantwortung: Trainer René Wagner
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Seit knapp 200 Tagen steht René Wagner (38) als Cheftrainer des 1. FC Köln in der Verantwortung. In der Länderspielpause und vor dem Derby gegen Borussia Mönchengladbach (11. Oktober) spricht der gebürtige Dresdner mit unser Redaktion über den Wechsel vom Co- zum Cheftrainer, die Rückendeckung der Vereinsführung und den Kredit, den er sich erarbeiten will. Auch die jüngsten Punktverluste, die defensive Anfälligkeit bei Standards und die Rollen von Said El Mala und Neuzugang Mikey Moore kommen zur Sprache. Wagner weiß: „Wir können nicht 34 Spieltage über einen guten Weg sprechen, ohne Punkte zu holen.“
Herr Wagner, Sie sind inzwischen fast 200 Tage beim 1. FC Köln als Trainer im Amt. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
René Wagner: Es war eine sehr lehrreiche, spannende Phase. Wir hatten gute Momente, aber natürlich auch schwierige, die wir analysiert und aus denen wir viel gelernt haben. Manches wollen wir künftig anders machen. Zugleich gibt es vieles, worauf wir aufbauen können. Der gemeinsame Kurs im Verein gibt uns Sicherheit. Umso mehr ärgern mich die Spiele in Hamburg und gegen Bremen: Wir hatten das Potenzial, mehr mitzunehmen.
Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler hat von einer „Stunde null“ für die neue Saison gesprochen. Sie waren schon in der vergangenen Saison Co- und später Cheftrainer. War es für Sie trotzdem ein Neustart?
Für unsere Zusammenarbeit war es ein Neustart: In der vergangenen Saison war ich nicht der Hauptverantwortliche und hatte deutlich weniger Einblick. Im Sommer haben wir uns gemeinsam auf einen Weg festgelegt. Dabei gibt es Themen, die wir weiterbearbeiten, und andere, die wir neu definiert haben. Mein Blick geht auf jeden Fall nach vorn.
Was hat sich für Sie mit dem Wechsel vom Co- zum Cheftrainer verändert?
Als Co-Trainer war es nicht meine Aufgabe, mich vor die Mannschaft zu stellen und sie zu motivieren. Das ist jetzt dazugekommen. Auch viele kleine Entscheidungen liegen nun bei mir: etwa, wie der Trainingsplan aussieht oder wie wir mit einem Spieler umgehen, der unter der Woche wegen eines Wehwehchens aus dem Training geht. Kann er am Wochenende trotzdem spielen? Welches Signal sendet das an die anderen? Es geht mir bei dem Job nicht darum, wie ich von außen wahrgenommen werde. Ich bin Fußballtrainer geworden, weil ich das Spiel liebe, weil ich hier in Köln auch den FC liebe, weil ich diese Herausforderung mag und weil der Job des Cheftrainers unheimlich komplex ist.
Ich bin Trainer geworden, weil ich das Spiel liebe, weil ich hier in Köln auch den FC liebe und weil ich diese Herausforderung mag
Ist es schwer, in der neuen Rolle hart sein zu müssen?
Das Hartsein selbst ist nicht schwer, wenn man eine klare Richtung hat. Schwieriger ist, dass 22 Spieler nicht immer dasselbe verstehen, wenn ich mit ihnen spreche. Wer gerade nicht spielt, interpretiert manches vielleicht negativer als ein Stammspieler. Mir ist wichtig, dass ein Spieler versteht, warum ich so entschieden habe. Deshalb muss ich klar und sauber kommunizieren, ohne über das Ziel hinauszuschießen. Mit jedem möglichst gleich zu sprechen – unabhängig davon, ob er spielt oder nicht – ist schwierig, aber mein Anspruch. Die wichtigste Währung eines Fußballers ist Spielzeit. Trotzdem kann ich nur eine begrenzte Zahl an Minuten verteilen. Wenn einer der Jungs zu wenig oder keine Minuten bekommt, fühlt sich das für ihn zunächst schlecht an.
Im Sommer war oft vom „Rucksack“ die Rede. Thomas Kessler sagte, er könne das Wort in Zusammenhang mit Ihnen nicht mehr hören. Ist es für Sie ein Kampf um Kredit? Fehlt Ihnen eine Lobby?
Wenn meine sportliche Kreditkarte irgendwann so voll ist, dass wir Spiele wie Bremen und Hamburg weglächeln, weil wir wissen: Das gehört zum Prozess dazu, dann sind wir genau dort angekommen, wo der Verein es verdient hat, zu sein – nämlich an dem Punkt, an dem wir Dellen sauber miteinander aushalten und uns dadurch Schritt für Schritt entwickeln können. Aktuell ist das noch anders: Erst einmal müssen die Dellen in Grenzen bleiben – so können wir uns gemeinsam ein bisschen Kredit erarbeiten. Ich will keine Lobby geschenkt bekommen. Ich will auch nicht einfach Kredit geschenkt bekommen, weil ich der junge Co-Trainer bin und sich alle wünschen: „Es wäre so geil, wenn jetzt einer aus dem Verein kommt und das mal schafft.“ Mir ist bewusst: Unsere Aufgabe ist es, Spiele zu gewinnen. Ich habe Verständnis dafür, wenn Menschen von außen Fragen stellen, kritisieren und nicht auf Anhieb verstehen, warum etwas passiert oder Dinge Zeit brauchen. Damit kann ich sehr gut umgehen, da mir das in Köln von Anfang an bewusst war. Außerdem kenne ich meinen Lebenslauf: Ich habe keine 200 Bundesligaspiele und bekomme vielleicht nicht 15 Chancen. Aber ich tue mit meinem Team jeden Tag alles dafür, dass wir unsere Chance nutzen.
Spüren Sie die Rückendeckung der Verantwortlichen?
Hundertprozentig. Schon als Interimstrainer hatte ich das volle Vertrauen des Vereins, dass wir es schaffen können. Seit dem Sommer spüre ich Ruhe im Verein und habe den Eindruck, dass alle an einem Strang ziehen. Die Unterstützung ist da – aber der Kredit ist nicht unbegrenzt. Wir dürfen uns entwickeln, müssen gleichzeitig aber auch Spiele gewinnen; daran werden wir gemessen. Die Entwicklung sehe ich jeden Tag, und die Chancen, zu gewinnen, waren definitiv da. Aber wir haben zu wenig daraus gemacht. Das wollen wir ändern.
Wie nehmen Sie die Unruhe im Umfeld wahr?
Ich spüre die Sorge, dass es nicht funktioniert, und die Unsicherheit in Bezug auf meine Person. Das kann ich nachvollziehen. Dieses Vertrauen muss ich mir als junger Trainer erarbeiten, das ist mir klar. Gleichzeitig bin ich nicht zum Spaß jeden Tag um halb sechs hier. Mir ist die Verantwortung für diesen Verein sehr bewusst. Wir können nicht 34 Spieltage über einen guten Weg sprechen, ohne Punkte zu holen.
Mir ist die Verantwortung sehr bewusst. Wir können nicht 34 Spieltage über einen guten Weg sprechen, ohne Punkte zu holen.
Das Derby gegen Borussia Mönchengladbach ist dafür eine besondere Gelegenheit. Was erwarten Sie?
Unser Ziel ist klar: Wir wollen das Derby zu Hause gewinnen. Dass dieses Spiel besonders ist, müssen wir niemandem erklären – außer vielleicht den Jungs aus England. Ihnen werden wir vorher zeigen, was dieses Derby bedeutet. Wir bereiten uns im Training gerade auf verschiedene Szenarien vor, weil Gladbach nach der XL-Länderspielpause mit einem neuen Trainer kommt.
Der FC kassiert viele Gegentore, vor allem weiter nach Standards. Was muss sich defensiv ändern?
Bei Standards müssen wir uns verbessern. Punkt.
Aber auch die letzte Abwehrreihe stand zuletzt oft in der Kritik...
Es ist mir zu einfach, Gegentore nur an den Innenverteidigern festzumachen, weil die Innenverteidiger und der Torhüter beim Abschluss meistens die letzten Spieler einer Fehlerkette sind. Für mich ist das ein gesamttaktisches und grundsätzlich defensives Thema. Viele Situationen hätten schon vorher von mehreren Spielern verteidigt werden können. Wie auch bei den Standards geht es nur gemeinsam.
Said El Mala könnte mit der Nationalmannschaft einen wichtigen Schritt machen. Was wünschen Sie sich für seine Entwicklung?
Ich freue mich, dass er bei der Nationalmannschaft dabei ist. Die von Jürgen Klopp geforderte Arbeitermentalität wird ihm guttun. Dazu ist er in einer Gruppe von Spitzenspielern. Bei uns liegt der Fokus derzeit stark auf ihm. Dort ist er einer von vielen Spielern mit Ausnahmequalitäten – Said kann sich sicher noch einiges abschauen und lernen, wie andere mit dieser Rolle umgehen. Das wird ihm bei seiner Entwicklung helfen und ihn darin unterstützen, in jeder Phase des Spiels präsent zu sein. Ich wünsche ihm, dass er mit breiter Brust und einem Erfolgserlebnis zurückkommt.

René Wagner mit FC-Jungstar Said El Mala
Copyright: René Wagner mit FC-Jungstar Said El Mala
Im Sommer gab es Wechselgerüchte um Borussia Dortmund. Wie ist El Mala mit der Situation umgegangen?
Man hat kaum gemerkt, dass ihn das beschäftigt. Vielleicht ging es ihm ein, zwei Tage nicht so gut, als die Gerüchte als nahezu fix dargestellt wurden und Reaktionen aus dem Umfeld kamen. Da haben wir ihm geholfen, das auszublenden. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass er sich in eine Situation bringen wollte, in der er den Verein verlassen kann. Er hat mir auch nie gesagt, dass er gehen will.
Was kann Neuzugang Mikey Moore – auch im Zusammenspiel mit El Mala – der Offensive geben?
Wir wollen auf verschiedenen Wegen und mit mehreren Spielern torgefährlich werden. Mikey und Said können gemeinsam auf dem Platz stehen; je nach Spielverlauf können aber auch andere Offensivspieler beginnen oder eingewechselt werden. Das macht uns variabler und für den Gegner schwerer auszurechnen. Aber klar: Mikey haben wir nicht ohne Grund geholt. Seine Offensivqualität hat man jetzt auch wieder bei der U20 gesehen. Bei uns hat er sie auch schon gezeigt. Jetzt muss er sich nur noch mit einem Tor belohnen.
Was erhoffen Sie sich persönlich – und was ist in dieser Saison das Ziel?
Ich wünsche mir eine stabile Bundesligasaison, in der wir uns weiter etablieren. Stand heute geht es um den Klassenerhalt. Wichtig wird sein, dass wir nicht in eine bedrohliche Lage geraten und unseren eingeschlagenen Weg fortsetzen können. Dann können wir vielleicht irgendwann auch zu Saisonbeginn über andere Ziele sprechen als nur den Klassenerhalt.
ZUR PERSON
René Wagner, geboren am 17. Juli 1988 in Dresden, spielte beim VfB Oldenburg und bei Dynamo Dresden II, bevor er mit 22 Jahren an die Hawaii Pacific University wechselte. In den USA begann er auch seine Trainerlaufbahn: zunächst im Nachwuchsbereich, später als Co-Trainer bei Inter Miami. 2020 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete beim SC Paderborn, wo er vom Scout zum Co-Trainer unter Steffen Baumgart aufstieg. Mit Baumgart wechselte Wagner 2021 zum 1. FC Köln, später zum Hamburger SV und zu Union Berlin. 2025 kehrte er als Co-Trainer nach Köln zurück. Nach der Freistellung von Lukas Kwasniok übernahm Wagner im März 2026 zunächst interimsweise die Profimannschaft. Inzwischen ist er Cheftrainer des FC; sein Vertrag läuft bis 2028. Er besitzt die UEFA-Pro-Lizenz.
